TBTanjaBauer

am 04.03.2009 um 15:55 Uhr

Das Herz Teil 2

So fing es an zu singen,
erst ganz leise und schnurrend
und nach und nach immer lauter und heller,
bis es ein klares zwitschern war,
wie das eines Vogels am Himmel.

Durch den hellen Ton begann der Stein an einer Stelle nachzugeben.
Mit riesengroßen Augen starrte das Herz auf diese Stelle,
wo ein goldenes Schimmern zu erkennen war.
Das Herz traute seinen Augen nicht.
Da war der Schlüssel,
den es damals mit in den Stein eingemauert hatte.
Das hatte es durch all seinen Schmerz und Selbstmitleid vergessen
und jetzt wo es den Schlüssel in der Hand hielt,
fiel es ihm wieder ein,
wie es ihm vor all den Jahren so sicher erschien,
ihn nie wieder zu brauchen.

Langsam und voller bedacht den Schlüssel nicht abzubrechen,
steckte das Herz ihn ins Schloss.
Mit lautem gequietsche schob sich die schwere Stahltür zur Seite.

Das Herz machte einen Schritt nach draußen,
schloss die Augen und atmete tief die frische Luft ein.
Es streckte die Arme aus,
drehte und wendete sich,
blickte nach oben und nach unten
und hörte gespannt mal hierhin und mal dorthin.

Das Herz dachte,
wie schön das Leben doch sei,
machte einige Hüpfer und begab sich auf den Weg
um Freunde zu finden.

Den 1.,den es traf,
war ein lustiger Geselle,
der das Leben zum Schießen komisch fand
und über 1000 Freunde hatte.

Nachdem das Herz einige Zeit mit ihm verbrachte,
mit ihm alle erdenklich lustigen Sachen angestellt hatte,
merkte das Herz,
dass diesem “Freund” einiges fehlte;
– der Tiefgang.

Was war das für ein Freund,
mit dem es nur lachen aber nie weinen konnte?
Mit dem es nur durch
“Dick” aber nie durch “Dünn” gehen würde.

So zog das Herz weiter,
allein, aber reich an einer neuen Erfahrung.
Bis es auf eine Gruppe anderer Herzen stieß.

Es wurde direkt freundlich in ihre Mitte aufgenommen.
Es war ein ganz neues Gefühl von Zugehörigkeit.
Da war nun eine große Gruppe,
wie eine „Familie“ die zusammenhielt,
wo alle gleich waren.

Jeden Morgen standen sie zusammen auf,
tranken den gleichen Tee,
aßen vom gleichen Brot
und gestalteten jeden Tag gleich.

Das Herz war glücklich
– eine Zeitlang,
bis es spürte,
dass auch dies nicht das richtige Ziel sein konnte,
denn auch seinen vielen neuen Freunden fehlte etwas
– die Individualität.

In ihrer Mitte gab es keinen Platz für jemanden,
der Eigenständig war
und sein Leben selbst planen wollte.

Also löste das sich das Herz auch aus dieser Verbindung
und genoss sein eigenes Leben.

Es ging über 112 Wege,
um 203 Kurven
und 24 Berge und Täler,
bis es an einem Haus ankam,
dass mit Stacheldraht umzogen war.

Aus dem Schornstein quoll Rauch,
das hieß,
dass tatsächlich jemand in diesem Haus leben würde.
In einem Haus,
das nicht einmal Fenster hatte.

Bei dem Anblick fiel dem Herz ein,
wie es selbst einmal gelebt hatte.
Wie sehr es damals gehofft hatte,
dass jemand ihm helfen würde
und doch niemand sein stummes Flehen erkannt hatte.

Es wusste,
dass es ihm aus eigener Kraft gelungen war
und es war sehr stolz darauf.

Aber wie konnte es diesem armen Herzen helfen
aus seinem Verlies zu kommen?

So besorgte sich das Herz eine Drahtschere
und versuchte den Stacheldraht zu durchtrennen.
Aber nach einiger Zeit verließen es die Kräfte.
Auch dieses Herz hatte keine Mühe gespart,
für sich den stärksten Stacheldraht zu finden.

Fortsetzung folgt…

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