Lust und Nähe

Karezza – Sex ohne Orgasmus

Katharina Lübkeam 22.07.2016 um 10:59 Uhr

Wir wollen kommen, heiß, intensiv, lange und gemeinsam! Die Lust auf den Orgasmus ist schon fast wie eine Sucht, wir erheben sie zum Zwang und einzigen Ziel der körperlichen Lieben. Dabei haben gerade viele Frauen auch Spaß beim Sex ohne Orgasmus. Der neue Trend Karezza bietet einen Ausweg: Sex ohne Orgasmus wird zur Lebenseinstellung berufen. Karezza hebt die körperliche Liebe auf eine neue Ebene der gemeinsamen Lust und tiefen Nähe.

Die weibliche Sexualität wird von so einigen Mythen erdrückt. Sex sei nur dann gut, wenn er in einem bebenden Orgasmus endet etwa. Diese Vorstellung ist ein maßlos überhöhter Anspruch, angesichts dessen, dass viele Frauen trotz vieler Orgasmusarten beim Geschlechtsverkehr mit ihrem Partner überhaupt nicht kommen: Laut einer Studie kommen nur 14 Prozent der Frauen bei sexuellen Begegnungen zum Höhepunkt. Durch reine Penetration kommen offenbar nur 4 Prozent.

Karezza

Karezza ruft dazu auf, den Orgasmus über Bord zu werfen.

Und die Quote sinkt vermutlich mit steigendem Druck, denn Sex macht einfach keinen Spaß, wenn er zum mühseligen Aufstieg auf einen Gipfel verkommt, der in weiter Ferne liegt. Dabei ist eigentlich wie bei der Bergwanderung der Weg das Ziel; mit dem Zwang zum Orgasmus stellt man sich aber das Ziel in den Weg. Denn um zu kommen, muss man sich anspannen, bei vielen Frauen endet das in Verspannung.

Orgasmuszwang macht Lust zum Frust

80 bis 90 Prozent der Frauen täuschen ihrem Partner einen Orgasmus vor, etwa um ihm das Gefühl zu geben, dass er ein guter Liebhaber ist, um ihn schneller zum Höhepunkt zu bringen, weil sie glauben, ihm den Orgasmus schuldig zu sein oder einfach, weil sie sich nicht trauen, die Wahrheit zu sagen.

Karezza

Karezza beflügelt zu neuen Wegen der Lust und Nähe.

Denn auch Männer holen sich Bestätigung aus ihrer Fähigkeit, die Frau zu „beflügeln“. Oft ist der Druck so groß, dass Sex zur ausgefeilten Technikübung verkommt und im Kopf Fragen dominieren wie: Wo muss ich drücken, damit sie an geht?“ Gehen wir dann nicht an, fühlen sie sich nicht selten als Versager und sind verunsichert. Das kann sogar bis zu reaktiven Sexualstörungen aus Versagensangst führen. So haben Sexualtherapeuten immer wieder mit frustrierten Paaren zu tun, die vor ihren Ansprüchen darniederknien.

Dabei genießen Frauen auch solchen Sex, der nicht im Orgasmus endet: Die Berliner Charité fand in einer Befragung heraus, dass jede zweite Frau sexuell zufrieden ist, auch wenn sie nicht immer einen Orgasmus erlebt. 76 Prozent sind glücklich.

Karezza: Sex ohne Orgasmus

Ein neuer Trend ruft nun dazu auf, den Orgasmus als oberstes Ziel über Bord zu werfen: Karezza! Der Begriff leitet sich aus dem italienischen ab und kann mit „Liebkosung“ oder „streicheln“ übersetzt werden. So ist Karezza Sex im Sinne des Wortes „Liebe machen“. Er ist sehr sanft und verzichtet bewusst auf den Orgasmus.

Während er im Normalfall fast immer kommt, hat sie deutlich seltener das Vergnügen. Beim Karezza geht es darum, sich vom Zwang zum Orgasmus zu befreien, der Mann soll ausdrücklich nicht zum Höhepunkt kommen, die Frau darf – aber das ist nicht das Ziel. So ist jeder Leistungsdruck weg und der Sex wird ausdauernder, kann über Stunden gehen. Statt des kurzweiligen Orgasmus’ soll er durch eine lange Phase höchster Lust auf seine Kosten kommen. Neue Wege zur Lust werden gefunden. Damit ist Karezza mehr als der Verzicht auf den Orgasmus.

Der Sex ohne Orgasmus ist deutlich langsamer als herkömmlicher Sex. Denn hier steht das sinnliche Erlebnis im Vordergrund: Es wird viel gestreichelt, liebkost, geküsst, ganz ohne „etwas dafür haben zu wollen“. Dadurch wird sehr viel Nähe aufgebaut: Die Partner konzentrieren sich ganz auf sich und den anderen.

Was wirklich verbindet

Erregung unter Kontrolle halten

Beim Karezza dringt er in sie ein, bewegt sich dann aber nicht mehr oder nur minimal, um einen Orgasmus zu vermeiden, er muss seine Erregung unter Kontrolle halten. Der Weg ist das Ziel beim Karezza, Entspannung und Genuss stehen im Mittelpunkt. Dabei geht natürlich auch der „aggressive“, leidenschaftliche Aspekt von Sex verloren.

Auf der Karezza-Website wird die Art zu lieben als „friedvolles Segeln in ruhigen Gewässern“ beschrieben, wie in „einem meditativen von Liebe überströmenden Zustand“ ohne „kamasutrische Turnübungen“.

Laut der Website ist Karezza nicht einfach eine neue Sexpraktik, sondern eine neue Lebenseinstellung. Dazu müsse man die mentalen Muster durchbrechen, wie bei einer Ernährungsumstellung statt einer simplen Diät. So könne Karezza die Beziehung auch auf ganzheitlicher Ebene stärken: Denn der sanfte Umgang miteinander gilt nicht nur fürs Bett, sondern soll generell angewendet werden. Die wichtigsten Komponenten, die Karezza erst zu Karezza machen, sind deshalb:

  • Die Bereitschaft beider Partner, selbstlos zu geben: Wie die Goldmarie, der der Lohn egal war und die Tat schon Lohn genug, und nicht wie die Pechmarie, die ihren eigenen Vorteil im Auge hatte und nichts bekam.
  • Sehr sanfter Sex ohne Orgasmus: Trotz ausbleibendem Orgasmus löst sich die Spannung in der Sexualorganen auf, aber ohne die Folgen der orgasmusbedingten Dopamin-Achterbahn.
  • Dauerhafte Beziehung: Beide Partner sollten an einer körperlich-seelisch-geistigen Einheit interessiert sein, denn nur mit tiefem gegenseitigen Vertrauen funktioniert Karezza.
  • Monogame Beziehung: Es sei nicht möglich, das tiefe Vertrauen herzustellen, wenn man davon ausgehen muss, dass der Partner sich in einer offenen Beziehung auch noch mit einer anderen Person verbindet.
  • Lieben wollen: Lieben wollen heißt, eine Entscheidung für den Partner getroffen zu haben. Wer nur aus dem Gefühl der Liebe heraus handelt, ist bei der nächsten Gefühlswallung weg. Eine Entscheidung aber trägt auch über schwierige Phasen, in der die Gefühle gerade abgekühlt sind.
  • Jede Nacht im gleichen Bett schlafen: Laut Karezza verbinden sich die Seelen im Schlaf noch stärker miteinander und Oxytocin sorgt für körperliche und seelische Heilungsprozesse. Man teilt das Bett, auch wenn man sich gerade nicht leiden kann.

Auf den Orgasmus zu verzichten, ist gerade für Ungeübte nicht leicht. Auch weil umso mehr Dopamin ausgeschüttet wird, je näher man dem Orgasmus kommt. Desto dringender wünscht man sich einen Orgasmus. Das äußert sich in den sogenannten „Kavaliersschmerzen“.

Geht es also langsam an. Informiert euch. Wenn es nicht gleich funktioniert, weil die Lust Euch einfach davonschwemmt, gebt nicht auf, probiert es einfach immer wieder. Wie gesagt, Leistungsdruck in jede Richtung ist fehl am Platz. 

Bildquelle: iStock/KatarzynaBialasiewicz

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