Polygamie

Polygamie steht für die Ehe oder auch eheähnliche Beziehung mit mehreren Partnern gleichzeitig. Sie wird heute in der westlichen Kultur nur noch in seltenen Fällen praktiziert, wird jedoch in anderen Kulturräumen teilweise noch akzeptiert.

1. Definition und Arten der Polygamie

Das Wort Polygamie ist eine Zusammensetzung aus dem griechischen polys (=viel) und gamos (=Ehe) und bezeichnet getreu der Übersetzung eine Form der Vielehe beziehungsweise gleichzeitige eheähnlichen Beziehungen mit mehreren Partnern. Sie bildet somit das Gegenstück zur Monogamie.

Es gibt drei Arten der Polygamie, die sich darin unterscheiden, ob ein Mann oder eine Frau mehrere Ehepartner hat. Es gibt jedoch auch eine Mischform.

Polygynie

Bei der Polygynie, auch veraltet als „Vielweiberei“ bezeichnet, hat ein Mann mehrere Ehefrauen. Diese Form der Polygamie ist die in der Tierwelt und beim Menschen am meisten verbreitete.

Polyandrie

Früher als „Vielmännerei“ bezeichnet ist die Polyandrie eine eher selten vorkommende Unterform der Polygamie. Dabei hat eine Frau zwei oder mehr Ehemänner.

Polygynandrie

An dieser Form der Polygamie sind mehrere Frauen und Männer beteiligt. Sie kommt sehr selten vor.

Braut mit vielen Männern

Eine Frau mit mehreren Ehemännern? Eher selten der Fall.

2. Polygamie: Entstehung und Gründe

Der Großteil der Menschen lebt in monogamen Beziehungen. Dennoch gab und gibt es Kulturkreise, in welchen eine polygame Ehe nicht ungewöhnlich ist. Wie diese Toleranz der Vielehe entstanden ist, ist ziemlich interessant. In der Tierwelt sieht es hingegen wieder ganz anders aus: Hier lebt ein Großteil der Lebewesen mit mehreren Partnern zusammen.

Polygamie beim Menschen

Der Mensch betreibt Polygamie nicht nur aus rein sexueller Natur. Die Gründe hierfür sind vielfältig und entstanden je nach historischem Kontext und daraus resultierenden Gegebenheiten in den verschiedensten Teilen der Erde:

  • Soziale Absicherung: Bis in die Neuzeit hinein war es nicht unüblich, dass ein Mann mehrere Partnerinnen hatte. Dies lag darin, dass sich eine Frau eher einen Partner suchte, der in besseren territorialen Bedingungen lebte und eventuell eine oder mehrere andere Partnerinnen hatte, als jemanden, der alleinstand und von schlechteren Bedingungen umgeben war. Auch nach Kriegen entstanden häufig polygame Beziehungen: Da die Männer durch die vielen Gefallenen in der Unterzahl waren, war es für die verbliebenen Witwen schwer, einen neuen Mann zu finden, der sie absichern konnte. So teilte man sich lieber einen.
  • Fortpflanzungserfolg: Die Evolutionsbiologie begründet das Entstehen der Polygamie in der Sicherstellung von genügend Nachfahren. Hat z. B. ein Mann eine Frau, die ihm keine oder nicht genügend Kinder schenken kann, so kann er notfalls auf die zweite ausweichen und so einen höheren Fortpflanzungserfolg erzielen. Umgekehrt gilt dies genauso.
  • Unterstützung der Frauen: Wenn sich im Umfeld eines Mannes oder unter seinen angeheirateten Verwandten eine verwitwete Frau mit Kindern in einer finanziellen und sozialen Notsituation befand, war es nicht unüblich, dieser Hilfe anzubieten, indem man sie zur Frau nahm. Ob dieser Mann bereits eine Ehefrau hatte, spielte dabei keine Rolle.

Polygamie im Tierreich

Drei Löwen

In der Tierwelt ist Polygamie nichts Ungewöhnliches.

Höchstens drei bis fünf Prozent der Säugetiere leben monogam. Sowohl Männchen als auch Weibchen gehen im Tierreich munter fremd – Zoologen sprechen dabei vom „Gen-Shopping“.Auch in der Partnerwahl zeigen sich Parallelen zum Homo sapiens. Es gilt, das schönste Weibchen mit den optimalen Erbanlagen zu finden, um die besten Voraussetzungen für das Überleben der Nachkommen zu schaffen. Meist bestimmen die Randbedingungen, ob Männchen und Weibchen in der Tierwelt monogam leben oder ob sich polygame Verbindungen bilden. Dabei beobachtet man sowohl Formen der Polygynie als auch der Polyandrie:

  • Polygynie: Hier zählt zum einen das bestmögliche Verteilen der Erbanlagen, zum anderen kann das Männchen seine Weibchen vor allem verteidigen.
  • Polyandrie: Diese Form ist vor allem unter bestimmten Vogelarten zu finden. Das Weibchen hat auf diese Weise eine höhere und bessere Auswahl an Sperma zur Fortpflanzung. Zudem können sich die verschiedenen Männchen unter Umständen die Aufgabe der Brutpflege teilen.

3. Polygamie in Deutschland

In Deutschland ist nicht nur die Bigamie, also die Doppelehe, sondern dementsprechend auch die Polygamie verboten. Wer sich nicht an §1306 aus dem Bundesgesetzbuch hält, muss mit einer Geld- oder einer Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren rechnen.

Eine Ehe darf nicht geschlossen werden, wenn zwischen einer der Personen, die die Ehe miteinander eingehen wollen, und einer dritten Person eine Ehe oder eine Lebenspartnerschaft besteht.

BGB §1306

Dennoch gibt es eine gewisse Grauzone: Denn an sich ist nur die Schließung einer weiteren Ehe verboten, deren Führung in Deutschland allerdings nicht. Wurde also heimlich im Ausland eine zweite Ehe geschlossen, so greift das Recht des Ehegattennachzugs. Dies bedeutet, dass das Gesetz die Möglichkeit einräumt, den außerhalb Deutschlands geehelichten Partner ins Land zu holen.

Zudem gibt es hierzulande einige Moscheen, in denen es Männern möglich ist, eine Zweitfrau zu heiraten. Diese Eheschließungen werden von deutschen Ämtern nicht registriert und können somit nicht kontrolliert werden. So ist es also möglich, auch in Deutschland eine Mehrehe einzugehen. Theoretisch muss die erste Ehefrau damit einverstanden sein, dies wird aber nicht immer beachtet.

Ehepaar bei der Trauung

In Deutschland ist lediglich die Ehe mit einem Partner erlaubt. Polygamie ist strafbar.

4. Polygamie in anderen Ländern und Kulturen

In der westlichen Welt ist eine Ehe mit mehr als einem Partner heute bis auf Ausnahmefälle unüblich. Dennoch gibt es auch größere Kulturkreise, in denen eine polygame Beziehung ganz normal ist. Dabei sind es fast immer die Männer, die mehrere Partnerinnen haben dürfen.

USA

In den Vereinigten Staaten von Amerika ist Polygamie seit 1882 gesetzlich verboten. Dennoch sind vor allem die Mormonen, die Anhänger der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, auch heute noch dafür bekannt, in Vielehe zu leben. Dieses Bild entspricht nicht mehr ganz der Realität, denn 1890 distanzierte sich die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage offiziell von dieser Eheform. Zwar wurde Polygamie auch danach noch von vielen Mormonen und auch vom Kirchengründer Joseph Smith und seinem engen Umfeld gelebt. Heute findet man jedoch nur noch vereinzelt und sehr abgeschieden in Utah lebende Mormonen (etwa 30.000 – 50.000), welche die Vielehe praktizieren. Die folgende Statistik zeigt, wie gering die Anzahl der mormonischen Befürworter der Polygamie im Jahr 2011 war:

Statista Statistik zu Polygamie unter Mormonen

86 Prozent der Mormonen empfinden Polygamie als moralisch falsch.

Weitere Länder und Kulturen

  • Schweiz: Polygamie ist hier verboten, die Konsequenz einer Missachtung des Verbots ist entweder eine Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder eine Geldstrafe.
  • Vereinigtes Königreich: Polygamie wird hier mithilfe von Bigamie-Gesetzen unterbunden.
  • Türkei: Zwar wurde die Polygamie hier durch das Türkische Zivilgesetzbuch 1926 abgeschafft, dennoch soll es dort auch heute noch etwa 500.000 Mehrehen geben.
  • Südafrika: Hier leben noch Hunderttausende in polygamen Beziehungen. Jacob Zuma, der Präsident des Landes, hat selbst vier Ehefrauen. Für alle sollte laut Gesetz gleichermaßen gesorgt werden.
  • Kenia: Hier ist es Männern erlaubt, mehrere Frauen gleichzeitig zu haben, ohne die anderen Frauen darüber zu informieren.
  • Swasiland: Traditionell wird hier die Polygamie befolgt, besonders von hochrangigen Männern. Der derzeitige König, Mswati III., heiratete 2013 seine 15. Ehefrau.
  • China: In der Provinz Qinghai ist es erlaubt, dass eine Frau mehrere Brüder heiratet. Dies wird als ideales und stärkst mögliches Zusammenleben empfunden.
  • Weitere Länder, in denen Polygamie geduldet wird: Papua-Neuguinea, Philippinen, einige arabische Staaten

5. Polygamie in den Weltreligionen

Die meisten der großen Religionen befürworten heute die monogame Beziehung zwischen Mann und Frau, auch wenn dies in vergangenen Jahrhunderten teilweise noch anders war. Eine große Ausnahme bildet der Islam, in dem die Mehrehe auch heutzutage noch eine große Rolle spielt.

Polygamie im Islam

Mehrere Ehefrauen zu haben ist im Islam laut Auslegung des Koran vollkommen legal, wenn es im jeweiligen Land nicht gesetzlich anders geregelt ist (z. B. Türkei, Tunesien). Grundlage dafür bildet dieser Abschnitt:

Und wenn ihr fürchtet, den Waisen nicht gerecht werden zu können, nehmt euch als Frauen, was euch gut erscheint, zwei oder drei oder vier. Doch wenn ihr fürchtet, ihnen nicht gerecht werden zu können, heiratet nur eine…

Koran (Sure 4:3)

Laut diesem ist es einem Muslim erlaubt, maximal vier Ehefrauen zu haben. Allerdings ist er gesetzlich dazu verpflichtet, für jede einzelne seiner Frauen zu sorgen, ihr einen eigenen Hausstand einzurichten und sich um ihr Wohlergehen zu kümmern. Die Ehefrauen leben also in der Regel getrennt und haben oft nicht viel Kontakt miteinander. Ist ein Mann zu der finanziellen Unterstützung seiner Partnerinnen nicht imstande oder legt seine erste Frau Einspruch ein, würde er bei der Umsetzung der Polygamie gegen seine Religion verstoßen. In dem Falle ist es ihm nur erlaubt, eine Frau zu ehelichen. Frauen besitzen im Islam hingegen nicht das Recht auf ein Leben mit mehreren Ehepartnern.

Die Polygamie im Islam blickt auf eine lange Geschichte zurück, die bis ins 20. Jahrhundert hineinreicht. Die extremsten Fälle bildeten verschiedene Harems, die vor allem reichen und mächtigen Persönlichkeiten vorbehalten waren. So soll der Gründer Saudi-Arabiens, Abad al Aziz ibn Saud, etwa 3.000 Frauen in seinem Harem beherbergt haben. Heute gibt es in den muslimischen Ländern immer noch unglaublich viele polygame Ehen, dennoch ist die Anzahl langsam abnehmend. Jede neue Generation der Muslime lebt moderner als die vorherige und passt ihr Leben oft auch immer mehr der westlichen Gesellschaft an.

Muslimische Trauung

Im Islam ist es für eine Frau auch heute nicht ungewöhnlich, ihren Ehemann teilen zu müssen.

Polygamie in anderen Religionen

  • Christentum: Die Mehrehe ist hier schon seit sehr langer Zeit unüblich beziehungsweise verboten. Einzig die Monogamie wird hier als Beziehungsform zwischen Mann und Frau angesehen.
  • Judentum: Je nach Gruppe war es teilweise noch bis ins 20. Jahrhundert üblich, mehrere Ehepartner zu haben. Heute leben jedoch fast alle Juden in einer monogamen Ehe.
  • Hinduismus: Hier gibt es verschiedene Regeln, welche regulieren, ob Polygamie erlaubt ist oder nicht.
  • Buddhismus: Für Buddhisten ist es wichtig, Rücksicht auf die Gefühle anderer zu nehmen und möglichst wenig Leid zu verursachen. Daher ist die Form der Ehe hier sehr an das westliche Leben angepasst. Im tibetanischen Buddhismus waren Polygynie und Polyandrie in der Vergangenheit jedoch nicht unüblich, oft zu wirtschaftlichen Zwecken.

6. Die legale Alternative: Polyamorie

Polyamorie

Polyamorie ist in Deutschland erlaubt.

Menschen, die ihren natürlichen Trieben folgen und der Monogamie den Rücken kehren, bekennen sich zu einem Lebenswandel, der sich gegen die heutige europäische Gesellschaftsform richtet. Zwar ist es strafbar, wenn mehr als zwei Partner den Bund der Ehe miteinander eingehen, wenn eine Person jedoch mit mehreren Frauen oder Männern in einer Geschlechtsgemeinschaft zusammenlebt, darf niemand etwas dagegen einwenden. Die Bezeichnung für diese Beziehungsform lautet Polyamorie. Oft wird Polyamorie mit der „offenen Ehe“ verglichen, aber die Befürworter derselben streiten das ab: Es geht nicht darum, neben dem Ehepartner eine Geliebte zu haben, sondern gleichzeitig mit mehreren Menschen in tiefer Liebe verbunden zu sein und mit diesen eine verantwortungsvolle Beziehung zu führen.

Der wohl bekannteste Polygamist ist Rainer Langhans, der vor allem für seine Mitgliedschaft in der Kommune I, einer politisch motivierten Wohngemeinschaft, bekannt ist. Seit den 1960er Jahren lebt er mit einer Hand voll Frauen zusammen, die teilweise weitere Beziehungen mit anderen führen. Auch wenn die Akzeptanz in Bezug auf Polygamie gestiegen ist – Menschen, die mit mehreren Partnern zusammenleben, gelten als absurde Ausnahme und werden von Außenstehenden häufig als sonderbar betitelt.

Bildquellen: iStock/cyano66/1001nights/MHGALLERY/monkeybusinessimages/Zurijeta/JackF, Statista

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