Übergewichtige Erzieherin
Katharina Meyeram 15.09.2017

Die meisten Eltern wissen, wie schwer es ist, einen Kita-Platz zu finden – und dann auch noch einen, in dem nette, liebevolle Erzieherinnen arbeiten, die gut mit ihrem Kind umgehen. Trotzdem hat eine Mutter nun eine Kita abgelehnt – weil die Erzieherin dort ihr zu fett ist.

„Die Erziehungshelferin war eindeutig eine wundervolle Frau: lieb und großartig im Umgang mit Kindern. Aber als ich sie mit meiner zweijährigen Tochter spielen sah, fühlte ich wachsendes Unbehagen in mir.“ So beginnt die Londoner Autorin Hilary Freeman einen offenen Brief in der „Daily Mail“. Was sie an der netten und qualifizierten Erzieherin so gestört hatte? Sie war dick.

Und obwohl die Kita gute Bewertungen hatte und die junge Dame anscheinend auch sehr wohl in der Lage war, mit Kindern umzugehen, entschied Freeman sich alleine wegen der Körperform der Betreuerin gegen diesen Kita-Platz und wählte stattdessen eine Betreuungseinrichtung, in der die Angestellten nicht übergewichtig waren.

„Das ist das erste Mal, dass ich diese Gefühle offen zugebe“

Während Hilary im Freundes- und Bekanntenkreis stets sagte, die andere Kita habe ihr besser gefallen, weil sie kleiner und persönlicher sei, hält sie in dem Artikel nun nicht mit ihrer Meinung hinterm Berg. Ihre Angst sei, dass eine fette Erzieherin einerseits nicht in der Lage sei, hinter einem quirligen Kleinkind herzulaufen und andererseits – ihre noch größere Sorge – ihrem Kind vermittle, dass es normal oder sogar wünschenswert sei, übergewichtig zu sein.

„Diese Fat-Positivity – also die Akzeptanz von Übergewicht – geht heutzutage zu weit“, schreibt Freeman. „Früher eine Antwort auf Diskriminierung gegen diejenigen, die nicht dem Schönheitsideal unserer Gesellschaft entsprechen, ist sie jetzt eine Ausrede für schwer Übergewichtige, um ihre Körper zu feiern, völlig egal, welche Konsequenzen es hat.“

Ich arbeite hart an mir – deshalb sollten andere das auch tun?

Hilary gesteht, dass es auch ihr selbst nicht leichtfällt, dünn zu bleiben. Sie berichtet von ihrer Schilddrüsenunterfunktion, die ja bekanntermaßen mit Gewichtszunahmen im Zusammenhang stehen kann, und davon, dass sie mindestens eine halbe Stunde Sport pro Tag treibt und nicht mehr als 1500 Kalorien isst. Das Credo dieser Aufzählungen? Wenn sie sich so ins Zeug legen kann, um nicht fett zu werden, können andere das auch.

Übergewicht so schlimm wie Kettenrauchen?

Ihr letztes Argument, warum sie nicht will, dass ihr Kind von einer fetten Erzieherin betreut wird: Starkes Übergewicht ist so ungesund wie Rauchen. Hätte sie nicht gewollt, dass ihr Kind von einer kettenrauchenden Erzieherin betreut wird, hätte jeder Verständnis dafür gehabt. Dabei habe Übergewicht ebenso wie Rauchen Passiveffekte. Schließlich wird durch den Umgang mit dicken Menschen ein höheres Gewicht immer normaler – und so die Wahrscheinlichkeit größer, dass das Kind irgendwann selbst fett wird.

Mein Fazit: Da muss ich meinen Senf zu geben

Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich schon beim Lesen des offenen Briefs von Hilary Freeman so wütend geworden bin, dass für mich klar war: Da muss ich meinen Senf zu geben.

Ich will mich hier nicht hinstellen und sagen, dass Übergewicht gesund ist und überhaupt kein Problem in unserer Gesellschaft darstellt. Es gibt genügend Studien, die zeigen, dass ein viel zu hoher BMI gesundheitsschädliche Folgen haben kann. Aber darum geht es hier meiner Meinung nach auch gar nicht.

Worum es geht, ist, dass es niemanden etwas angeht, ob ein Mensch so übergewichtig ist, dass es seiner Gesundheit schadet, außer den übergewichtigen Menschen selbst. Solange die Erzieherin ihre Arbeit gut macht – was ja anscheinend auch in den Augen von Freeman der Fall war – ist es völlig egal, wie sie aussieht. Anzunehmen, dass jemand aufgrund äußerer Merkmale schlechter in einer Aufgabe ist, ist nichts anderes als Diskriminierung.

Ich verstehe, dass Eltern gerade im Bezug auf ihre Kinder und die Personen, bei denen sie sie in Obhut geben, extrem hohe Ansprüche haben. Aber ist es nicht viel mehr Wert, sie in den Händen einer liebevollen, kompetenten Person zu wissen, als in denen einer Person, die es schafft, jeden Tag Sport zu machen und sich spartanisch zu ernähren, um dem gängigen Bild davon zu entsprechen, was ein gesundes Gewicht ist? Und lernt ein Kind von einer dicken Erzieherin nicht vielmehr, dass es okay ist, wenn man anders aussieht, solange man seine Mitmenschen mit Verständnis und Respekt behandelt, als dass Übergewicht normal und wünschenswert ist? Ich jedenfalls würde wollen, dass mein Kind andere nicht wegen ihrer Figur, ihrer Hautfarbe oder anderer Merkmale beurteilt – völlig egal, ob man diese nun theoretisch selbst ändern könnte oder nicht.

Und zum letzten Argument: Übergewicht mit Rauchen zu vergleichen, ist völliger Schwachsinn. Während Zigaretten wirklich Passivschäden mit sich bringen, macht Übergewicht niemanden „passiv dick“. Und auch, ob eine Erzieherin raucht oder nicht, geht Eltern meiner Meinung nach nur etwas an, wenn sie das im Beisein des Kindes tun würde. Ansonsten ist auch das Privatsache jedes Menschen selbst – egal, ob das nun gesund oder ungesund für ihn ist.

Natürlich hat jedes Elternteil das Recht, sich die Erzieher des Kindes nach ihren eigenen Vorstellungen auszusuchen und auch abzulehnen. Sich dann aber lang und breit im Internet darüber auszulassen, dass es eine schlechte Entwicklung sei, dass Übergewicht heute von vielen Seiten nicht diskriminiert wird, ist einfach nur daneben.

Was meinst du zu den Argumenten von Hilary Freeman? Ich freue mich darauf, in den Kommentaren mit dir zu diskutieren!

 

Bildquelle:

iStock/mikanaka, giphy.com


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