Schicksal

Ist man zu jeder Zeit seines eigenen Glückes Schmied oder ist das persönliche Schicksal vorherbestimmt? Diese Frage stellen sich zahlreiche Menschen, wenn sie über ihr Leben nachdenken. Insbesondere nach einem unvorhergesehenen schrecklichen Ereignis – das passenderweise als „Schicksalsschlag“ Einzug in den deutschen Wortschatz gehalten hat – oder einem besonderen Glücksfall sind viele Personen geneigt, an das Schicksal zu glauben. Doch ist es wirklich eine Realität oder handelt es sich bloß um ein Gedankenkonstrukt des Menschen, um den Zufall erklären zu können?

Über das Schicksal nachzudenken, scheint eine zutiefst menschliche Eigenschaft zu sein. Dies beweisen allein die zahlreichen Sprichwörter und Redewendungen wie „Das war Schicksal“, „Fordere Dein Schicksal nicht heraus!“ oder „Ich nehme mein Schicksal in die Hand“, die wir im Deutschen tagtäglich benutzen, ohne uns spezielle Gedanken darüber zu machen. Doch was ist dieses ominöse Schicksal, von dem andauernd die Rede ist? In der Regel werden unter diesem Begriff Ereignisse verstanden, die von uns Menschen auf den ersten Blick nicht beeinflussbar sind – im Guten wie im Schlechten.

Schicksal: Ist es eine unumstößliche Realität?

Schicksal: Wohin führt unser Weg?

So ließe sich beispielsweise sowohl ein unerwarteter Lottogewinn als auch ein tragischer Verkehrsunfall, bei dem eventuell sogar ein geliebter Mensch plötzlich aus dem Leben gerissen wird, als Schicksal ansehen. Eng verwandt mit dem Begriff des Schicksals ist daher der Zufall. Während viele Menschen im ersteren allerdings eine Art göttliche Vorsehung am Werk wähnen, entzieht sich diese beim Zufall komplett. Ein Zufall wird demnach meist als vollkommen willkürlich und unpersönlich angesehen. Der Zufall hätte sozusagen auch zufällig jemand anderes treffen können.

Der Glaube an das Schicksal hat eine lange Tradition

Wie tief der Glauben an das Schicksal in uns Menschen verwurzelt ist, beweist die Vielfalt, mit der sich Mythen und Religionen seit Jahrtausenden mit diesem Begriff auseinandersetzen. So war bereits in der nordischen Mythologie der Glaube an die Nornen verbreitet – dreier Schwestern, die sowohl den Schicksalsfaden der Menschen als auch der Götter spinnen und das Leben des Individuums damit vorherbestimmen. Im Sprichwort „Das Leben hängt am seidenen Faden“ hat sich dieser Mythos bis heute erhalten. Ähnliche das Schicksal bestimmende Wesen kannten in der Antike auch andere Mythologien. So sind im alten Griechenland beispielsweise die Moiren bekannt, im antiken Rom glaubte man hingegen an die Parzen, die jeweils ähnliche Aufgaben übernahmen wie die Nornen. Darüber hinaus kennen die antiken polytheistischen Religionen auch meist eine eigene Gottheit, die für das Glück oder das Schicksal verantwortlich ist. Folglich verehrten beispielsweise die alten Römer die Göttin Fortuna, die das Glück mit ihrem Füllhorn nach eigenem Gutdünken unter den Menschen verteilen konnte. Im Christentum wird das Schicksal hingegen nicht explizit thematisiert. So wird in der Bibel zwar häufig von einem direkten Eingreifen Gottes in das Leben der Menschen berichtet. Diese Eingriffe sind jedoch zumeist Folgen des sündigen bzw. rechtschaffenen Verhaltens der jeweiligen Personen. Demnach lässt Gott beispielsweise die Sintflut über die sündige Welt kommen, rettet andererseits aber den aufrichtigen Lot mit seiner Familie vor der Vernichtung der sündhaften Stadt Sodom. Das Schicksal, das sich an diesen Stellen durch Gottes Eingreifen zeigt, ist hierbei ein direktes Ergebnis des Handelns, über das der Mensch mit seinem freien Willen selbst entschieden hat.

Schicksal vs. freier Wille

Der freie Wille, über den wir mutmaßlich verfügen sollen, ist für viele Menschen der natürliche Gegenpart zum Schicksal. Schließlich lassen sich diese beiden Konzepte nur mit großem Aufwand miteinander in Einklang bringen. Wenn beispielsweise alles von einer höheren Macht vorherbestimmt ist – welchen Platz hat dann noch der freie Wille? Oder andersherum gefragt: Wenn wir Menschen unser Glück selbst in der Hand haben – wie lassen sich dann noch offensichtliche Schicksalsschläge wie ein Unfall oder eine schwere Krankheit erklären? Auch diesem Widerspruch haben bereits die alten Griechen in ihrer Mythologie im Königssohn Ödipus eine Gestalt gegeben: Als sich dessen Vater Laios zum Orakel von Delphi aufmacht, um dieses über seine Kinderlosigkeit zu befragen, wird ihm geweissagt, dass ihn sein künftiger Sohn – sollte er denn einen bekommen – töten und daraufhin seine eigene Mutter heiraten werde. Selbstverständlich trifft Laios im Anschluss allerlei Vorkehrungen, um die Prophezeiung nicht wahr werden zu lassen, doch trotz aller Vorsicht begeht Ödipus gerade aufgrund dieser Vorkehrungen sowohl den Vatermord als auch den Inzest, wie es das Orakel vorhergesagt hatte. Sind wir Menschen demnach tatsächlich nur Sklaven unseres Schicksals? Diese Frage muss wohl jeder für sich selbst beantworten, doch grundsätzlich haben sich in den vergangenen Jahrhunderten drei verschiedene Möglichkeiten, mit dem Schicksal umzugehen, herauskristallisiert.

Möglichkeit 1: Der Fatalismus

Nimmt man das Schicksal des Ödipus für bare Münze, dürfte der Fatalismus die richtige Antwort sein. Diese Weltanschauung geht davon aus, dass sämtliche Ereignisse durch das Schicksal unabänderlich festgelegt sind. Demnach existiert der freie Wille, den der Mensch zu besitzen glaubt, entweder gar nicht oder hat zumindest nicht die notwendige Kraft, um den Lauf des Schicksals zu verändern. Entscheidungen und Handlungen, die das Individuum während seines Lebens trifft, sind demnach vollkommen sinnlos, weil das Schicksal zu guter Letzt doch die Oberhand behält.

Möglichkeit 2: Der Voluntarismus

Dem Fatalismus vollkommen entgegengesetzt ist der sogenannte Voluntarismus. Dieser geht davon aus, dass der Mensch mit der Willensfreiheit gesegnet und dadurch zu jedem Zeitpunkt in der Lage ist, das Schicksal zu seinen Gunsten zu wenden. Erfolge werden demnach als Ergebnis der eigenen Arbeit und des Fleißes gesehen, während Niederlagen hingegen Folgen von Versäumnissen oder Faulheit darstellen. Dieser Glaube kann sogar so weit gehen, dass das Schicksal vollkommen abgelehnt wird, sodass der Mensch ganz allein für sein Glück verantwortlich ist.

Möglichkeit 3: Der Mittelweg

Zugleich gibt es jedoch auch die Möglichkeit, sich sowohl aus der Welt des Fatalismus als auch aus dem Gedankengut des Voluntarismus zu bedienen, um das Schicksal mit dem freien Willen des Menschen zu verbinden. Gemäß dieses Mittelwegs wird zwar das Schicksal mit all seinen guten wie schlechten Folgen als Wahrheit akzeptiert, doch dem Menschen auch die Stärke zugebilligt, sich gegen die Launen des Schicksals zur Wehr zu setzen und diese von Zeit zu Zeit sogar überwinden zu können. Das Schicksal ist damit zumindest teilweise kein unüberwindbares Hindernis mehr, das den Menschen vor vollendete Tatsachen stellt, wie es der Fatalismus ansieht. Zugleich wird jedoch akzeptiert, dass es Dinge in dieser Welt gibt, die der Mensch trotz aller Anstrengungen nicht beeinflussen kann.

Welchen dieser Wege Du als den deinigen ansiehst, wirst Du im Laufe Deines Lebens selbst entscheiden müssen. Schließlich wirst auch Du irgendwann an Punkte kommen, an denen das Schicksal die Zügel in der Hand zu haben scheint. Nimm Dir also schon jetzt die Zeit, um Dir zu diesem wichtigen Thema Deine ganz persönlichen Gedanken zu machen und Dich auf diese Weise schon jetzt mit Deinem Schicksal zu versöhnen.

Bildquelle: © iStock / Rasica


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