Seelenverwandter

Demisexuell – irgendwie dazwischen

Katharina Lübkeam 12.07.2016 um 15:04 Uhr

Dass Sexualität nichts Dämonisches oder Schambesetztes ist, haben wir seit der sexuellen Revolution verstanden. Sexuelle Freiheit ist ein Grundrecht. Wir nehmen unsere Sex-Fantasien an und leben unsere Bedürfnisse in allerlei Sexstellungen aus. Noch nicht so ganz verstanden haben wir, dass auch die Befreiung von Sex ein Grundrecht ist. Asexualität wird häufig mit Unverständnis beäugt, Asexuelle werden kommentiert, etwa „Warum datest Du nie?“ oder „Du gehörst mal flachgelegt“. Eine weiter Gruppe von Menschen haben es nicht ganz leicht mit sich und der Umwelt: die Demisexuellen. Aber was bedeutet demisexuell? 

Begriffe wie Demisexualität oder auch Pansexualität beschreiben nicht zwangsläufig feste Identitäten, sondern helfen eher zur eigenen Orientierung, also dabei, sich selbst kennen und verstehen zu lernen. Demisexuelle Menschen verspüren grundsätzlich erst einmal keine sexuelle Anziehung – es sei denn, sie haben eine sehr starke emotionale Bindung zu jemandem aufgebaut. Nur dieser eine Mensch kann diese Gefühle auslösen. Das passiert in den meisten Fällen nur in romantischen Beziehungen und kann Jahre dauern.

demisexuell

Demisexuell sind Menschen, die sexuelle Anziehung ausschließlich mit ihrem Seelenverwandten spüren.

Überhaupt verspüren sie nur selten Lust, und wenn überhaupt, nur dann wenn sie jemanden als Seelenverwandten gewonnen haben. “Nur Du sonst keiner” gewinnt hier eine völlig neue Bedeutung. Durch rein äußerliche Reize lassen sich demisexuelle Menschen nicht im Geringsten reizen, denn sie kennen nur die sogenannte sekundäre sexuelle Anziehung: Für sie sind Merkmale relevant, die erst beim näheren Kennenlernen sichtbar werden, etwa Charakter oder Humor. Bei einer primären sexuellen Anziehung hingegen reizen schon sofort erkennbare Merkmale wie Aussehen, Stimme oder Geruch.

Demisexualität ist keine selbstgewählte Entscheidung

demisexuell

Begrifflichkeiten wie asexuell oder demisexuell sollen der eigenen Orientierung helfen.

Demisexuelle Menschen unterscheiden sich sowohl von sexuellen als auch von asexuellen Menschen. Die meisten sexuellen Menschen in romantischen Beziehungen fühlen sowohl primäre als auch sekundäre sexuelle Anziehung. Asexuelle wiederum empfinden weder das eine noch das andere.

Viele Menschen wollen nur mit Partnern und Partnerinnen schlafen, die sie lieben und mit denen sie eine enge Verbindung haben. Andere wollen noch bis zur Hochzeit warten. Mit demisexuell hat das aber nichts zu tun. Denn sie entscheiden sich aktiv dafür, unabhängig davon, dass sie eine sexuelle Anziehung sehr wohl verspühren. Demisexuelle Menschen aber verspühren das gar nicht erst. Es ist für sie keine selbstgewählte Entscheidung, so zu leben, sondern einfach ein Ist-Zustand ihrer Empfindungen.

Bist Du demisexuell?

Es gibt ein paar Hinweise, die darauf deuten können, dass ein Mensch demisexuell veranlagt ist.

  • Das kann der Fall sein, wenn Du gemischte Gefühle bezüglich Sex hast: Manche lehnen Sex für sich ab oder sind gleichgültig. Das Konzept von Sex, als ein Trieb der befriedigt werde will, verstehst Du nicht. Für Dich ist Sex ein Ausdruck von Nähe und Liebe. Daher sind viele Demisexuelle unsicher, wenn andere über Sex sprechen.
  • Du denkst anders über Attraktivität als Deine Mitmenschen. Reden Freunde darüber, auf wen sie gerade stehen oder sexy finden, weißt Du damit nichts anzufangen, denn auch Wörter wie scharf oder sexy ergeben für Dich nur wenig Sinn. Wenn Du Dich verliebst, willst Du in erster Linie denjenigen kennenzulernen, und nicht mit ihm im Bett landen. Mit Pornos oder Nacktbildern kannst Du auch nicht viel anfangen.
  • Vielleicht magst Du sogar die Vorstellung von Sex, kannst Dir aber niemanden auf Deiner Bettkante vorstellen. Vielleicht fühlst Du Dich sogar wohl mit Gesprächen über Sex, guckst sogar Pornos und masturbierst. Nur eben diese eine Sache ist seltsam: Sobald Du überlegst, wer der Auserwählte sein könnte, erwartet Dich gähnende Leere: Niemand kommt für Dich in Frage, egal, wie sehr Du Ausschau hältst.
  • Sex ist für Dich eine verpflichtende Veranstaltung. Du gibst Dich Deinem Partner hin, weil man das eben so macht und weil Dein Partner es genießt. Persönlich gibt Dir das nichts. Du hättest genauso gut die Küche blank putzen und einfach Besseres mit Deiner Zeit anfangen können.
  • Du steigst einfach nicht dahinter, was diese Flirterei soll. Du fühlst Dich dabei auch unwohl. Das erscheint Dir irgendwie alles sinnlos: Warum flirten, wenn man sich auch vernünftig unterhalten könnte, da lernt man sich viel besser kennen. Du weißt nicht, wie Du Dich verhalten sollst und bist vielleicht sogar frustriert. Vielleicht nimmst Du auch nicht einmal wahr, wenn jemand mit Dir flirtet.
  • Du wärst schon gern in einer Beziehung, aber das ganze Dating macht Dich fertig. Du fragst Dich, wie Menschen nach ein paar Dates schon Sex haben können. Irgendwie scheint die Erwartung aber immer mitzuschwingen, deshalb kannst Du Dates mit Fremden nicht gut ertragen. Du suchst stattdessen nach langwieriger emotionaler Intimität, bevor Du überhaupt daran denkst, miteinander auch körperlich intim zu werden.
  • Wenn du doch einmal sexuelle Anziehung in deinen Adern spürst, verwirrt sie Dich und ist explizit auf eine Person gerichtet. Es kommt eben so furchtbar selten vor. Womöglich kannst Du dieses warme Gefühles nicht einmal zuordnen. Aber die Vorstellung, mit dem Freund Sex zu haben, erscheint Dir vielleicht gar nicht völlig abwegig.
  • Führst Du eine tiefe emotionale Beziehung zu einem Menschen, ist es für Dich unmöglich, von jemand anderem angezogen zu sein. Denn Deine sexuelle Anziehung ist absolut exklusiv.

Erfahrungsberichte auf Youtube

Auf Youtube gibt es mittlerweile zahlreiche Berichte von Demisexuellen, die von ihren Erfahrungen erzählen und davon, mit welchem Druck sie in der Gesellschaft konfrontiert sind.

Am Ende weißt nur Du selbst, ob Du Dich in manchen Punkten wiederfindest. Jeder demisexuelle Mensch hat, wie jeder andere Mensch, eine sehr individuelle Sexualität. Deswegen variieren die Erfahrungen jedes Einzelnen sehr stark. Bei manchen etwa flammt gelegentlich Lust auf, andere sind Sex gegenüber gleichgültig, weitere scheuen schon den Gedanken an die körperliche Liebe.

Zudem bewegen sich sexuelle Orientierungen mitunter wie im Fluss und können sich mit der Zeit ändern. Wenn Dir die Zuordnung demisexuell hilft, Dich besser zu verstehen, ist das fantastisch, mach sie Dir zunutze. Fühlst Du Dich davon irgendwie eingeschränkt, dann gilt: „fuck the labels”.

Bildquelle: iStock/Tomwang112, iStock/Sudowoodo

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