Evolution

Warum haben Frauen eigentlich einen Orgasmus?

Christina Cascinoam 20.07.2016 um 15:32 Uhr

Der weibliche Orgasmus ist und bleibt ein kleines Geheimnis. Während die einen Frauen von multiplen Orgasmen berichten, haben angeblich 10 bis 15 Prozent noch nie einen Höhepunkt erlebt. Doch wieso haben Frauen eigentlich einen Orgasmus? Schließlich ist er – anders als bei den Herren der Schöpfung – nicht zwingend zur Fortpflanzung wichtig. Wir klären auf!

Um den weiblichen Orgasmus ranken sich zahlreiche Legenden. Laut einer Studie kommen nur 32 Prozent der deutschen Frauen beim Sex regelmäßig zum Orgasmus. Während bei Männern der Orgasmus eine wichtige Funktion für die Fortpflanzung erfüllt, bedarf es für die Befruchtung keinen weiblichen Höhepunkt. Und dennoch erleben wir ihn, den Orgasmus. Doch warum kommen Frauen eigentlich zum Höhepunkt?

Auch Frauen erleben einen Orgasmus – doch warum eigentlich?

Die Aufsaugtheorie: Orgasmus fördert Befruchtung

Feststeht: Ein weiblicher Orgasmus ist nicht zwingend nötig! Dennoch ist er für die Befruchtung förderlich: Beim Orgasmus der Frau ziehen sich Gebärmutter und Scheidewand zusammen. Durch diese Bewegungen entsteht eine Art Sog. Der Gebärmuttermund senkt sich dabei nach unten, taucht in die Scheide ein und saugt die Spermien an. Der Orgasmus befördert die Samen also schneller Richtung Ei.

„Beim Orgasmus wird der Botenstoff Oxytocin ausgeschüttet, der die Kontraktion der Beckenbodenmuskulatur und der Gebärmutter unterstützt – hilfreich für den Eisprung. Neben den positiven Gefühlen, die ein Orgasmus hervorruft, stärkt das ausgeschüttete Oxytocin zudem die Paarbindung, um ein stabiles Umfeld für eine potenzielle Befruchtung zu schaffen“, so der Reproduktionsmediziner Professor Johannes Huber von der Medizinischen Universität Wien gegenüber der „Bild“. „Wenn zum Zeitpunkt des Orgasmus auch der Eisprung, die Ovulation, gerade in der Nähe ist, wird dieser durch den Orgasmus getriggert. Der Orgasmus der Frau ist also hilfreich dafür, dass eine Befruchtung stattfindet”, stellt Johannes Huber fest.

Orgasmus stärkt Paarbindung

Zudem sorgt ein Orgasmus dafür, dass ein Paar sich stärker verbunden fühlt. Deswegen werden beim Höhepunkt Bindungshormone ausgeschüttet. Eines davon ist das bereits genannte Oxytocin, das zum einen für die Kontraktion der Gebärmutter sorgt und dem Eisprung den Weg bereitet, zum anderen aber auch die Bindung zwischen Mann und Frau stärkt. Nicht umsonst wird Oxytocin häufig als Glücks- oder Kuschelhormon bezeichnet.

„Oxytocin sorgt mit dafür, dass wir uns in eine starke soziale Bindung begeben“, berichtet Wolfgang Maier, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Bonner Uniklinik, der in einer Studie die Wirkung des Oxytocins auf die Flirtaktivität des Mannes untersuchte.

Die Nachglühtheorie

Eine weitere, aber veraltete Theorie ist die Nachglühtheorie. Sie besagt, dass der Orgasmus die Frau erschöpft, sie deshalb nach dem Sex liegen bleibt und das Sperma so nicht aus der Vagina auslaufen kann. Dank Orgasmus bleiben so die Spermien länger im Körper, die diese Zeit nutzen, um zum Ei zu gelangen. Allerdings besagen andere Theorien, dass gerade die Frau im Gegensatz zum Mann nach dem Sex noch relativ aktiv ist.

Video: Warum wir einen Orgasmus bekommen

Die Evolutionstheorie

Andere Wissenschaftler sehen im weiblichen Orgasmus keinen tieferen Grund und sehen ihn als Überbleibsel der Evolution. Er soll ein Erbe aus der Zeit als Embryo sein, denn am Anfang haben Mann und Frau dieselben Anlagen. Erst im zweiten Monat entwickelt sich daraus das Geschlecht. Die Fähigkeit zum weiblichen Orgasmus ist also von Beginn an mitgegeben.

Weitere Theorien

Der amerikanische Evolutionsbiologe Steven Jay Gould hält den weiblichen Orgasmus schlicht für ein Nebenprodukt der offenbar vorteilhaften männlichen Lust. In etwa so wie die Brustwarzen beim Mann, die eigentlich nur einen Nutzen bei einer Frau darstellen. Im Gegensatz dazu glaubt der Amerikaner John Alcock, dass die weibliche Orgasmusfähigkeit unseren Urahnen dazu diente, die männlichen Partner einem Test zu unterziehen, der sogenannten Diagnosetheorie: Ein egoistischer Partner im Bett, der die Frau nicht zum Höhepunkt bringen kann, ist vermutlich, so Alcock, auch ein schlechter Vater.

Bildquelle: iStock/lekcej

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