Abury Interview
Miriam Bektasiam 29.06.2017

Beim Retro-Label Abury erzählt jedes Stück seine ganz eigene Geschichte: Von spannenden Menschen, unterschiedlichen Kulturen und uralten Traditionen. Dabei gelingt es dem Taschen- und Accessoire-Label aus Berlin, aufwendige Handwerkskunst mit schönem Design und sozialem Impact zu verbinden. Mehr zu dem spannenden Vintage-Projekt, das übrigens am 5. Juli 2017 auch beim Fab-Talk „The Future of Fashion Retail“ im Green Show Room auf der Mercedes Benz Fashion Week in Berlin vertreten ist, erfährst du in unserem Interview mit der Gründerin und Geschäftsführerin des Labels, Andrea Bury.

Seinen Anfang nahm alles mit handgefertigten Berbertaschen aus Marokko. Mittlerweile hilft Abury dabei, alte Kulturtechniken in den verschiedensten Ländern vor dem Aussterben zu bewahren. Von der Elfenbeinküste bis hin zu Rumänien ermöglicht das Label Menschen möglichst vieler Kulturen, mit ihrem alten Können und Wissen ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Die Arbeit von Abury beinhaltet aber noch mehr als das. Aus den Gewinnen finanziert das Ethical Fashion Label soziale Projekte und sorgt dafür, dass faire Löhne und Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiter vor Ort gewährleistet werden.

Hallo Andrea, vielen Dank, dass Du Dir Zeit für uns genommen hast. Eine tolle Kollektion, die ihr da zusammen auf die Beine gestellt habt. Bitte erzähl uns doch einmal kurz, wie Dein Umzug nach Marrakesch, Dein Zusammentreffen mit den einheimischen Handwerkern und Deine Liebe zu der einzigartigen Stickerei-Technik Dich dazu bewogen hat, Dein Label Abury zu gründen?

Im Interview mit Andrea Bury in Berlin.

2007 bin ich nach Marrakesch gezogen mit der Idee, ein Riad-Hotel zu renovieren. Dabei bin ich mit vielen Kunsthandwerkern in Kontakt gekommen. Das kulturelle Kapital und was die Leute mit ihren Händen alles schaffen können, hat mich sehr fasziniert. Gleichzeitig wusste ich um die Probleme, denen sie sich tagtäglich stellen müssen: Die niedrigen Löhne, den Preisverfall, und dass Handarbeit vor Ort nicht mehr wertgeschätzt wird und dadurch viele alten Techniken aussterben. Und die Kinder dort gleichzeitig keine Alternative haben, zu studieren oder einen Beruf zu erlernen. Daraus ist dann Abury entstanden.

Du hast ja dann auch damit begonnen, handbestickte Taschen im Vintage-Look zu sammeln. Warum gerade die und keine neuen Handtaschen? Was fasziniert Dich daran?

Vintage-Taschen faszinieren mich vor allem deshalb, weil es davon nicht so viele gibt. Das Handwerk ist ja eigentlich vom Aussterben bedroht. In Zeiten von Massenproduktion ist es schon etwas Besonderes, ein so individuelles Einzelstück zu besitzen.

Was fasziniert Dich an Marrakesch?

Marrakesch ist wahnsinnig intensiv. Man wird auf allen Ebenen viel stärker angesprochen: Die Menschen, das Brodeln der Stadt, das finde ich alles sehr spannend.

Und wie kam es zu dem Flagshipstore in Berlin?

Als ich 2013 die erste Mitarbeiterin hatte, kam ich auf die Idee, einen eigenen Laden zu eröffnen. Ich lief hier an der Kastanienallee vorbei und da stand „Laden zu vermieten“. Und jetzt sind wir seit vier Jahren hier.

Nach Kooperationen in Marokko seid Ihr auch in andere Länder gegangen und habt dort nach Inspirationen und Kooperationspartnern gesucht, zum Beispiel in Ecuador. Wie kam diese Idee zustande?

Nachdem wir in Marokko zwei Kollektionen gemacht haben und mit Designern von der ESMOD Berlin (Anm. d. Red. Internationale Kunsthochschule für Mode) zusammengearbeitet haben, hat sich dann herauskristallisiert, dass auch in anderen Ländern viel von dem alten Handwerk verloren geht. Durch eine Design-Schule in Madrid kam dann der Kontakt zu einer Community in Ecuador zustande. Und so ist die Idee entstanden, auch in anderen Länder neue Kollektionen herzustellen.

Unterscheiden sich die Designs in den verschiedenen Ländern?

Ja komplett. In erster Linie einmal dadurch, dass wir immer mit lokalen Produkten arbeiten und dadurch die Materialität jeweils eine völlig andere ist. In Marokko arbeiten wir zum Beispiel viel mit Leder und Bast. Und in Ecuador entstand eine Kollektion sowie aus Rindsleder, Alpaka und Stroh. Die ist um einiges rougher von der Ausstrahlung her als die marokkanische Kollektion.

Von der Spinnerei des Fadens bis zur Weberei des Stoffes sind alle Produkte von Abury handgemacht.

2015 habt Ihr die Abury Design Experience ins Leben gerufen – was genau steckt dahinter?

Die Idee ist durch einen Pitch an der ESMOD entstanden, bei der ich einen Design-Absolventen gesucht habe, der mich beim Design meiner handgemachten Kollektion unterstützt. Ich wollte eine Win-Win-Situation schaffen zwischen Designern, die gerne Kollektionen nachhaltig produzieren möchten, aber keinen Zugang dazu haben und den Kunsthandwerkern, die die Fertigkeiten haben und ein cooles Design brauchen. So hat sich das dann alles entwickelt. Dazu kamen unsere Jurymitglieder, die von Jahr zu Jahr etwas prominenter und internationaler werden, wie zum Beispiel Eva Padberg, Sara Nuru, Waridi Pabst, ein Topmodel aus Kenia und Bibi Russell, ein Role-Model der Social Entrepreneurs im Bereich Fashion. Dieses Jahr geht es für den Gewinner der Abury Design Experience nach Äthiopien, wo eine neue Kollektion mit Decken und Kissen aus Baumwolle entstehen soll.

Auf Eurer Website steht: „Einen fairen Lohn zu zahlen ist ein guter und wichtiger Anfang, aber langfristig nicht genug! Deswegen geben wir für Dich – jedes Mal, wenn Du ein Abury Produkt kaufst – die Produktionszeit in Bildungszeit zurück”: Was bedeutet das konkret?

Abury ist ein Konstrukt aus einer GmbH und einer gemeinnütziger GmbH. Es gibt ein Gewinnabführungsvertrag, bei dem 50 Prozent der Gewinne von Abury an die Abury Foundation gehen. Damit finanzieren wir die Bildungsprojekte vor Ort.

Was steckt genau hinter der Abury Foundation und welche Bildungsprojekte unterstützt Ihr?

Wir betreiben eine Schule im Atlasgebirge von Marokko, in der momentan 60 Kinder und 40 Frauen lesen und schreiben lernen. Da wir das alles nicht selbst finanzieren können, kreieren wir immer wieder neue Projekte, um Funds zu sammeln.

Welche Projekte stehen momentan auf Deiner Agenda?

Neben der Schule ist mein Lieblingsprojekt „Portraid“. Das ist ein Charity-Art-Projekt, bei dem wir mit bekannten Fotografen Portraits von Menschen mit einem Problem machen. So wurden 80 Kunsthandwerker fotografiert, die an grauem Star leiden und durch die Verkäufe der Bilder wurde die Operation finanziert. Auch haben wir bereits Kinder für unser Schulprojekt fotografiert und dazu wird am 17. Juli 2017 eine Vernissage in Hamburg stattfinden.

Der Rabbia Shopper besticht durch spannende Farbspiele und elegantes Design.

Warum ist Dir der soziale Ansatz so wichtig?

Ein faires Gehalt ist der erste Anfang, damit die Menschen selbstständig leben können und nicht mehr abhängig von Spenden sind. Sie sollen stolz darauf sein, was sie tun. Bildung und Schulbildung weiterzugeben liegt mir besonders am Herzen, weil vor allem in Marokko die Analphabeten-Rate sehr hoch ist.

Denkst Du, dass Design die Macht hat, die Welt zu verändern oder sogar zu einem besseren Ort zu machen?

Natürlich ist es ein hoher Anspruch zu sagen: „Design has the power to change the world.“ Aber wenn ich das nicht glauben würde, dann würden wir jetzt nicht hier sitzen. Der Markt des Kunsthandwerks ist der zweitgrößte in der Entwicklungswelt nach der Landwirtschaft und hat einen Marktwert von rund 34 Milliarden. Wenn man den noch vergrößern könnte, indem man den Menschen dort hilft, Produkte zu machen, die ein paar andere ersetzen – dann ist uns allen ein bisschen geholfen.

Was hast Du von den Menschen aus anderen Ländern und Kulturen gelernt?

Abury verkauft hochwertige Taschen mit sozialem Impact.

Die Besinnung auf das soziale Umfeld und die Familie. In ärmeren Ländern steht das immer noch an erster Stelle. Wenn in Marokko zum Beispiel ein Familienmitglied krank wird, gehen die Verwandten von Haustür zu Haustür und jeder Nachbar gibt einen Teil zur Behandlung dazu. In unserem System verliert man manchmal ein bisschen die Verbindung zueinander und die Verantwortung dem anderen gegenüber, die wir eigentlich haben.

Was ist Dein Lieblingsteil aus der aktuellen Kollektion?

Ich bin immer noch verliebt in die Vintage-Taschen, das sind meine emotionalen Lieblingsstücke. Im Alltag nutze ich aber meinen Shopper, er ist mein funktionales Lieblingsstück. Da ich viel reise ist er besonders praktisch. Aber natürlich finde ich alle Teile aus der Kollektion toll (lacht). Die Designs sind alle sehr individuell. Das ist das, was sie ausmacht. Es sind alles Einzelstücke, die man nicht einmal ansatzweise woanders findet.

Herzlichen Dank für das Interview, Andrea.

Wenn du ein Fan von Vintage-Accessoires bist und aufregende Designs liebst, dann sind die Stücke von Abury bestimmt genau das Richtige für dich. Die Taschen und Schuhe kannst du im Online-Shop kaufen und damit gleichzeitig etwas Gutes tun.

Bildquellen: Abury


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