Anorexia nervosa

Magersucht: Wenn aus wenig essen zu wenig wird

Das aktuelle Schönheitsideal heißt schlank, schlanker, Laufsteg. Kein Wunder, dass das Thema Diät und Gewichtsabnahme so stark im Fokus steht wie nie zuvor. Doch während Magermodels bewundernde Blicke und Topgagen ernten, gibt es auch eine dunkle Seite des extremen Schlankheitstrends: Immerhin 0,7 Prozent aller weiblichen Teenager leiden an Magersucht – einer Krankheit, die für 15 von 100 Patienten tödlich verläuft.

Isabelle Caro

Isabelle Caro erlangte traurige Berühmtheit durch ihre Magersucht: 2010 starb die Französin an der Krankheit.

Magersucht oder Anorexia nervosa ist eine psychosomatische Erkrankung, die sich durch eine extreme Gewichtsabnahme oder das Halten eines sehr niedrigen Gewichts auszeichnet. Mit einer Diät hat das nichts mehr zu tun, denn magersüchtige Menschen verweigern die Nahrungsaufnahme entweder ganz oder sie vermeiden bestimmte Lebensmittel. Häufig ergreifen sie auch zusätzliche Maßnahmen, um Gewicht zu verlieren: sie nehmen Appetitzügler und Abführmittel ein, treiben übermäßig Sport oder erbrechen sich nach dem Essen. Die Symptome der Magersucht können sich mit denen einer Bulimie überschneiden. Häufig wird eine Magersucht auch von einer bulimischen Störung abgelöst oder beide Essstörungen treten in Kombination auf. Besonders Mädchen und Frauen zwischen 15 und 25 Jahren sind von Magersucht betroffen. Aber auch immer mehr junge Männer leiden an dieser Essstörung – etwa jeder zehnte Betroffene ist mittlerweile männlich.

Woran erkennt man Magersucht?

Das auffälligste Merkmal einer Magersucht ist in erster Linie das starke Untergewicht. Als Richtwert gilt hier ein BMI von unter 17,5. Das Gewicht alleine ist jedoch kein zuverlässiger Anhaltspunkt für eine Magersucht: Gerade bei Jugendlichen kann der BMI auch durch eine Wachstumsphase bedingt zeitweise sehr niedrig sein. Außerdem können auch andere Krankheiten ein Grund für starkes Untergewicht sein, wie etwa eine Schilddrüsenüberfunktion. Ein massiver Gewichtsverlust innerhalb von kurzer Zeit ist dagegen schon ein verlässlicheres Warnsignal. Weitere Hinweise auf eine (beginnende) Magersucht sind etwa die panische Angst vor einer Gewichtszunahme, exzessiver Sport, aber auch das Vermeiden von gemeinsamen Mahlzeiten: Ausreden wie „Ich habe schon gegessen“ oder „Ich nehme das Essen mit aufs Zimmer“ sind typisch für Magersüchtige.

Magersucht: Essen beherrscht die Gedanken

Wer an Magersucht leidet, kann an nichts anderes mehr denken als ans Essen und die Figur: Die Angst vor einer Gewichtszunahme bestimmt für Magersüchtige die ganze Gedankenwelt. Das quälende Hungergefühl wird dabei der Umwelt und auch sich selbst gegenüber meist geleugnet. Viele Magersüchtige können ihr Hungergefühl an einem gewissen Punkt jedoch nicht mehr kontrollieren und geben schließlich Heißhungerattacken nach, was wiederum zu Schuldgefühlen und Angst führt. Häufig werden dann selbst verordnete Gegenmaßnahmen ergriffen, wie selbst herbeigeführtes Erbrechen, die Einnahme von Abführmitteln oder noch exzessiveres Hungern. In diesem Fall kann eine Magersucht auch Züge einer Bulimie annehmen. Typisch für Magersüchtige ist, dass sie für Familie und Freunde hingebungsvoll Mahlzeiten zubereiten, während sie sich selbst das Essen streng versagen.

Leistungsdruck und Magersucht

Auch in anderen Lebensbereichen sind die Betroffenen häufig mit sich selbst sehr streng – die meisten magersüchtigen Mädchen sind äußerst perfektionistisch und leistungsorientiert. Dabei sind sie oft überdurchschnittlich intelligent und ganz besonders pflichtbewusst gegenüber Eltern und Geschwistern. Der extrem hohe Anspruch an sich selbst äußert sich auch in der Disziplin, die sie für die Magersucht aufbringen: Oft erlegen sie sich selbst ein besonders umfangreiches Sportprogramm auf und reduzieren den Schlaf auf ein Minimum, um jede Bewegungspause zu vermeiden. Meist sind sie auch hier von einem enormen Leistungsdruck getrieben und versuchen am nächsten Tag, noch besser zu werden, denn ein nicht erfülltes Pensum führt zu dem Gefühl, versagt zu haben.

Der Wunsch nach dem perfekten Gewicht…

… wird für Magersüchtige meist zu einem nie erreichten Ziel. Da sie unter einer verzerrten Körperwahrnehmung leiden, der so genannten Körperschemastörung, nehmen sie sich selbst immer als zu dick wahr, selbst wenn sie längst extrem untergewichtig sind. Sie verschieben ihr Wunschgewicht immer weiter nach unten. Dies unterscheidet die Magersucht auch von einer gewöhnlichen Diät – ist das selbst gewählte Wunschgewicht erst einmal erreicht, wird die Hungerkur nicht beendet, sondern ein neues Ziel gesteckt. Dies führt in einen schier endlosen Kreislauf. Eine außer Kontrolle geratene Diät kann der Auslöser für eine Magersucht sein, die Ursachen sind aber psychischer Natur: Die Magersucht ist eine seelische Krankheit.

Magersucht: Die Ursachen

Zwar gibt es nicht die eine Erklärung, wie es zu Magersucht kommt – es gibt jedoch einige Faktoren, die im Zusammenhang mit Magersucht besonders häufig eine Rolle spielen.
Zum einen tritt diese Form der Essstörung oft in Familien auf, in denen ein starkes Harmoniebestreben herrscht. Magersüchtige möchten perfekt sein, den Erwartungen immer entsprechen. Auch ein großer Leistungsdruck seitens der Eltern kann zu Magersucht führen: Die Magersucht erscheint den Betroffenen als ein Weg, Kontrolle über sich selbst und über den eigenen Körper zu erreichen. Das Gefühl, den Körper beherrschen zu können, wirkt dem Gefühl der Machtlosigkeit oder dem Druck einer schwer zu kontrollierenden Situation entgegen.

Magersucht in der Pubertät

Es ist auffällig, dass Magersucht meistens in der Pubertät oder kurz davor auftritt. Manche Mädchen fühlen sich von den Schwierigkeiten dieser Entwicklungsphase – dem Finden einer neuen Identität, der Angst vor dem Erwachsenwerden – überfordert. Die Magersucht bietet ihnen scheinbar eine Ausflucht und sie begegnen dem Gefühl der Unsicherheit mit der Kontrolle über den eigenen Körper. Dahinter steht auch häufig die Angst vor der eigenen Sexualität oder auch davor, selbst Verantwortung für das eigene Leben übernehmen zu müssen. Durch das Untergewicht werden die typisch fraulichen Formen unterdrückt, der Körper bleibt kindlich, die Pubertät wird verzögert. Auch die ausbleibende Regelblutung bestätigt Magersüchtige in ihrem Gefühl, „noch nicht Frau sein zu müssen.“

Magersucht: Schlank gleich schön?

Wie bei den meisten Essstörungen spielen auch gesellschaftliche Einflüsse eine Rolle. Übergewicht wird negativ bewertet, während ein schlanker Körper als erstrebenswertes Ideal gesehen wird. Gerade junge Mädchen werden durch dieses Schönheitsideal schnell verunsichert und haben das Gefühl, ihm entsprechen zu müssen, um erfolgreich zu sein und geliebt zu werden. Fatal kann es dann sein, wenn eine erfolgreiche Diät dafür sorgt, dass aus Hänseleien plötzlich Komplimente werden: Das Gefühl, durch Äußerlichkeiten und eine schlanke Linie plötzlich Anerkennung und Wertschätzung zu erfahren, kann sich dann tatsächlich zu einem Teufelskreis entwickeln.

Magersucht: Die Therapie

Die Behandlung einer Magersucht muss verschiedene Ebenen berücksichtigen: Zum Einen ist für die meisten Patienten eine Gewichtszunahme lebensnotwendig – sinkt der BMI auf unter 13, besteht akute Lebensgefahr. In diesem Fall kommt es meist sogar zur Zwangsernährung. Doch die Magersucht bleibt vor allem eine psychische Krankheit; Ziel der Therapie muss daher sein, die Körperschemastörung des Magersüchtigen zu beheben und auf lange Sicht sein Verhältnis zur Nahrungsaufnahme zu normalisieren. Dieser Prozess dauert mitunter Jahre, viele Magersüchtige überwinden die Problematik nie vollständig. 15 Prozent der Magersüchtigen überleben die Krankheit nicht und verhungern schließlich. Magersucht kann auch ein Symptom für eine dysfunktionale Familie sein, das heißt nichts anderes, als dass die Magersucht ein Ausdruck dafür ist, dass in der Familie etwas nicht stimmt. In diesem Fall ist es wichtig, die ganze Familie in die Therapie mit einzubeziehen.

Eine Magersucht einfach als übertriebenen Schlankheitswahn anzusehen, greift schlicht zu kurz: Anorexia nervosa ist eine extrem komplexe und vor allem gefährliche Krankheit. Über den einfachen Wunsch nach gutem Aussehen oder einer Modelfigur hat Magersucht nur wenig zu tun und mit einem schulterzuckenden „Iss halt was“ ist den Betroffenen bei weitem nicht geholfen. Es kann helfen, die Zeichen rechtzeitig zu erkennen: Je früher die Magersucht erkannt wird, desto höher sind die Heilungschancen für die nicht selten tödliche Krankheit.

Bildquelle: gettyimages / Andreas Solaro

Kommentare (7)

  • bluepancake am 13.08.2013 um 14:02 Uhr

    Ich finde, das Thema Magersucht sollte besonders bei Jugendlichen öfters angesprochen werden. Von Lehrern, Vertrauenspersonen,... Einfach, damit das gar nicht erst passieren kann! Denn wenn man mal Magersucht hat, ist es schwer, je wieder raus zu kommen.

  • Zwergfee am 23.07.2013 um 09:26 Uhr

    Oh Gott, beim Thema Magersucht wird mir immer ganz schwer ums Herz: Die Tochter von Bekannten von mir leidet auch unter Anorexie. Sie hat schon viele Therapien bekommen, nichts hilft. Momentan ist sie in einer Klinik, aber die Magersucht bleibt. Angefangen hat es bei ihr schon mit elf Jahren. Die Ärzte sind sehr besorgt, dass sie es nicht schaffen wird.

  • Devon am 18.07.2009 um 09:22 Uhr

    Bei Magersucht geht es nicht immer nur ums Gewicht... Es sind auch andere Faktoren im Spiel: Kontrolle, Disziplin, beweisen wollen, dass man stark ist und sich im Griff hat. Es sind sehr oft besonders begabte Kinder, die sich unter einem starken Leistungs

  • SugarSweetAngie am 12.07.2009 um 08:58 Uhr

    Oh Mann! Eine Freundin von mir wiegt inzwischen nur noch 38 kg bei einer Körpergröße von ca. 160 cm. Hallo? Sie ist auch noch stolz drauf und meint, ich wäre fett... Diese Mädchen machen mich echt fertig! Wieso muss man sich selbst nur so fertig mach

  • cano0602 am 11.07.2009 um 11:58 Uhr

    Magersucht entsteht auch durch Stress und zu wenig Liebe in der Familie, bei Freunden: es geht nicht immer nur ums abnehmen!

  • ZimtzickeLissa am 11.07.2009 um 08:47 Uhr

    Magersucht ist wirklich furchtbar.

  • erbeer93 am 11.07.2009 um 06:43 Uhr

    Echt schlimm, sowas. Meine Freundin war auch schonmal kurz vor einer Magersucht...


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