Sadismus

Der Sadismus bezeichnet eine sexuelle Vorliebe, bei der ein Mensch Lust empfindet, wenn er anderen Menschen Schmerzen zufügt und sie unterdrückt. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird der Begriff Sadist auch für alle Menschen verwendet, die sich am Leid anderer erfreuen und es genießen, andere Personen zu demütigen. Das Gegenteil davon, d.h. Personen die Lust empfinden, wenn sie gedemütigt werden, bezeichnet man als Masochismus.

Psychiater Krafft-Ebing prägte den Begriff des Sadismus.

1. Historische Definition und Einordnung des Sadismus

Der Begriff des Sadismus geht auf den im späten 19. Jahrhundert praktizierenden Psychiater und Gerichtsmediziner Richard von Krafft-Ebing zurück. Dieser erforschte u.a. die menschliche Sexualität und die Beziehungen zwischen der Psychiatrie und dem Strafrecht und gilt als der Begründer der modernen Sexualpathologie. 1866 prägte er zum ersten Mal den Begriff des Sadismus als sexuelle Neigung, anderen Menschen Schmerz zuzufügen. Dieser wird bis heute als Fachausdruck für die Diagnose der Paraphilie verwendet wird, bei der sexuelle Lust durch Demütigung anderer entsteht.

Namensgeber des Sadismus war für Krafft-Ebing der umstrittene französische Gelehrte und Enfant Terrible Donatien Alphonse François, besser bekannt als der Marquis de Sade. Der französische Adlige fiel schon in jungen Jahren durch seine ausschweifende und zur Gewalt neigende Sexualität auf, die ihn hinter Gitter brachte: Er zwang mehrere Prostituiere zu Gruppen- und Analsex und misshandelte einige junge Frauen, woraufhin er zum Tode verurteilt wurde. In Gefangenschaft verfasste er eine Reihe kirchenfeindlicher und philosophischer Schriften aufgrund derer er als einer der radikalen aber umstrittenen Aufklärungsphilosophen galt.

„Nicht im Genuß besteht das Glück, sondern im Zerbrechen der Schranken, die man gegen das Verlangen errichtet hat.“

Donatien Alphonse Marquis de Sade

Marquis de Sade Juilette

Folterszene aus de Sades Text „Juliette“, Folgeroman der „Justine“

Seine Hauptwerke, für die man ihn heute kennt, sind die pornografischen Romane „Die 120 Tage von Sodom“ (1785), „Justine oder vom Missgeschick der Tugend“ (1791) und „Die Philosophie im Boudoir“ (1795). Darin beschreibt er in aller Ausführlichkeit und Detailliertheit zahlreiche sexuelle Handlungen von Gruppensex mit Folter bis zu erzwungenem Analverkehr und Lustmord, die als moralisch höchst anstößig galten und zu seinen Lebzeiten nie gedruckt wurden. Neben Zeitgenossen wie Lord Byron und Mary Shelley gilt er bis heute als einer der frühen Beeinflusser der Horrorliteratur und Gothic Novel, in denen sich zahlreiche Spielarten des sexuellen Sadismus finden lassen.

Laut Psychiater Krafft-Ebing umfasst der Sadismusbegriff eine „Krankheit“ bei der das natürliche Lustempfinden stark mit dem Zufügen von Schmerz zusammenhängt. In seinem bis heute bekanntesten Monumentalwerk „Psychopathia Sexualis“ teilt er verschiedenste sexuelle Vorlieben als Krankheiten ein. Deren Einteilung als psychische Störungen, die behandelt werden müssen, gelten jedoch heute als umstritten. Heute ist Sadismus in der Psychologie ein problematischer Begriff.

Der Begründer der Psychoanalyse Sigmund Freud begriff Anfang des 20. Jahrhunderts Sadismus als Teil der reifen, genitalen Sexualität, der zur ursprünglichen Triebausstattung des Menschen gehört. Destruktive Aggression und der Bemächtigungstrieb sind laut Freud sehr eng mit dem Sexualtrieb verbunden. Die psychoanalytische Selbstpsychologie versteht den Sadismus eher als eine Perversion, die auf in der Kindheit erlebten schädigenden Kommunikationsformen der Eltern beruht.

2. Arten des Sadismus

Allgemein kennen wir den Begriff des Sadismus meist unter zwei Bedeutungen – als Beschreibung einer Sexualpraktik oder im Sinne des böswilligen Schikanierens. Eine sadistische Ader oder Ausprägung kann sich auch zeigen, indem man einen Beruf wählt, bei dem man eine nichtsexuelle Dominanz auslebt (Alltags-Sadismus). Insgesamt werden in der Psychologie weitere unterschiedliche Ausprägungen definiert.

Sexueller oder auch Konjunktions-Sadismus

Personen, die sexuellen Sadismus praktizieren, empfinden es als erregend, die völlige sexuelle Kontrolle über eine andere Person zu haben und diese zu dominieren. Dies geht einher mit dem Bedürfnis nach Geschlechtsverkehr in Verbindung mit dem Zufügen von Schmerz. Das Leiden des Anderen wird als sexuell erregend erlebt.

Perverser oder Kompensations-Sadismus

Beim Kompensations-Sadismus ist das Ziel nicht der Geschlechtsverkehr, sondern allein das Zufügen von Leid ist die höchste Form der sexuellen Erregung. Die Einnahme einer dominanten Rolle, die Zumutung von Ekel oder die Inszenierung einer bedrohlichen Situation schafft den sexuellen Reiz.

Nicht sexueller oder psychischer Sadismus

Psychischer Sadismus bezeichnet eine Verhaltensmentalität, die sich in der Quälerei und Demütigung von Mitmenschen oder auch Tieren äußert. Der psychische Sadist praktiziert häufig keinen sexuellen Sadismus.

BDSM Praktiken Sadismus

Der Sadist empfindet Lust darin, anderen Schmerz zuzubereiten.

3. Sadismus vs. Masochismus

Den Gegenpart zum Sadismus bildet der Masochismus. Ein Masochist empfindet Lust, wenn er sich einer anderen Person sexuell ausliefert. Dies äußert sich häufig in sexuellen Spielen, bei denen der Sadist den dominierenden Part einnimmt und der Masochist sich als Sklave unterwirft und dabei in Fesseln oder Handschellen legen lässt.
Marquis de Sade Justine_Sacher-Masoch Venus im Pelz

Der Masochismus bekam seinen Namen ebenfalls im Laufe des 19. Jahrhunderts von Psychiater Krafft-Ebing. Als Namensgeber diente hier eher unfreiwillig ebenfalls ein Schriftsteller, Leopold von Sacher-Masoch, der in mehreren Werken Schmerz- und Unterwerfungsverhalten von Männern gegenüber Frauen schilderte. Sein bekanntestes Werk „Venus im Pelz“ von 1870 wurde bereits häufig als Theaterstück aufgeführt und ebenfalls fürs Kino adaptiert.

Da diese sexuellen Präferenzen eng miteinander zusammenhängen, treffen sich beide Begriffe im Oberbegriff Sadomasochismus. In der Umgangssprache beschreibt der Sadomasochismus (SM) sexuelle Praktiken, die von der Norm abweichen und mit Lustgewinn durch Schmerzerleidung oder Schmerzzufügung zu tun haben.

Weitere Hintergründe zum Begriff Masochismus

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4. Spielarten des sexuellen Sadismus

Historische Wurzeln des sadistischen Liebesspiels

Das Ausleben sadistischer und masochistischer Praktiken zum sexuellen Lustgewinn ist bereits seit der Antike bezeugt. Keilschrifttafeln belegen religiöse Rituale mit sadistischen Praktiken zu Ehren der Götter. Auch im antiken Sparta führte man regelmäßig rituelle Auspeitschungen durch. Den ersten schriftlich überlieferten Text über SM-Praktiken stellt das Kamasutra dar. Darin wird genau beschrieben, welche Körperstellen des Menschen einen Lustgewinn durch Schläge auslösen und welche Regeln dabei zu beachten sind.

Die Schriftsammlung weist explizit darauf hin, dass Schlag- und Beißspiele nur im gegenseitigen Einvernehmen stattfinden dürfen und dass alles, was darüber hinausgeht, nicht mehr als lustvoll empfunden wird. Damit weist bereits dieser alte Text auf einen wesentlichen Punkt des sexuell erlaubten Sadismus hin: Solange die Sexualpartner beide mit dem Vorgehen einverstanden sind und Lust daraus gewinnen, ist alles erlaubt. In den Texten des Marquise de Sade gehen die Gewaltbeschreibungen jedoch eindeutig über Freiwilligkeit hinaus und haben nichts mit dem modernen einvernehmlichen Verständnis von luststeigernden SM-Praktiken zu tun.

Statista Umfrage zu sexuellen Erlebnissen nach Geschlechtern

Laut einer Umfrage von 2017 haben bereits 8 % der Frauen und 11% der Männer SM praktiziert.

Die BDSM-Szene

BDSM („Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism“) ist ein Sammelbegriff für eine Szene, die gemeinsame sexuelle Vorlieben aus dem Bereich des erotischen Sadomasochismus praktiziert. Darunter fallen u.a. folgende sexuelle Praktiken:

  • Bondage (Fesselspiele)
  • Spanking (Schlagspiele)
  • Flagellation (Auspeitschung)
  • Discipline (Züchtigung, Körperstrafe)
  • Petplay (Tierrollenspiel)
  • Crossdressing (Verkleidung in das andere Geschlecht)
  • Figging (Einführen eines Fremdkörpers in den Anus)

BDSM: Das Spiel mit der Dominanz und Unterwerfung – Praktiken und Begriffe im Überblick

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Beim BDSM geht es darum, sich freiwillig in eine Macht- oder Unterwerfungsposition zu begeben und Dominanz auszuleben oder zu ertragen. Der sexuelle Sadist nimmt dabei meist den Part des Dominanten ein. Bei sexuellen Rollenspielen, die oft Sessions genannt werden, erzielen beide Partner einen Lustgewinn. Ein devoter Partner, der sogenannte Sub oder auch Bottom, gibt seine Autonomie auf und legt sie in die Hände des dominanten Dom oder auch Top. Während eines erotischen Spiels können die Machtpositionen auch wechseln oder fließend ineinander übergehen. Der sexuelle Sadist empfindet seine Machtposition als erotisch und sexuell erregend.

Die wichtigste Voraussetzung für ein SM-Rollenspiel ist das Einhalten von Regeln:

  • Beide Partner agieren freiwillig und einvernehmlich.
  • Es wird genau abgesprochen, wo die Grenzen beim Partner liegen.
  • Ein sogenanntes Safeword legt fest, wann der dominante Partner aufhören muss.
  • Es kann vorher ein Vertrag aufgesetzt werden, der genau beschreibt, welche Praktiken durchgeführt werden dürfen.

Die 15 ausgefallensten BDSM-Praktiken

Früher noch in der Schmuddelecke als „perverse sexuelle Praktiken“ sind SM-Elemente vor allem in den 90er Jahren und durch die Verbreitung des Internets in der Gesellschaft bekannter geworden und in der Popkultur verankert. Durch den internationalen Erfolg des Erotikromans„Fifty Shades of Grey“der Autorin E.L. James sowie der Verfilmung sind sexuelle Gewaltphantasien, Fetisch-Sex und erotische Vorlieben wie Fesselungen salonfähig geworden und über die Szene hinaus bekannt geworden. Erotische Romane und Filme dieser Spielart verbreiteten sich rasant und gelten als akzeptiert. Praktizierende BDSMler treffen sich meist privat aber auch auf größeren SM-Partys und in Dark Rooms, wo sie gemeinsam ihre Vorlieben auch beim Gruppensex ausleben. Aufsehen erregte vor allem Popikone Madonna in den 90er Jahren mit ihrem Musikvideo Erotica, in dem sie als Domina auftritt:

5. Wann ist Sadismus eine psychische Störung?

Definition des sexuellen Sadomasochismus laut WHO:

„Der Sadomasochist benötigt als Erregungs-Voraussetzung das Erleben von (aktiv ausgeübter oder passiv erlittener) Dominanz. Die oft erwünschten Schmerzreize oder das Leiden unterstreichen mehr den Charakter der Unterwerfung als an sich lustvoll zu sein.“

WHO, ICD-10: F 65.5

Sadismus BDSM

In der BDSM-Szene bereitet man sich einvernehmliche Lust druch Schmerz.

Der psychische Sadismus wird als sexuelle Präferenz-Störung angesehen, wenn die Bedürfnisse des Gegenübers nicht mehr berücksichtigt werden und ohne ein Beziehungssubjekt ablaufen. Sobald der Betroffene unter seiner Sexualität leidet und diese zwanghaft ausführen muss, kann man von einer Störung sprechen. Im Bereich des beschriebenen BDSM handelt es sich immer um einvernehmliche sexuelle Beziehungen und Praktiken, bei denen die Wünsche des Gegenübers respektiert werden. Eine ausgeprägte Sexualität kann nicht immer exakt von einer Störung der Sexualpräferenz unterschieden werden. Es kann jedoch vorkommen, dass sich solche Präferenzstörungen und das Ausüben von SM-Praktiken überlagern.

Eine sadistische Persönlichkeitsstörung liegt vor, wenn mindestens vier der folgenden Punkte zutreffen:

  • Anwendung körperlicher Gewalt und absichtliches Zufügen von Schmerz
  • Erniedrigung und Beschämung von Menschen in Gegenwart Dritter
  • harte Behandlung von Schutzbefohlenen
  • Genuss und Freude am seelischen oder körperlichen Leiden Dritter
  • Freiheitsberaubung von Menschen, mit denen man eine Beziehung unterhält
  • Beeinflussung Dritter durch Machtausübung
  • vorsätzliches Lügen mit der Absicht anderen zu schaden
  • Faszination für Waffen, Kampfsportarten, Gewaltszenen oder Folter

Ob eine sadistische Persönlichkeitsstörung vorliegt, die behandelt werden kann oder sollte, kann nur ein Facharzt beurteilen.

Bondage

Sadismus ist strafbar, sobald man dafür nicht die Einwilligung des Anderen hat.

6. Behandlung und Therapiemöglichkeiten

Störungen der Sexualpräferenz sind nicht leicht zu behandeln. In den meisten Fällen begeben sich Betroffene nicht freiwillig in Therapie, sondern erst durch Druck von außen. Empfindet der Betroffene seine Sexualität als Belastung und kann diese nicht ausleben, ohne beispielsweise eine Straftat zu begehen, kann er sich in Therapie begeben. Behandelt werden kann Sadismus durch eine Form der kognitiven Verhaltenstherapie, psychodynamischen Therapie oder bestimmte Medikamente wie Antidepressiva. Eine solche Therapie kann nur durch einen spezialisierten Psychologen erfolgen und benötigt viel Geduld.

7. Wann ist Sadismus strafbar?

Ein Sadist handelt immer dann gegen geltendes Recht, wenn er Praktiken nicht mit dem Einverständnis des Sexualpartners ausübt (Vergewaltigung laut STGB § 177) oder Gewalt anwendet (sexuelle Nötigung, STGB § 177), um seine Lust zu befriedigen. SM-Handlungen unter Erwachsenen, die freiwillig durchgeführt werden, sind in der Regel nicht strafbar, solange keine Dritten geschädigt werden.

Das Sexualstrafrecht schützt die individuelle sexuelle Selbstbestimmung jedes Menschen. Ein Straftatbestand liegt im Sinne des Rechts vor, wenn es trotz Einwilligung zu einer erheblichen Körperverletzung kommt. Wer sadistische Handlungen also gegen fremden Willen ausübt, ist laut § 228 des Strafgesetzbuches strafbar. Ebenso gilt dies natürlich für sadistische Handlungen an Tieren (Tierquälerei § 17 Tierschutzgesetz), Kindern und Jugendlichen (sexueller Missbrauch STGB § 167) und Schutzbefohlenen.

Quellen:

Marquise de Sade: Justine
Krafft-Ebing: Psychopathia sexualis
Spektrum der Wissenschaften
Psychosoziale Gesundheit/Dr. med. Volker Faust
DeJure/STGB
Helmut Graupner: Das späte Menschenrecht – Sexualität im Recht

Bildquelle:

iStock/sakkmesterke, Kladyk, mercava, olgaecat; Wikimedia Commons; Statista


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