Orgasmusstörung

Anorgasmie – Zeitlebens ohne sexuellen Höhepunkt

Katharina Lübkeam 21.07.2016 um 12:19 Uhr

Wir Menschen sind in aller Regel ziemlich faule Geschöpfe. Wenn wir etwas tun, tun wir es in dem Bewusstsein, dafür etwas zu bekommen. Die Natur war schlau genug, uns den Orgasmus zu schenken, auf dass wir uns auf dieser Welt ausbreiten mögen. Aber auch die Natur ist nicht perfekt: Es gibt auch Frauen, die partout nicht in der Lage sind, Orgasmen zu erleben. Für ein erfüllendes Sexleben ist das zwar kein Todesstoß, kann dieses aber immerhin hochgradig einschränkend. Die sogenannte Anorgasmie ist die Unfähigkeit zum Erleben eines Orgasmus’.

Laut verschiedenen Studien erlebt jede vierte bis fünfte Frau nur manchmal oder selten einen Orgasmus. Viele Frauen leiden darunter. Sie kämpfen sich mit Mühe den Gipfel hinauf, der dann doch nicht so hoch ist, wie erwartet. Irgendwann wird die Schwelle gar zu hoch. Zwischen 4 und 17 Prozent der Frauen, je nach Studie, kommen zeitlebens niemals in den Genuss eines sexuellen Höhepunktes.

Anorgasmie

Anorgasmie: Betroffene Frauen sind unfähig, Orgasmen zu erleben.

Verlieren Menschen die Fähigkeit zum Orgasmus, nennen Experten das Anorgasmie. Je nach Ausprägung und Ursache wird diese in primäre und sekundäre sowie in masturbatorische und koitale Anorgasmie unterschieden.

Die Primäre Anorgasmie

Wenn der „Orgasmus- Reflex“, also die unwillkürliche Muskelkontraktionen, eingeschränkt ist und Frauen auch auf intensivste Stimulation nicht reagieren, liegt eine primäre Anorgasmie vor. Es ist die grundsätzliche Unfähigkeit, den sexuellen Höhepunkt zu erreichen – und zwar zeitlebens. Daneben kann es natürlich sein, dass Frauen einfach deshalb noch keinen Orgasmus erlebt haben, weil sie noch nicht genügend oder die richtigen sexuellen Erfahrungen gemacht haben.

Laut Experten geht die primäre Anorgasmie auf Erfahrungen in der Kindheit zurück, durch die sich permanente Schamgefühle und Ängste entwickelt haben. Das können sein:

  • eine sexualfeindliche Erziehung
  • hohe Leistungsnormen und Funktionsdruck
  • falsche Informationen
  • fehlender Körperkontakt zwischen Eltern und Kindern
  • die Tabuisierung des Themas Sexualität und
  • sexueller Missbrauch

All das kann sich in einen Menschen so tief und unterbewusst einbrennen, dass die eigenen Gefühle und Bedürfnisse, darunter auch die sexuelle Lust, instinktiv unterdrückt werde. Ein starker Kontrollzwang verhindert, dass die eigene Lust zugelassen und gar ausgelebt wir. Da sich beim sexuellen Höhepunkt sämtliche Muskeln entspannen, wird das als Kontrollverlust empfunden. Diese ist von den Betroffenen nicht ertragbar und wird durch Lustunterdrückung vermieden. Der Orgasmus wird blockiert.

Dokumentation über Lust und Unlust

Die Sekundäre Anorgasmie

Bei der sekundären, oder situativen Anorgasmie ist man grundsätzlich in der Lage, Orgasmen zu erleben und hat diese auch schon erlebt. Erst im Laufe des Lebens stellt sich diese Form der Orgasmusstörung ein, da bestimmte Faktoren die Fähigkeit einschränken: Meist sind das auch hier seelische Faktoren, etwa in Folge physischer Gewalt, Vergewaltigung, schlechter Erfahrungen in der Partnerschaft, Ängste oder Scham für den eigenen Körper sowie Selbstwertprobleme, negative Gedanken und Druck. Da sich die Betroffenen über die Erlebnisse, anders als bei in der Kindheit verdrängten Erinnerungen, bewusst sind, lässt sich die sekundäre Anorgasmie durch Therapien leichter beheben. Denn Sex und Lust entstehen im Kopf.

Erworbene Anorgasmie

Eine erworbene Anorgasmie wird durch eine körperliche Beeinträchtigung hervorgerufen. Verantwortlich können Unfälle oder fehlgeschlagene Operationen sein, bei denen Nervenstränge in den Lenden verletzt wurden. Häufig sind auch querschnittsgelähmte Patienten davon betroffen. Die Betroffenen können zwar weiterhin erregt werden, diese Erregbarkeit kann aber nicht zum Orgasmus führen.

Masturbatorische und Koitale Anorgasmie

masturbatorische Anorgasmie

Bei der masturbatorischen Anorgasmie können Frauen nur beim Koitus kommen.

Sind Frauen zwar in der Lage, beim Koitus zu kommen, bei der Masturbation aber nicht, haben sie die sogenannte masturbatorische Anorgasmie. Genau anders herum ist es bei der koitalen Anorgasmie: Hier bleibt beim Geschlechtsverkehr der Orgasmus aus. Legt man aber selbst Hand an, ist ein Höhenflug durchaus möglich. Gründe für diese Art der Orgasmusprobleme können etwa falsche Moralvorstellungen und unterbewusste Ängste sein.

Therapien gegen die Orgasmusstörungen

Wie schon angesprochen, liegen die Ursachen, außer bei der erworbenen Anorgasmie, meist im seelischen Bereich: Wir vermiesen uns selbst den Spaß, die sexuelle  und persönliche Erfüllung – wenn auch unbewusst und ganz sicher ungewollt. Folglich können Therapien ein geeignetes Mittel sein, eine Anorgasmie zu bewältigen, etwa Paar– oder Sexualtherapien, aber auch die geläufige Psychotherapie. Dabei geht es um aufklärende Gespräche und darum, anerzogene Hemmungen zu überwinden.

Zum Üben bekommen die Betroffenen Aufgaben mit auf den Weg. So sollen sie den eigenen Körper und den des Partners entdecken, eine Verbindung zu ihren Körpern aufbauen und lernen, Lust zu geben sowie zu empfangen. Auch bestimmte Techniken wie die progressive Muskelentspannung können helfen, denn damit lässt sich eine gewisse innere Ruhe erreichen. So können sie Blockaden lösen.

Körperliche Ursachen

Orgasmusstörungen beziehungsweise -probleme können aber auch körperliche Ursachen haben, etwa Erkrankungen wie Diabetes, Schilddrüsenerkrankungen, Multiple Sklerose, Tumore, hormonelle Störungen oder Medikamente, die die Lust unterdrücken. Im Allgemeinen steigt die Orgasmusfähigkeit bei Frauen aufgrund der sexuellen Erfahrung mit dem Alter an, so dass häufiger jüngere Frauen Probleme haben, zu kommen.

Die Anorgasmie beschränkt sich aber keinesfalls nur auf die Frauenwelt. Orgasmusstörungen verschiedenster Art gibt es auch bei Männern, wenn auch deutlich seltener. Sie leiden häufiger unter vorzeitiger Ejakulation oder Erektionsstörungen. Aber auch verzögerte oder ausbleibende Orgasmen treten bei Männern auf. Sie können sogar ejakulieren, ohne dabei ein Orgasmusgefühl zu empfinden.

Neben körperlichen Problemen, wie eine zu hohe Erregung oder systemischen Erkrankungen sind häufig seelische Belastungen verantwortlich, etwa Versagensangst, Leistungsdruck und Stress.

Orgasmusprobleme dieser Art können in den meisten Fällen behandelt werden, so dass einer erfüllten Sexualität nichts im Wege steht. Zudem geht man gestärkt aus einer solchen Krise hervor, wenn man es als Paar gemeinsam schafft, seelische Leiden zu teilen und zu überwinden.

Bildquelle: iStock/IuriiSokolov, iStock/KatarzynaBialasiewicz

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