Beziehungstrend

1 Liebe, 2 Adressen: Living Apart Together

Katharina Lübkeam 28.07.2016 um 12:48 Uhr

Mehr Sex: Ist man als Paar zusammen, lebt aber bewusst getrennt, hat das offenbar so einige Vorteile. Im Soziologen-Fach-Jargon heißt das Beziehungsphänomen Living Apart Together, zu Deutsch: Getrennt zusammen leben. „Getrennte Betten plus“ könnte eine Definition lauten. Wir verraten Dir mehr über den Beziehungstrend Living Apart Together.

Immer wieder experimentieren wir mit neuen Beziehungsformen herum, etwa auch mit Mingle, einer Mischung aus Alleinsein, Affäre und Beziehung. Living Apart Together ist dagegen sehr wohl eine feste, romantische Beziehung: Der Begriff wurde erstmals 1978 vom niederländischen Journalisten Michel Berkiel in einem Artikel verwendet.

Living Apart Together

Zu Besuch bei ihm: Living Apart Together ist der neue Beziehungstrend: ein Paar, zwei Wohnungen.

Während früher eher Künstler und Intellektuelle eben solche Partnerschaften eingegangen sind, zeigen neuere soziologische Studien, dass immer breitere Teilen der Gesellschaft sich dafür entscheiden. Living Apart Together hat in den letzten Jahren signifikant zugenommen. Besonders in Städten scheint sich das Modell seit einigen Jahren durchzusetzen, vor allem bei jungen Leuten. Aber auch ältere Menschen lassen sich zunehmend auf getrennte Haushalte ein, unabhängig von Bildung- oder Beruf.

Die meisten Distanzbeziehungen werden aus beruflichen Gründen geführt. Im Gegensatz zur Fernbeziehung entscheiden sich Paare beim Living Apart Together aber bewusst für getrennte Wohnungen, aus unterschiedlichen Gründen, je nach Alter, selbst wenn sie verheiratet sind. Jeder hat sein Reich, seine Wohnung.

Bedeutung der Autonomie wächst

Living Apart Together

Vorteil des Living Apart Together ist: Er putzt selbst.

Immerhin legen besonders Frauen zunehmend Wert auf Selbstbestimmtheit in der modernen Partnerschaft. Denn so schlichte Gründe wie unterschiedliche Geschmäcker reichen nicht aus, um sich auf die Distanz einzulassen.

Stattdessen geht es vielmehr um ein Stück unkontrollierter Unabhängigkeit, sagt Psychologie-Professor Jens B. Asendorpf im Interview mit dem SWR. Der Wissenschaftler an der Humboldt Universität hat Paare, die getrennt und die zusammen leben, untersuche und festgestellt, dass es nur einen großen Persönlichkeitsunterschied gibt, nämlich das Bedürfnis nach Autonomie.

Mehr Sex in getrennten Betten

Nähe und Distanz, beziehungsweise Nähe und Autonomie zwischen Partnern auszubalancieren, ist in Beziehungen eine Kernaufgabe. Laut Asendorpf führt das zu Konflikten, wenn ein Part ein höheres Autonomie-Bedürfnis hat als der andere. Das führt tendenziell zu Unzufriedenheit und Problemen. „Bei LAT-Paaren haben wir das nicht gefunden“, so der Professor.

Living-Apart-Together-Paare seien zudem ebenso glücklich wie andere, wenn beide den Partner fürs Leben gefunden hätten. Jedoch gebe es Unterschiede im Vertrauensverhältnis: Offenbar führt das getrennte Leben dazu, dass die sichere Bindung bei Distanz der Wohnsituation im Schnitt weniger ausprägt ist. Dennoch gebe es keineswegs mehr Trennungen, anders als bislang angenommen: Denn in der älteren Studie „Living Apart Together: Alters- und Kohortenabhängigkeit einer heterogenen Lebensform“ wurde stattdessen gezeigt, dass LAT-Partnerschaften die instabilsten waren.

Laut Asendorpf gehen getrennt lebende Paare nicht häufiger fremd oder seien eifersüchtiger als andere. Einen überraschenden Vorteil stellte er zudem fest: Living Apart Together hält zwar weniger Gelegenheiten bereit, führt aber dennoch zu mehr Sex, vielleicht gerade deswegen.

Vorteile des Living Apart Together

  • mehr Sex
  • weniger Routine
  • mehr Autonomie
  • bewusster gelebte Paar-Momente
  • Rückzugsraum für individuelle Bedürfnisse
  • kein Streit wegen nerviger Gewohnheiten
  • jeder putzt für sich

Nachteile/ Probleme von Living Apart Together

  • fehlende Zweisamkeit
  • weniger enge Bindung
  • schwierige Momente müssen auch mal allein bewältigt werden
  • Mühe, trotz Distanz, ein Wir-Gefühl aufrecht zu erhalten
  • Gefühl, sich als Gast in seiner/ ihrer Wohnung zu fühlen

Was ist dafür nötig?

Gemeinsame Rituale und eine gute Kommunikation stabilisieren Beziehungen, insbesondere bei Living-Apart-Together-Paaren: Letztere bilden besonders Rituale eher aus. Gerade in getrennt lebenden Beziehungen sei es zudem essentiell, sich regelmäßig auszutauschen und gegenseitig auch alltäglichen Dinge mitzuteilen, je mehr das erfolgt, desto glücklicher ist das Paar.

Für wen eignet sich Living Apart Together?

Ist das Autonomie-Bedürfnis beider Partner nicht so stark, ist es sinnvoll, an einem gewissen Punkt in der Beziehung zusammen zu ziehen. Spüren aber beide Partner ein hohes Bedürfnis nach Selbstbestimmung, eignet sich das Living-Apart-Together-Modell.

Besonders verbreitet ist es bei jungen Paaren, die noch mit der richtigen Form für sich experimentieren. Ältere Paare entscheiden sich für die getrennten Haushalte, wenn sie entweder die Familienphase hinter sich gelassen haben, also nach Trennung oder Tod des Partners, oder wenn sie keine Kinder haben. Denn wenn Kinder im Spiel sind, bietet sich die gemeinsame Wohnung eher an – auch wenn Living Apart Together mit Kindern als Familie zunimmt.

Wer lebt getrennt zusammen?

Interessierst Du Dich für diese Beziehungsform, kannst Du auf Amazon hilfreiche Bücher zu Living Apart Together finden, die das Beziehungskonzept erklären sowie Vor- und Nachteile genauer darstellen.

Bildquelle: iStock/monkeybusinessimages, iStock/MartinFredy

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