Nachgeforscht!

Warum haben Frauen ihre Tage, viele Tiere aber nicht?

Katharina Meyeram 13.09.2016 um 13:25 Uhr

Die meisten von uns bekommen jeden Monat roten Besuch. Der Menstruationszyklus der Frau, in dem eine neue Eizelle heranreift und die Gebärmutterschleimhaut sich für eine mögliche Schwangerschaft verdickt, beginnt und endet mit der Monatsblutung. Doch außer bei Frauen gibt es dieses Phänomen nur bei ganz wenigen anderen Lebewesen. Warum ist das so?

Es ist der Fluch, der so gut wie jede Frau ab ihrem Teenageralter ereilt: Monat für Monat läuft der Zyklus ab, in dem eine Eizelle heranwächst, in die Gebärmutter wandert und – wenn sie nicht von einem Spermium befruchtet wird – mit der Monatsblutung und der aufgebauten Gebärmutterschleimhaut wieder abgestoßen wird. Dieser Vorgang geht nicht nur mit einigen Tagen einer mehr oder weniger starken Blutung einher, sondern oft auch mit Krämpfen, Unwohlsein und anderen alles andere als angenehmen Begleiterscheinungen. Aber wir haben uns damit abgefunden. Schließlich sind wir Säugetiere, die diesen Vorgang brauchen, um irgendwann ein lebendes Wesen in unserem Körper heranwachsen zu lassen und nach neun Monaten (und wieder einer Menge schmerzhafter Begleiterscheinungen) in die Welt herauszupressen. Das ist Natur. Das ist normal. Das ist das Leben.

Aber warum haben weibliche Menschen ihre Tage, aber die meisten anderen Säugetiere nicht? Außer bei ein paar Primaten, den Rüsselspringern und einigen Fledermausarten kommt die offene Mentruation in Form von Blut und Schleimhaut durch die Vagina nämlich nur bei Frauen vor. Der Frage, warum wir unsere Tage haben und Tiere nicht, geht die Wissenschaft schon seit vielen Jahren nach – doch gerade zu Beginn der Forschungen rund um dieses Thema spielten eine Menge Vorurteile und tabuisierte Ansichten eine Rolle.

Warum menstruieren wir?

Das weibliche Reproduktionssystem

Das weibliche Reproduktionssystem

Die Menstruation gehört zum Reproduktionszyklus von Frauen dazu. Unsere Hormone (vor allem Östrogen und Progesteron) sorgen dafür, dass sich jeden Monat eine Eizelle bildet, auf den Weg durch die Eileiter macht und darauf wartet, von einem männlichen Spermium befruchtet zu werden. Gleichzeitig verdickt sich die Gebärmutterschleimhaut, das sogenannte Endometrium, in das sich die befruchtete Eizelle einnisten könnte. Wird die Eizelle jedoch nicht befruchtet, sinkt das Progesteronlevel und die aufgebaute Schleimhaut wird wieder abgestoßen. Die Eizelle wird mit Blut und Schleim durch die Vagina ausgestoßen. Eine ziemlich unnötige Verschwendung, wenn man bedenkt, dass andere Säugetiere auch ohne diesen regelmäßigen Prozess der Monatsblutung schwanger werden können. Warum also das Ganze?

„Einige frühere Gedanken zur Menstruation waren, dass dadurch Giftstoffe aus dem Körper ausgestoßen werden“, erklärt Kathryn Clancy, Anthropologin der University of Illinois. Studien zu dieser Theorie untersuchten Frauen, die gerade ihre Tage hatten und solche, die sie gerade nicht hatten, beim Pflegen von Blumen. Die schockierende und auf Tabus fußende Erkenntnis: Die Blumen der menstruierenden Frauen würden schneller welken. Bela Schick, der dieses Experiment im Jahr 1920 durchführte, schob dies auf die Wirkung eines Gifts, das er Menotoxin nannte. Doch ist an der Theorie, dass wir uns mit den Tagen entgiften, wahr?

Diskriminierung von Frauen

Die Periode wurde lange Zeit tabuisiert – und ist es zum Teil auch heute noch.

Die Periode wurde lange Zeit tabuisiert – und ist es zum Teil auch heute noch.

Was aus Studien wie dieser resultierte, war im Prinzip die Annahme, dass Frauen, die ihre Tage haben, etwas Schmutzigen und Ekelerregendes in sich tragen. Dieser Glauben hielt sich in einigen Kreisen sogar bis in die 1970er Jahre. Im Jahr 1993 erregte eine andere These zu der Frage, warum weibliche Menschen menstruieren, mediale Aufmerksamkeit. Margie Profet, Wissenschaftlerin der kalifornischen Universität Berkeley, wollte herausgefunden haben, dass die Monatsblutung dazu da sei, die Giftstoffe zu entfernen, die durch Spermien in den weiblichen Körper gelangen – schließlich sind Menschen Lebewesen, die Sex auch aus Nicht-Fortpflanzungsgründen genießen. Doch auch diese These konnte nicht bewiesen werden.

Wie sieht es bei Tieren aus?

Beverly Strassmann, Forscherin der University of Michigan, war es schließlich, die 1996 die Frage aufwarf, inwiefern sich der menschliche Zyklus von dem anderer Spezies unterscheide. Auch Tiere folgten einem reproduktiven Zyklus, so Strassmann. Auch sie bauen eine dickere Gebärmutterschleimhaut auf. Wenn sie nicht schwanger werden, gäbe es zwei unterschiedliche Möglichkeiten: entweder die aufgebaute Schleimhaut würde vom Körper absorbiert oder sie würde ausgeschieden.

Einige Affenarten menstruieren ebenfalls

Einige Affenarten menstruieren ebenfalls

Eine dicke, blutgefüllte Schleimhaut in der Gebärmutter dauerhaft aufrechtzuerhalten, so die Theorie von Strassmann, brauche mehr Energie, als sie einfach wieder abzustoßen und neu aufzubauen. Ob ein weibliches Lebewesen menstruiert, hänge also davon ab, ob die Schleimhaut resorbiert werden kann. Gibt es zu viel Material, als der Körper in sich selbst abbauen kann, ist die Resorption nicht möglich. In diesem Fall ist es für den Körper einfacher, die Gebärmutterschleimhaut mit Hilfe der Menstruation abzustoßen. „Die Tatsache, dass manche Spezies Blut verlieren ist keine Adaption, sondern ein Nebeneffekt der Anatomie und Physiologie dieser Spezies“, erklärt Strassmann. Ein weiterer Forscher, Colin Finn, erhält ähnliche Erkenntnisse, sieht die Ursache aber eher in der Evolution des Uterus als in einer reinen Frage der Energiebilanz. Aber um wirklich zu verstehen, was nun dafür sorgt, ob eine Spezies mentruiert oder nicht, muss man die Tiere, die eine solche Blutung haben, mit denen, die keine haben, vergleichen.

Welche Tiere menstruieren – und wieso?

Ein Rüsselspringer

Ein Rüsselspringer

Die meisten anderen Lebewesen, die wie Frauen menstruieren, gehören wie wir zu den Primaten. Die meisten Affen, die in Afrika und Asien leben, haben eine den Menschen ähnliche Monatsblutung. Auch bei Schimpansen und Gibbons ist die Menstruation beobachtbar. Gorillas und Orang Utans hingegen bluten nicht in dem gleichen Maße. Ansonsten ist das Phänomen vor allem in zwei weiteren Spezies vorhanden: einigen Fledermausarten und dem kleinen Rüsselspringer. Was hat diese doch recht kleine Liste von menstruierenden Lebewesen also gemein?

Die Antwort: Frauen können ihren Uterus kontrollieren

Wie Deena Emera der Universität Yale beschreibt, hängt alles davon ab, inwiefern ein weibliches Lebewesen Kontrolle über den eigenen Uterus hat. In einer 2011 veröffentlichten Studie legen sie und ihre Kollegen nahe, dass bei menstruierenden Spezies die Mutter für die Veränderungen der Gebärmutterschleimhaut (mit Hilfe des Hormons Progesteron) verantwortlich ist. Ein Embryo kann sich nur dann einnisten, wenn die Schleimhaut dick genug ist und spezielle große Zellen vorhanden sind. Im Prinzip kontrolliert somit die Mutter, ob sie schwanger wird oder nicht. Dieser Vorgang nennt sich spontane Dezidualisierung. Bei den meisten anderen Spezies baut sich die Gebärmutterschleimhaut durch Signale des Embryos auf – erst dann, wenn das Weibchen bereits schwanger ist.

Doch warum das Ganze?

Es scheint, dass die Frage, ob eine Spezies fähig zur spontanen Dezidualisierung ist oder nicht, der Grund dafür ist, dass manche Lebewesen menstruieren und so viele andere nicht. Doch warum ist das eigentlich so? Dafür sieht Emera zwei Möglichkeiten: Die erste Theorie ist, dass spontane Dezidualisierung ein Mittel ist, um die Mutter vor einem aggressiven Fötus zu beschützen. Im Gegensatz zu Pferden und Kühen, bei denen der Embryo nur lose an der Gebärmutterwand nistet, gräbt sich ein menschlicher Embryo sehr tief in die Schleimhaut ein und entzieht der Mutter Nährstoffe durchs Blut. Um sich selbst am Leben zu erhalten und zu verhindern, dass der Fötus mehr Energie zieht, als die Mutter abgeben kann, bereitet der Körper sich mit dem Aufbau einer Schutzschicht auf die Schwangerschaft vor.

Auch einige Fledermausarten menstruieren

Auch einige Fledermausarten menstruieren

Die zweite Theorie geht davon aus, dass spontane Dezidualisierung ein Weg ist, um minderwertige Embryos loszuwerden. Menschliche Embryos sind mehr als die vieler anderer Spezies anfällig für genetische Defekte. Dies liegt vor allem an der Tatsache, dass Menschen nicht nur zu Fortpflanzungszwecken Sex haben und somit auch Eizellen, die bereits einige Tage alt sind, befruchtet werden können. Die aufgebaute Gebärmutterwand kann jedoch bis zu einem gewissen Grad erkennen, ob ein Embryo lebensfähig ist oder nicht und diesen notfalls in den ersten Wochen der Schwangerschaft wieder abstoßen.

Auch die bereits genannten menstruierenden Tiere haben Geschlechtsverkehr zu nicht rein reproduktiven Zwecken. Alle Lebewesen, die eine menschenähnliche Monatsblutung besitzen, haben lange Schwangerschaften, bei denen nur ein bis zwei Babys geboren werden. Sie investieren viel Zeit und Energie in die Schwangerschaft. Da macht es Sinn, dass der Körper eine Methode entwickelt hat, um den Erfolg zu garantieren.

Auch wenn die Theorien von Emera, Finn und Strassmann das Verständnis um die Frage, warum Frauen menstruieren und viele andere Tiere nicht, viele logische Erkenntnisse über den Einfluss der Evolution der Gebärmutter aufgebracht haben, ist noch vieles rund um die weibliche Reproduktion unklar. Wir sind jedoch total begeistert davon, wie komplex unsere Körper sind!

Bildquellen: iStock/AnaBGD, iStock/switchpipipi, iStock/montysly, iStock/Anolis01, iStock/chewin

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