Sesamstraße Autismus
Nina Rölleram 24.03.2017

Die Sesamstraße hat uns in unserer Kindheit wohl alle begleitet und vielleicht schauen heute Deine eigenen Kinder das immer noch erfolgreiche Format. Die amerikanische Version Sesame Street ist unserer Sesamstraße ähnlich, aber es gibt ein paar andere Figuren: Big Bird und Elmo führen dort anstelle von Tiffy und Samson durch die Sendung. Bald wird in den USA die Sesamstraßen-Familie außerdem um eine liebenswürdige Figur wachsen: Mit der Puppe Julia wird erstmals ein Charakter mit Autismus vorgestellt. Wie vorbildlich die Sesamstraße hier mit dem Thema geistige Behinderung umgeht und warum es dennoch Kritik hagelt, erfährst Du hier.

Besonders in den USA greift die Sesamstraße gerne gesellschaftliche und politische Themen auf.

Besonders in den USA greift die Sesamstraße gerne gesellschaftliche und politische Themen auf.

Julia ist ein bisschen anders

Die neue Figur namens Julia gleicht im Gegensatz zu den kleinen Monstern Elmo und Grover (Grobi) eher einem kleinen Mädchen mit orangefarbenen Haaren. Laut ihrer Erfinderin Leslie Kimmelman ist Julia ein vier Jahre altes Mädchen, das eben eine ganz bestimmte Form von Autismus hat: Julia ist eher wortkarg und wirkt manchmal etwas verträumt. Bei der Gestaltung der Figur war es Kimmelman wichtig, Julia als Individuum darzustellen. Autismus kann schließlich viele verschiedene Formen annehmen und kein Mensch mit dieser Diagnose gleicht wirklich einem anderen. Julia soll also nicht das gesamte Spektrum von Autismus darstellen, sondern eben ihre ganz eigene Form, ganz so wie im echten Leben!

Der neue Charakter tauchte zuvor bereits in Sesamstraßen-Bilderbüchern und Online-Specials auf, soll aber ab April einen festen Platz in der Kindersendung bekommen. So wünscht es sich zumindest Autorin Kimmelman, denn Autismus sollte nicht nur ein Nischenthema sein, mit dem man sich eine Sendung lang beschäftigt, sondern einfach zur Normalität gehören. Kinder sollen so einen unverkrampften Umgang mit Behinderung anstelle von Stereotypen kennenlernen. In einer Preview von Julias erster Sesamstraßen-Folge fragt Big Bird daher auch ganz offen, was Autismus überhaupt ist. Anstelle einer festgelegten Definition lernt der große gelbe Vogel, dass Julia viele Dinge einfach etwas anders macht als andere, in einer ganz bestimmten Julia-spezifischen Art und Weise: Das bedeutet Autismus in Julias Fall und das ist auch alles, was zählt.

 

Warum die neue Figur nicht durch ihren Autismus definiert wird

Bei der Einführung eines autistischen Charakters wie Julia könnte man annehmen, dass sie nur in der Sendung ist, um Kindern den Umgang mit behinderten Menschen beizubringen. Genau das ist aber nicht der Fall: Julia soll keinesfalls durch ihren Autismus definiert werden. Die Message soll viel eher sein: Wir haben alle unsere Eigenarten und, noch viel wichtiger, auch sehr viele Gemeinsamkeiten. Die anderen Sesamstraßen-Charaktere müssen Julia in den ersten Folgen erst noch richtig kennenlernen, finden aber stets eine gemeinsame Basis und integrieren sie schließlich in die Gruppe.

Wenn das Plappermäulchen Elmo Julia Fragen stellt, antwortet sie beispielsweise nicht wirklich und wirkt abwesend. Doch Elmo lässt nicht locker und findet immer einen Weg, mit Julia zu kommunizieren. Dies geschieht dann vielleicht weniger im Gespräch, sondern eher über gemeinsames Singen und Spielen. Dabei singt Julia auch mal einen falschen Ton, wird plötzlich laut oder betont Worte ein wenig anders, dennoch wird deutlich: Es gibt verschiedene Wege, miteinander zu kommunizieren und sogenannte Behinderungen stehen ungezwungenen Freundschaften nicht im Weg.

Unglaublich: Kritik an Julias Autismus

Als ich erfahren habe, dass die Sesamstraße nun einen autistischen Charakter einführt, war ich zugegebenermaßen zunächst skeptisch. Denn allzu oft werden Menschen mit Behinderungen in Kindersendungen, -büchern und -hörspielen doch recht stereotyp dargestellt. Doch in diesem Fall habe ich das Gefühl, dass sich die Autoren wirklich mit betroffenen Personen auseinandergesetzt haben und eine individuelle Figur zeigen wollen, die eben unter anderem Autismus hat. Obwohl die Sesamstraße hier also alles richtig zu machen scheint, sind bereits kritische Stimmen aufgetaucht – aus einer Ecke, die ich nicht vermutet hätte.

Es sind nicht etwa Menschen mit Behinderungen, die sich vielleicht über eine unsachgemäße Darstellung von Autismus ärgern, sondern ein bekannter Verschwörungstheoretiker: Alex Jones sorgt auf seinem Youtube-Channel mit kruden Aussagen immer wieder für Aufsehen, hat erschreckenderweise aber auch über 2 Millionen Abonnenten. In einem neuen Video kritisiert er die Einführung von Julia scharf, denn durch sie werde Autismus in der Gesellschaft normalisiert. Was daran schlecht ist? Für Jones ganz klar: Autismus wird durch Impfungen hervorgerufen und die Sesamstraße ist somit Teil einer groß angelegten staatlichen Impf-Propagandamaschinerie. Bei so viel Blödheit kann man sich wohl nur an den Kopf fassen und sich wünschen, Alex Jones hätte in seiner Kindheit ein bisschen mehr Sesamstraße geschaut. Dann wäre heute bestimmt nicht so ein starrsinniger Hetzer aus ihm geworden.

Findest Du das Video von Julia und Elmo auch so herzallerliebst wie wir? Hast Du vielleicht selbst ein Kind mit Autismus und freust Dich darüber, dass die Sesamstraße endlich dieses Thema aufgreift? Dann teile Deine Erfahrungen mit uns in den Kommentaren und verrate uns, was Du von Alex Jones’ Kritik hältst!

Bildquelle: Getty Images/Robin Marchant, Getty Images/SAUL LOEB


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