Lifestyle

Schreib mal wieder: Ein Plädoyer für den handgeschriebenen Brief

am 13.11.2015 um 15:14 Uhr

Der Geruch von frischem Papier, das seidene, knisternde Blatt zwischen den Fingern, die Worte des Schreibenden Schwarz auf Weiß: Wann haben Sie eigentlich zuletzt einen Brief bekommen oder einen geschrieben? Und zwar einen echten, haptischen Brief, keine E-Mail, i-Message, SMS oder WhatsApp-Nachricht? In der heutigen Zeit von rasend schneller, elektronischer Kommunikation und ständiger Erreichbarkeit ist der Brief ein rares Gut geworden, ein Mehr an Aufwand, das in unserem stressigen Alltag keinen Platz mehr findet. Wieso wir finden, dass es dringend Zeit ist, dies zu ändern, lesen Sie hier und in unserer Bildergalerie .

„Es ist ein großes Glück, wenn man korrespondiert“, schrieb Johann Wolfgang Goethe im Jahre 1768 und reihte sich damit in eine ganze Epoche und Generation an leidenschaftlichen Briefeschreibern ein. Der Brief als empfindsames, politisches und soziales Medium blieb dem literarischen Betrieb lange erhalten: Die Briefwechsel zwischen Goethe und Schiller, Kafka und Milena Jesenská, Rilke und Offizier Franz Xaver Kappus (der Angesprochene in ‚Briefe an einen jungen Dichter‘) oder Ingeborg Bachmann und Hans Werner Henze, sind nur wenige Beispiele in einer endlosen Liste der schönsten und poetischsten Brieffreundschaften der Literaturgeschichte.

Wenn das Briefeschreiben zum Innehalten wird

Natürlich müssen Sie kein Literat oder Philosoph sein, um einen Brief zu schreiben. Es geht auch viel weniger, um die Art des Briefes – ob nun ein Liebesbrief oder eine freundschaftliche Korrespondenz – sondern vielmehr um den Akt des Schreibens. Der handgeschriebene Brief zwingt nämlich zum Innehalten, zum Stehenbleiben und Resümieren. Es ist ein emotionaler und doch zugleich sehr körperlicher Akt: Man entscheidet sich für ein Blatt Papier, greift zum Stift und blickt auf die leere Seite. Das Briefeschreiben ist persönlicher und ein Stück weit entblößender als elektronische Kommunikation: Das, was ich geschrieben habe, kann ich nicht mehr so leicht löschen oder rückgängig machen, meine Gedanken werden zu einem echten Objekt, das man befühlen, riechen und zwischen zwei Buchrücken gesteckt, aufbewahren kann. Und doch kann so ein Brief auch helfen, die eigenen Gedanken zu strukturieren und sich etwas von der Seele zu schreiben: Nicht umsonst sagt man, dass man in Momenten größter, innerer Aufruhr einen Brief verfassen soll, auch wenn man ihn dann niemals losschickt.

Gerade weil handgeschriebene Briefe dazu zwingen, sich Zeit zu nehmen, sich auszuklinken aus dem Alltag und seine Gedanken geordnet und reflektiert auf ein Blatt Papier zu bringen, finden Sie keinen Platz mehr zwischen Überstunden und Hausarbeiten, Hobbys und Fitnessstudio, Fernseher, Smartphone und Tablet. Während unsere Kommunikation mit unseren Mitmenschen stetig frequentierter, schneller und leichter wird, wird sie im selben Zug auch belangloser, ausgehöhlter und leerer. Oder können Sie sich vorstellen, genussvolle Konversationen über Ihre politische Meinung, Ihr neues Lieblingsbuch oder einfach über das, was sie wirklich beschäftigt, über WhatsApp zu führen?

Papier ist geduldig, es lässt sich Zeit und hat Raum für Gedankenskizzen, Entwürfe und Neuanfänge. Unsere neuen Kommunikationsmittel sind hingegen das Gegenteil: So allgegenwärtig und mit dem geringsten Aufwand verbunden, sind sie nichtsdestotrotz echte Sammel-Gruben für die größten Missverständnisse und sinnlosesten Streitereien.

Von gestern oder heute? Die Brieffreundschaften

Früher hat es doch auch noch irgendwie geklappt: Am besten erinnert man sich wohl noch an die Freude, die man empfand, wenn man den Briefumschlag mit der bekannten Handschrift im Briefkasten entdeckte. Aber die wenigen Brieffreundschaften, die man im Kinder- oder Teenager-Alter noch hatte, sind schon lange abgebrochen. Irgendwann fehlte dann natürlich die Zeit zu antworten, die Spanne zwischen den Briefen wurde immer länger, bis sie irgendwann ganz ausblieben.

Wer aber heute wieder sein Interesse an Brieffreundschaften neu entdeckt hat und sich ernsthaft nach einem Brieffreund sehnt, kann sich das Internet zu Nutze machen, um einen Gleichgesinnten zu finden. Es gibt zum Beispiel etliche Foren, in denen man sich anmelden, sein eigenes Profil erstellen und auf die Suche gehen kann. Ob und wie sich daraus natürlich eine echte Brieffreundschaft entwickelt, kann man nur selbst entscheiden und ausprobieren.

Unser Fazit? Auf das Briefpapier, fertig, los!

Auch wenn Sie nicht unbedingt gleich an einer Brieffreundschaft interessiert sind, sollten Sie sich dennoch dieses kleine Plädoyer für den Brief zu Herzen nehmen:

Versuchen Sie es doch einfach einmal an Ihrem freien Tag oder im Urlaub. Suchen Sie sich eine ruhige Stunde, lassen Sie bei einer Tasse Tee Ihren Gedanken und Gefühlen freien Lauf und schreiben Sie an eine geliebte Person. Zeigen Sie ihr mit dieser Geste, wie viel sie Ihnen bedeutet und dass sie die vermeintliche Mühe wert ist. Vielleicht kommen Sie dann auch selbst sehr bald in den Genuss, endlich wieder einen handgeschriebenen Brief in Händen zu halten.

Impressionen zum Thema „Briefe schreiben“, sowie einige der schönsten Zitate der Literaturgeschichte finden Sie hier in unserer Bildergalerie.

Kommentare


Luxus: Mehr Artikel