Annique Delphine
Nina Rölleram 24.03.2017

Der Anblick nackter Brüste und insbesondere von Nippeln sorgt kaum für Aufsehen, da wir die Darstellung nackter Frauenkörper in der Werbung oder voyeuristische Brust-OP-Sendungen im Trash-TV längst gewohnt sind. Doch auch heute noch können nackte Brüste in bestimmten Kontexten provozieren und für Diskussionen sorgen. Die in Berlin ansässige Künstlerin Annique Delphine hat sich dies für ihre Installationen und Fotografien zunutze gemacht: Mithilfe von Gummibrüsten verarbeitet sie künstlerisch Themen rund um den weiblichen Körper. Ich konnte mit Annique ein Interview führen und dabei mehr über die Message hinter ihren Brust-Kunstwerken erfahren. Wie sie mit ihrer Arbeit gegen Slut Shaming ankämpft und warum sie als Feministin auch immer wieder aneckt, erfährst Du hier.

Nackte Brüste begegnen uns zwar überall in den Medien, in vielen Kontexten gelten sie jedoch als Tabu und wirken deplatziert wie in dieser Installation von Annique Delphine.

Nackte Brüste begegnen uns zwar überall in den Medien, in vielen Kontexten gelten sie jedoch als Tabu und wirken deplatziert wie in dieser Installation von Annique Delphine.

Einmal Erdbeer und einmal Brust, bitte: „Single Serve Feminism“

Einmal Erdbeer und einmal Brust, bitte: „Single Serve Feminism“

In vielen Deiner Fotos und Installationen thematisierst Du die Objektifizierung und Sexualisierung weiblicher Brüste anhand von Gummibrüsten. In Deinen Fotos findet man diese zum Beispiel in Telefonzellen, auf Gehwegen oder in Eistüten drapiert. Warum hast Du Dir diese Orte ausgesucht?

Das Projekt „Girl Disruptive“ fing damit an, dass ich den menschlichen Alltag unterbrechen wollte, indem ich im öffentlichen Raum visualisiere, dass Weiblichkeit sich trotz Unterdrückung immer wieder einen Weg bahnen wird. Es soll auf feministische Themen aufmerksam machen wie zum Beispiel gender-basierte Gewalt, Slut Shaming und jetzt aktuell die Art, wie in den USA Frauen ihre körperliche Selbstbestimmung und ihr Recht auf Aufklärung und medizinische Versorgung immer mehr abgesprochen wird. Dafür wähle ich Orte, an denen Menschen sich mit den Installationen auseinandersetzen müssen, wenn sie ihrem Alltag nachgehen wollen. Manchmal sind das banale Plätze wie eben eine Telefonzelle, und oft aber auch gezielt gewählte Orte, die mit den meine Themen verbunden sind. Zum Beispiel in New York eine Planned Parenthood Frauenklinik [Anm. d. Redaktion: Klinik, in der Abtreibungen durchgeführt werden], oder in Los Angeles der Ort, am dem die Leiche von Elizabeth Short gefunden wurde [Anm. d. Redaktion: Der Mord an Elizabeth Short ging als Black Dahlia Murder in die Geschichte ein und zeichnete sich durch seine gezielt frauenfeindliche Brutalität aus].

Auf sozialen Netzwerken wird die gesellschaftliche Doppelmoral von der allgegenwärtigen Darstellung nackter Frauenkörper auf der einen und der Zensur von weiblichen Nippeln auf der anderen Seite deutlich spürbar. Eckst Du mit Deinen Kunstwerken oft an oder erlebst Du die Kunstwelt als einen Freiraum, in dem nackte Brüste nicht provozieren?

Ich ecke mit meinen Bildern auf jeden Fall an. Zum einen bei Menschen, die nicht verstehen, dass Sexismus immer noch allgegenwärtig ist, und zum anderen auch bei anderen Feministinnen, die meine Art die Themen anzusprechen nicht für die richtige halten. Das ist auch vollkommen in Ordnung so. Mein Ziel ist es ja, mit meinen Arbeiten Dialoge zu starten, und das geht eben oft mit Reibung los.

Die Kunstwelt an sich ist leider für Frauen noch kein so großer Freiraum. Für Künstler ist es völlig akzeptiert nackte Frauen darzustellen. Wenn Künstlerinnen das tun, und vor allem wenn sie sich selbst darstellen, dann wird das oft noch als eitel oder als Schrei nach Aufmerksamkeit abgetan. Das hat John Berger [Anm. d. Redaktion: John Berger ist ein kürzlich verstorbener britischer Schriftsteller und Kunstkritiker] mal schön auf den Punkt gebracht: „You painted a naked woman because you enjoyed looking at her, put a mirror in her hand and you called the paintings ‘Vanity’, thus morally condemning the woman whose nakedness you had depicted for your own pleasure.“ [Anm. d. Redaktion: Übersetzt in etwa: „Du hast eine nackte Frau gemalt, weil Du es genossen hast, sie anzusehen. Gib dieser Frau einen Spiegel zur Hand und schon würden diese Gemälde mit ‘Eitelkeit’ betitelt werden und somit die Nacktheit der Frau verurteilen, die Du zu Deinem eigenen Vergnügen abgebildet hast.“]

Du gehst sehr offen damit um, dass Du trotz all dieser Kritik an Schönheitsnormen, sehr vieles davon verinnerlicht hast. Glaubst Du, dass sich Frauen diese körperlichen Komplexe „abtrainieren“ können, zum Beispiel durch Beschäftigung mit kritischen Kunstwerken, entsprechende Lektüre, ect.?

Ich glaube, das Abtrainieren ist nicht mal das Schwierigste, sondern eine gesunde Balance zu finden zwischen: „Ist mir scheißegal, was die anderen von meinen Äußerlichkeiten halten” und schön sein zu wollen.

Was schön ist, sollte jeder für sich selbst definieren und an niemanden sollten Erwartungen gestellt werden in einen bestimmten Standard oder in bestimmte gesellschaftliche Normen reinzupassen.

Als Feministin muss ich öfter mal erklären, dass es kein Widerspruch ist, wenn ich Lippenstift trage, oder wenn ich mir die Beine rasiere. Es geht darum, dass mir niemand vorzuschreiben hat, dass nur haarlose Beine schöne Beine sind.

Eine Installation in Gedenken an Elizabeth Short

Installation in Gedenken an Elizabeth Short

Verändert sich Deine Sicht auf Deinen eigenen Körper, desto mehr Du Dich künstlerisch mit der Sexualisierung von Frauenkörpern auseinandersetzt?

Ich glaube, meine Sicht auf meinen Körper ändert sich kontinuierlich und am spannendsten für mich ist dabei immer, wenn ich denke, ich habe jetzt alle Formen von Sexismus begriffen und dann tut sich plötzlich wieder ein neuer Abgrund vor mir auf. Das kommt vor allem durch die Überschneidung von Sexismus mit Rassismus und anderen Arten der gesellschaftlichen Unterdrückung. Als weiße Cis-Frau [Anm. d. Redaktion: Cis-Frau bedeutet hier, dass sich Annique Delphine selbst als Frau identifiziert und sich dies mit dem Geschlecht deckt, das ihr bei ihrer Geburt zugewiesen wurde] erfahre ich ja herzlich wenig Unterdrückung in unserer Gesellschaft. Aber ich befasse mich trotzdem mit allen Themen, auch wenn sie mich persönlich nicht betreffen, weil ich denke, dass sie uns einfach alle etwas angehen.

Würdest Du Dir eine Gesellschaft wünschen, in der Frauen ganz selbstverständlich oben ohne herumlaufen können? Oder falls nein: Wie sähe für Dich ein „entspannter Umgang“ mit weiblichen Brüsten aus?

Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der Frauen für sexuelle Übergriffe keine Schuld mehr zugesprochen wird. Wenn eine Frau jetzt oben ohne in der Öffentlichkeit rumläuft, kann sie nicht kontrollieren, wie andere darauf reagieren. Natürlich kann es dann Menschen geben, die das erregend finden, sie nackt zu sehen, auch wenn sie nichts Sexuelles tut, sondern zum Beispiel sich einfach nur im Park sonnt. Ich möchte eine Gesellschaft, in der die Schuld dann zweifellos beim Angreifer liegt, der sich nicht kontrollieren konnte, statt bei der Frau, die ihn nicht kontrollieren konnte.

Ich danke Dir für das Interview und die vielen interressanten Denkanstöße, Annique!

Wenn Du mehr über Annique Delphines Arbeiten erfahren willst, kannst Du ihr auf Instagram folgen oder ihre Webseite besuchen.

Bildquelle: Annique Delphine


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