neue Kleidung
Nina Rölleram 04.07.2017

Zur Mercedes-Benz Fashion Week Berlin kann man sich wieder von angesagten Designern inspirieren lassen und kommt so richtig in Shopping-Laune. Obwohl mir durchaus bewusst ist, unter welch menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen ein Großteil der Kleidung hergestellt wird und wie sehr die Textilindustrie der Umwelt schadet, ist die Kauflust leider oft stärker. Auch auf der MBFW ist man sich dieses Problems bewusst. Bei einer Podiumsdiskussion in der schwedischen Botschaft in Berlin, unter anderem mit Vertretern von Hessnatur, Tchibo und dem schwedischen Outdoor-Label Houdini, konnte ich einige Denkanstöße sammeln. Ist es überhaupt nachhaltig, neue Kleidung herzustellen? Ist faire Mode eher ein Luxusgut und wie glaubwürdig sind die Bemühungen von Massenherstellern wie Tchibo und H&M?

Hessnatur

Recycling ist eine Detailfrage: Bei Hessnatur werden Jeans daher mit natürlichem und ungiftigem Indigo gefärbt.

Zirkuläre Mode: Der Traum vom geschlossenen Kreislauf

Ich hatte mich bereits letzten Winter auf der Mercedes Benz Fashion Week über aktuelle Trends und Diskussionen in Sachen fairer Mode schlaugemacht. Anschließend hatte ich mir fest vorgenommen, in Zukunft nur noch Second Hand-Kleidung oder nachhaltig und fair hergestellte Mode zu kaufen. So ganz hat das dann irgendwie doch nicht geklappt: Es kam der Sommer, reizvolle Onlineshop-Gutscheine und der Wunsch nach neuen Shorts und Crop Tops. Umso mehr war ich angetan, als ich eine Einladung zur Veranstaltung „Circular Fashion – How can we close the loop?“ bekam. Darin sollte es um sogenannte zirkuläre Mode gehen, also welche Bedingungen bestehen müssen, um Textilien umweltfreundlich zu recyceln oder wie getragene Kleidungsstücke zu neuen Designs weiterverarbeitet werden können.

Schließlich reicht es nicht aus, wenn Kleidung aus nachhaltigen Materialien besteht und unter akzeptablen Arbeitsbedingungen hergestellt wurde. Wenn diese Mode anschließend nicht richtig recycelt und stets neue Ware produziert wird, richten auch Hersteller von vermeintlicher „Öko-Bekleidung“ mehr Schaden als Nutzen an. Zum Glück gibt es ambitionierte Hersteller wie Hessnatur, Verbände wie Re:textile und inzwischen sogar einen speziellen Masterstudiengang in nachhaltigem Modedesign an der Internationalen Kunsthochschule in Berlin, deren Vertreter und Vertreterinnen im Rahmen der Mercedes-Benz Fashion Week Berlin ihre Ideen vorstellten.

Kompostierbare Mode: Die Lösung?

In den Präsentationen der Redner wurde eines besonders deutlich: Möchte man abgetragene Textilien schließlich wieder zu brauchbaren Fasern recyceln, bereiten Kunstfasern wie Polyester und vor allem Mischtextilien, also Stoffe, die aus mehreren Materialien bestehen, große Probleme. Gerade bei Funktionsbekleidung, die elastisch und wasserabweisend sein muss, ist dies allerdings gar nicht so einfach.

Das kleine schwedische Sportswear-Lable Houdini hat es jedoch geschafft, Textilien herzustellen, die aus reiner Wolle bestehen und dennoch herkömmlicher Funktionsbekleidung in nichts nachstehen. Im Gegenteil: Die Stoffe bestehen ausschließlich aus biologisch abbaubaren Materialien und lassen sich problemlos recyceln. Wie gut das funktioniert, beweist das Projekt „The Houdini Menu“: Alte Textilien werden zu Kompost verarbeitet, auf dem sich problemlos Gemüse anbauen lässt. Anschließend konnten sich die Kunden von Houdini bei einem gekochten Mahl aus diesem Gemüse von der Wiederverwertbarkeit der Kleidung überzeugen:

Tchibo: Zwischen Upcycling und Plastikramsch

Neben Nischen-Labels wie Houdini oder der Luxushemdenmarke Eton ging es auch um die großen Player im Fashion-Business. Wie sollte man auch über Mode aus Schweden reden und dabei nicht auf H&M kommen? Selbst der umstrittene Großkonzern hat sich mittlerweile auf die Fahne geschrieben, bis zum Jahr 2030 zu 100 Prozent auf nachhaltige und recycelte Fasern zu setzen.

Mit Joachim Lohrie, Direktor für Unternehmensverantwortung bei Tchibo, war auch ein weiterer Vertreter der Mainstream-Modebranche vertreten. Auch, wenn die Marke einst nur für Kaffeeröstereien stand, kennt man Tchibo heutzutage für seine Mode-Basics, Funktionsbekleidung und Haushaltswaren. Herr Lohrie stellte dabei einige lobenswerte Projekte vor: Auf der Webseite von Tchibo werden die Kunden dazu angehalten, schonend mit den Produkten umzugehen und auf Reparaturen anstatt Entsorgung zu setzen. Außerdem gibt es Video-Tutorials, die zum Beispiel zeigen, wie man aus einem alten Tchibo-Hemd Kinderbekleidung nähen kann.

Müll zu vermeiden und auf Upcycling, statt Neukauf zu setzen, ist durchaus ein lobenswerter Vorstoß. Gleichzeitig kam ich jedoch auch ins Grübeln. Denn zuvor hatte Jesper Danielsson, Design-Chef von Houdini, ein Hauptprinzip seiner Firmenphilosophie vorgestellt: die Notwendigkeit. Ein neues Kleidungsstück wird also nur dann designt, wenn es nicht bereits etwas Vergleichbares auf dem Markt gibt. Schaut man sich jedoch an, nach welchem Prinzip Unternehmen wie Tchibo funktionieren, kommen Zweifel auf.

Bringen nette Recycling-Vorschläge wirklich so viel, wenn den Kunden wöchentlich neue Bekleidung, sinnlose Küchenhelfer à la Bananenschneider und Apfeldose oder Kaffeekapselmaschinen angeboten werden? Ich möchte mit diesen Bedenken wirklich nicht alle positiven Bemühungen von Firmen wie Tchibo oder H&M schlechtreden. Allerdings ist es vielleicht doch eine bessere Idee, sich bei kleinen Modelabels umzusehen, die ihre gesamte Produktpalette auf Nachhaltigkeit ausgerichtet haben. Ein paar Labels, die mir persönlich sehr gut gefallen, stelle ich dir hier vor.

Verlassen habe ich die interessante Diskussionsrunde auf jeden Fall wieder mit dem guten Vorsatz, verstärkt auf meinen Konsum zu achten. Schließlich bringt es nichts, immer nur mit dem Finger auf die großen Modekonzerne zu zeigen und dann doch alle paar Wochen Großbestellungen bei Asos, Zalando und Co. zu tätigen, nur weil mal wieder Sale angesagt ist. Was hältst du von den Bemühungen von H&M und Tchibo? Alles nur cleveres Marketing oder sollte man diese unterstützen? Verrate uns deine Meinung in den Kommentaren!

Bildquelle: Lindex, Getty Images/Mario Tama, Hessnatur


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