Umstellung

Diagnose Glutenunverträglichkeit

Anna-Maria von Kentzinskyam 27.07.2015 um 16:42 Uhr

Wenn Brot und Nudeln für Bauchschmerzen sorgen, kann eine Glutenunverträglichkeit der Auslöser sein. Doch was genau steckt eigentlich hinter diesem Begriff, was hat es mit Gluten auf sich und in welchen Lebensmitteln ist Gluten enthalten? Musst Du Dich nach der Diagnose Glutenunverträglichkeit für immer von Brot, Brötchen und Co. verabschieden? Ist es sinnvoll, sich glutenfrei zu ernähren, auch wenn man nicht an einer Unverträglichkeit leidet? Wir haben die wichtigsten Fakten rund um das Thema Glutenunverträglichkeit zusammengetragen.

Nach einer leckeren Portion Spaghetti Bolognese rumort Dein Magen ebenso wie nach der Scheibe Brot zum Frühstück oder den Pancakes am Wochenende? Immer, wenn Du Getreideprodukte gegessen hast, bekommst Du Bauchschmerzen und Dir geht es nicht gut? Du gehst zum Arzt und er stellt fest: Du leidest unter einer Glutenunverträglichkeit, die in Fachkreisen als Zöliakie bekannt ist. In weiten Teilen der Welt ist die Glutenunverträglichkeit ein bekanntes Phänomen, lediglich in Japan und Südostasien ist die Erkrankung sehr selten. Wie häufig und wann Menschen daran erkranken, ist unterschiedlich: Von 200 Personen leiden zwischen einem und 70 Personen an einer Glutenunverträglichkeit, die Altersspanne für einen Erstausbruch liegt zwischen dem Kleinkindalter und etwa 60 Jahren. Gegen die Krankheit helfen keine Medikamente, die einzige Therapie ist die konsequente Umstellung der Ernährung. Ab jetzt müssen alle glutenhaltigen Lebensmittel vom Tisch. Für immer. Doch was bedeutet das eigentlich? Was ist Gluten und in welchen Lebensmitteln ist es enthalten? Gluten ist ein Eiweiß, das in größeren Mengen in den gängigsten Getreidesorten enthalten ist. Dazu zählen beispielsweise Weizen, Roggen, Gerste und Dinkel sowie natürlich auch alle Produkte, die aus ihnen hergestellt werden: von Brot und Nudeln über Bier bis hin zu Müsli. Das Eiweiß ist unter anderem dafür verantwortlich, dass Brot, Kuchen und Co. beim Backen zusammenhalten; es wird auch Klebereiweiß genannt, da glutenhaltiges Mehl in Verbindung mit Wasser klebrig wird.

Bei einer Glutenunverträglichkeit ist Weizenbrot aus dem Speiseplan gestrichen

Goodbye Toastbrot? Mit einer Glutenunverträglichkeit muss auf Getreideprodukte verzichtet werden

…und wie kommt es nun zur Glutenunverträglichkeit?

Die genetische Voraussetzung für eine Glutenunverträglichkeit besitzen etwa 30 bis 40 Prozent der Bevölkerung der Länder, in denen Zöliakie vorkommt. Sie verfügen über bestimmte Eiweißstoffe auf ihren Immunzellen – genauer gesagt über die Proteine HLA-DQ2 oder HLA-DQ8. Dass der Körper das Gluten als zu bekämpfenden Fremdkörper betrachtet, ist also genetisch bedingt. Wer diese Proteine in sich trägt, leidet aber nicht automatisch an einer Unverträglichkeit. Das Risiko, eine Zöliakie zu entwickeln, steigt jedoch um das Dreifache. Warum bei einigen Menschen mit diesem Protein der Körper plötzlich gegen Gluten streikt und bei einigen nicht, ist bis heute ungeklärt. Vermutet wird eine Kombination aus noch nicht identifizierten Genen, Umwelteinflüssen, Infektionen und der Stillzeit im Säuglingsalter. Eine Glutenunverträglichkeit äußert sich dann ungefähr so: Isst Du nun eine Scheibe Brot oder eine Portion Nudeln, wird das Gluten nicht vollständig in Deinem Magen oder Dünndarm verdaut, Moleküle davon werden auch von der Dünndarmschleimhaut aufgenommen und gelangen in die Blutbahn. So ist es bei jedem Menschen. Bei einigen kann es im Laufe des Lebens allerdings passieren, dass der Körper die Glutenmoleküle plötzlich als Feind betrachtet, ähnlich wie Bakterien oder Viren. In diesem Fall werden die Immunzellen des Körpers aktiviert, die wiederum die Dünndarmschleimhaut entzünden und zum Verlust der Darmzotten führen. Ist das der Fall, besteht eine Glutenunverträglichkeit, die viele Symptome und Folgeerkrankungen mit sich bringt.

Wie erkenne ich eine Glutenunverträglichkeit?

Kann Dein Körper Gluten nicht vertragen, können die Symptome ganz unterschiedlich ausfallen. „Klassiker“, die sicher auf eine Zöliakie hinweisen, gibt es eigentlich nicht. Das macht die Glutenunverträglichkeit so schwer zu diagnostizieren – sie wird daher oftmals jahrelang gar nicht erkannt. Die häufigsten Beschwerden des Magen-Darm-Trakts sind unter anderem Bauchschmerzen, Blähungen, Durchfall, fettiger Stuhl, Übelkeit und Erbrechen. Zu den Begleiterkrankungen der Zöliakie gehören Antriebslosigkeit, Muskelschmerzen, Arthritis, Ödeme, Hautausschlag, Mangelerscheinungen und Blutarmut, Depression, Demenz, Angststörungen sowie Kopfschmerzen. Oft genug verursacht die Glutenunverträglichkeit auch eine Laktoseintoleranz. All diese Symptome können, müssen aber nicht auftreten. Zudem sind sie nicht ausschließlich an die Zöliakie gebunden und können auch auf andere Ursachen zurückzuführen sein. Bitte beachte: Du findest hier allgemeine Informationen zum Thema Glutenunverträglichkeit beziehungsweise Zöliakie, um Dir einen ersten Überblick über dieses komplexe Thema zu verschaffen. Dieser Artikel darf jedoch nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung genutzt werden und kann einen Besuch bei Deinem Arzt und seine professionelle Betreuung nicht ersetzen. Solltest Du Beschwerden haben und den Verdacht hegen, dass Du unter einer Glutenunverträglichkeit leidest, wende Dich also an einen Mediziner. Er wird zuerst eine Blutuntersuchung anordnen. Deutet sie auf eine Zöliakie hin, sorgt eine Dünndarmbiopsie für Klarheit.

Diagnose Glutenunverträglichkeit – und nun?

Derzeit gibt es kein Medikament gegen die Glutenunverträglichkeit. Die einzig wirksame Therapie ist demnach eine glutenfreie Ernährung. Nur so kann sich der Darm wieder beruhigen, die Entzündungen der Darmschleimhaut gehen zurück und auch die Darmzotten können sich wieder erholen. Ihre Gesundheit ist besonders wichtig, denn sie sind für die Aufnahme der Nährstoffe in den Körper verantwortlich. Ihre Beschädigung hat die vielen Mangelerscheinungen (zum Beispiel Eisen oder Vitamine) zur Folge, die bei einer Glutenunverträglichkeit auftreten können. In der Regel wird die neue Diät durch eine intensive Ernährungsberatung begleitet, denn sich glutenfrei zu ernähren, bedeutet vollkommen auf Getreideprodukte zu verzichten. Das schließt nicht nur Brot, Brötchen und Gebäck mit ein, sondern auch Pizza, Panaden, Pasta, Couscous und Bulgur, Seitan, Malzkaffee, Bier, Glühwein, Punsch und Liköre. Natürlich gehören in diese Liste auch alle Produkte, die diese Zutaten enthalten. Da wären beispielsweise Schnitzel zu nennen, oder auch Joghurt mit Knusperstückchen sowie abgebundene Soßen. Im Rahmen der Ernährungsberatung bekommst Du Tipps und Tricks um zu erkennen, ob Gluten in einem Lebensmittel steckt. Außerdem lernst Du, wie Du Dich weiterhin abwechslungsreich und vor allem lecker ernähren kannst. Schließlich sollst Du auch ohne glutenhaltige Produkte noch all die Nährstoffe aufnehmen, die Dein Körper benötigt. Dabei ist der Tisch immer noch reich gedeckt: natürlich mit Obst und Gemüse, bei denen Du weiterhin freie Wahl hast, sowie mit Nüssen und Ölsaaten, Milch und Milchprodukten, Käse und Käsezubereitungen, Fisch und Meeresfrüchten, Fleisch und Wurst. Nur weil die gängigen Getreideprodukte jetzt vom Tisch sind, musst Du Dich übrigens nicht kohlehydratfrei ernähren: Du kannst Dich immer noch über Reis und Reisnudeln, Kartoffeln, Mais, Amaranth, Buchweizen, Quinoa, Hirse und Kichererbsen hermachen. Generell ist es wichtig, dass Du möglichst alle Lebensmittel in natürlicher Form zu Dir nimmst. Sobald sie in irgendeiner Art verarbeitet sind, ist ein Blick auf die Zutatenliste unerlässlich. Gerade in Lightprodukten kann sich Gluten verstecken. Doch keine Angst, das bedeutet nicht, dass Du nie wieder eine Scheibe Brot, ein Brötchen oder ein Stück Kuchen essen kannst. Inzwischen kannst Du nicht nur in Reformhäusern, sondern auch im Drogeriemarkt und in gut sortierten Supermärkten sowie im Onlinehandel auf eine große Bandbreite an glutenfreien Produkten zurückgreifen. Dort bekommst Du glutenfreie Mehle, mit denen Du backen kannst, sowie Nudeln, fertiges Brot, Kuchen, Kekse, Müsli und andere Leckereien. Diese Lebensmittel sind mit einem „glutenfrei“ Siegel versehen, einer Weizenähre hinter einem Verbotszeichen. Ein süßes Frühstück am Wochenende mit glutenfreien Brötchen oder hausgemachten Pancakes können also weiterhin zu Deinem Speiseplan gehören, genau wie das klassische Rindergulasch mit Salzkartoffeln und Karottengemüse, gebratenes Zanderfilet mit Polenta und grünen Bohnen oder Quinoa-Bratlinge mit Kräuterquark und Feldsalat. Zu Weihnachten kannst Du immer noch Plätzchen backen und anschließend fröhlich knuspern. Lediglich bei Restaurantbesuchen und im Urlaub ist Vorsicht geboten: Für den Fall, dass Du nicht herausfinden kannst, ob alle Bestandteile des Gerichts Deiner Wahl wirklich glutenfrei sind, solltest Du immer ein Notfallpäckchen von Zuhause dabei haben.

Wie sinnvoll ist eine glutenfreie Ernährung für gesunde Menschen?

Sich im Falle einer Zöliakie glutenfrei zu ernähren, ist absolut notwendig. Doch es gibt immer mehr Menschen, die auch ohne die Unverträglichkeit auf glutenhaltige Lebensmittel verzichten. Gerade bei Stars wie Gwyneth Paltrow oder Miley Cyrus ist diese Ernährung ein echter Trend, der langsam aber sicher auch auf die restliche Bevölkerung überschwappt. Die Diätindustrie hat ihn natürlich längst aufgegriffen und so gibt es immer mehr Versprechen, dass eine glutenfreie Ernährung nicht nur für ein verbessertes Wohlbefinden sorgt, sondern auch für purzelnde Kilos und die langersehnte Traumfigur. Die perfekte Ernährung also auch für all jene ohne eine Glutenunverträglichkeit? Dass ersteres – ein verbessertes Wohlbefinden – wirklich der Fall ist, ist allerdings nicht belegt. Abnehmen dank Verzicht auf Gluten? Glutenhaltige Lebensmittel sind unter anderem auch jene ungesunden Fertigprodukte aus Mehl, Zucker und Fett, die häufig zu oft und in viel zu großen Mengen auf unseren Tellern landen. Da geht es also in erster Linie nicht darum, auf Gluten zu verzichten, sondern auch auf die vielen anderen Nährstoffe, die schnell zu Übergewicht führen. Doch sie sind auch reichlich in Produkten enthalten, die ganz ohne Gluten auskommen. Ob hier allein die Umstellung auf glutenfreie Lebensmittel ausreicht, ist also fraglich. Für die Diätindustrie jedenfalls ist der Trend ein Milliardengeschäft, das bereits teilweise absurde Züge angenommen hat. Produkte, die noch nie Gluten enthielten (wie zum Beispiel ein spanisches Mineralwasser), werden mit einem Siegel versehen und teurer verkauft. Die wachsende Vielfalt an Produkten ist natürlich für jene, die tatsächlich an einer Glutenunverträglichkeit leiden, ein echter Segen. Doch ob sie auch für gesunde Menschen eine sinnvolle Alternative bieten, darüber streiten sich die Experten. Im Vergleich dürften die meisten glutenfreien Produkte nicht nur teurer sein als ihre Originale; wer versucht, ohne Gluten abzunehmen, wird in den Alternativprodukten kaum ein „schlankeres“ Nahrungsmittel finden. Tatsächlich enthalten diese Lebensmittel oft weniger Nährstoffe und die Klebereigenschaft von Gluten muss durch andere Zusatzstoffe ausgeglichen werden. Wie zum Beispiel durch einen erhöhten Zucker- und Fettanteil, denn Gluten ist auch ein Geschmacksträger. Ob eine glutenfreie Diät auch ohne eine Glutenunverträglichkeit sinnvoll ist, muss letztlich jeder für sich entscheiden. Fakt ist, dass eine Ernährung, die auf möglichst unverarbeiteten Lebensmitteln basiert, deutlich gesünder ist als glutenfreie Fertigprodukte.

So drastisch wie im ersten Augenblick angenommen ist die Umstellung auf eine glutenfreie Ernährung also doch nicht und mit etwas Übung wirst Du Dich schnell in die neue Situation einfinden. Die vielen glutenfreien Produkte ermöglichen es Dir, auch Deine Lieblingsgerichte neu zu erfinden, sodass Du Dich nicht komplett von ihnen verabschieden musst. Nicht nur das, Du entdeckst auch eine ganze Reihe neuer Köstlichkeiten, die Du sonst vielleicht gar nicht probiert hättest. So kannst Du auch mit einer Glutenunverträglichkeit weiter schlemmen!

Bildquelle: iStock/zimmytws

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