Sexsucht

Mythos Sexsucht

Kann man süchtig nach Sex und Liebe sein?

Nina Rölleram 14.06.2017 um 11:18 Uhr

Wenn du die Netflix-Serie „Love“ geguckt hast, wirst du schon einmal etwas von Sex- und Liebessucht gehört haben, an der die Protagonistin Mickey leidet. Die sogenannte Sexsucht ist ein heikles Thema, denn es ist umstritten, inwiefern es sich dabei wirklich um ein psychologisches Krankheitsbild handelt. Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die wirklich einen Leidensdruck empfinden, den man ernst nehmen sollte. Wie sich dieses Phänomen bemerkbar macht und welche Initiativen in Deutschland Hilfe anbieten, erfährst du hier.

Sexsucht

Wenn Sexualität zum Zwang oder zu einer Belastung wird, kann man von Sexsucht sprechen.

„Love“ bricht mit gängigen Vorurteilen über Sexsucht

Love netflix

In der Netflix-Serie „Love“ wird Sex- und Liebessucht thematisiert.

Mit Sexsucht assoziieren die meisten wohl Männer, die sehr viele Pornos konsumieren, denken an Eingeständnisse des Schauspielers David Duchovny und nehmen diese Erkrankung nicht wirklich ernst. Schließlich ist Sex ja etwas Schönes, und solange dieser in gegenseitigem Einverständnis geschieht, gibt es eigentlich kein Zuviel an Geschlechtsverkehr oder Masturbation. In der Netflix-Serie „Love“ wird jedoch ein ganz anderes Bild von Sexsucht gezeichnet: Betroffen ist die weibliche Protagonistin Mickey, die als Therapiemaßnahme zu Treffen der anonymen Sex- und Liebes-Süchtigen geht. Was sich beim ersten Mal vielleicht wie eine äußerst romantische „Erkrankung“ anhören mag, existiert tatsächlich. Zumindest gibt es auch hierzulande entsprechende Therapiegruppen, die dem amerikanischen Vorbild aus der Serie ähneln.

Ist Sexsucht überhaupt ein Krankheitsbild?

Wie auch bei vielen anderen psychischen Leiden ist umstritten, inwiefern eine Klassifizierung als Krankheit hier wirklich sinnvoll ist. Selbst die Existenz der Nymphomanie, die zwar offiziell als Erkrankung anerkannt ist, wird von vielen Psychologen angezweifelt. Die Diagnose Sexsucht soll schließlich nicht dazu verleiten, festzuschreiben, welches Maß an Sexualität gesund und normal ist und ab wann es sich dabei um eine Sucht handelt. Das Gefühl, nicht genug von jemandem bekommen zu können, und sich insbesondere im verliebten Zustand wie süchtig nach einer Person zu fühlen, soll hier keineswegs gemeint sein.

Wie auch andere substanzunabhängige Suchterkrankungen sollte erst dann von einer Sex- und Liebessucht gesprochen werden, wenn bei der betroffenen Person wirklich ein Leidensdruck besteht und diese förmlich abhängig von Liebesbeziehungen und Affären ist. Der Grat zwischen „normalem“ oder besser gesagt gesellschaftlich anerkanntem Verhalten ist hier jedoch schmal. Da sich diese Sucht nicht an der Anzahl der sexuellen Aktivität festmachen lässt, ist es hilfreicher, sich folgende Fragen zu stellen:

  • Nimmt Sexualität einen sehr großen Stellenwert in deinem Leben ein und hält diese dich davon ab, nichtsexuellen Aktivitäten und Pflichten nachzugehen?
  • Bringt die sexuelle Aktivität hinterher keine wirkliche Befriedigung?
  • Kannst du an kaum etwas anderes als an deine Liebesbeziehung oder die Knüpfung von neuen Affären oder Beziehungen denken?
  • Kannst du dich in den Beziehungen gar nicht wirklich auf die andere Person einlassen, sondern geht es dir vielmehr um das Gefühl, selbst geliebt und wertgeschätzt zu werden?
  • Hast du das Gefühl, ohne diese Bestätigung nicht lebensfähig zu sein?
  • Liebst du deinen Partner nicht dafür, wer er ist, sondern weil du es genießt, welch starke Emotionen er in dir auslöst?

Wie du merkst, ist es gar nicht so einfach, eine solche Liebes- und Sexsucht klar zu definieren und es erfordert einiges an Selbstreflexion, um eindeutige Antworten auf diese Fragen zu geben.

SLAA: Die anonymen Sex- und Liebessüchtigen

Selbsthilfegruppe Sexsucht

In vielen Städten gibt es Selbsthilfegruppen.

In „Love“ besucht die Protagonistin Mickey häufig Treffen der Sex and Love Addict Anonymous, kurz: S.L.A.A. Diese Selbsthilfegruppen sind allerdings keine Erfindung der Serie, sondern existieren wirklich. In ihrem Aufbau ähneln sie stark den Prinzipien der Anonymen Alkoholiker: Das bekannte 12-Schritte-Programm sowie Spiritualität als Grundbaustein kommen auch hier zum Tragen. Auch wenn diese konfessionsunabhängig ist, erfordert diese Form der Gruppentherapie eine gewisse Unterordnung an eine höhere spirituelle Macht. Auch wenn es in den USA deutlich mehr Selbsthilfegruppen der Anonymen Alkoholiker und der S.L.A.A. gibt, existieren auch in Deutschland überraschend viele Vereinigungen. In etwa 60 Ortsgruppen treffen sich derzeit deutschlandweit Betroffene der Sex- und Liebessucht. Alle Adressen und Termine kannst du auf der Webseite der deutschen S.L.A.A. aufrufen. Wenn diese Form der Gruppentherapie oder Spiritualität aber überhaupt nicht dein Ding sind, kannst du auch Hilfe durch eine herkömmliche Psychotherapie bekommen. Über deinen Hausarzt kannst du Kontakte zu spezialisierten Therapeuten erfragen und bei einem entsprechenden Leidensdruck die Therapie auch von der Krankenkasse erstattet bekommen.

Bildquelle: iStock/sakkmesterke, iStock/bak_fotography, Getty Images/Bryan BedderiStock/KatarzynaBialasiewicz

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Kommentar (1)

  • kreisecke am 18.06.2017 um 09:53 Uhr

    die oben genannten 6 Punkte sind m.E. ein guter Einstieg in die Selbstreflexion und zeigen ebenso den psychischen Hintergrund jeder Sucht auf: es besteht eine Unausgeglichenheit zwischen dem gelebten Leben und demjenigen, was eigentlich gelebt werden will, welches unbewusst oder bewusste Frustrationsenergien (Stauungen) erzeugt, die dann das eigentlich Leid als Wahrnehmbares zur Folge haben. Wir suchen nach einer Lösung, einem Ganzwerden, einem Ausstieg und fixieren uns dabei auf ein Suchtmittel. Sexsucht weist insbesondere darauf hin, seine Kreativität nicht im Außen leben zu können bzw. nicht genügend innere Ressourcen mobilisieren zu können, um Widerstände im Außen zu meistern. Verstandestätigkeiten (Intellektualierung) stehen zu stark im Fokus - diese "Erkältung" der Seele verlangt nach Hitze ...