Transgender

„Call me Caitlyn“: Die Wiedergeburt als Ms. Caitlyn Jenner

am 17.06.2015 um 17:25 Uhr

Wie oft kommt es heutzutage noch vor, dass man von einem Zeitschriftentitel wahrhaft bewegt wird? Die US-amerikanische Vanity Fair landete für alle Welt überraschend nun den ganz großen Coup: Das Magazin präsentierte die diesjährige Juni-Ausgabe mit niemand Geringerem als der neugeborenen Caitlyn Jenner, ehemals Bruce Jenner, als Cover-Model. Stilvoll inszeniert von der legendären Annie Leibovitz, blickt die reformierte Frau mit einem teils fragenden, teils auffordernden Blick in die Linse. ‚Seht mich an!‘, scheinen ihre Augen zu fordern. Die weiblichen Kurven in ein cremefarbenes Seidenkorsett gehüllt, die Hände grazil hinterm Rücken verschränkt, die zierlichen Schultern nackt unter wallendem Haar. Dieser Titel ist viel mehr als eine Schlagzeile, mehr als eine rentable Coverstory: Es ist eine Wiedergeburt und längst fällige gesellschaftliche Transgression. Erfahren Sie alles dazu hier und in unserer Bildergalerie.

„Ich bin so glücklich, dass ich nach solchen Anstrengungen endlich mein wahres ‚Ich‘ leben kann. Willkommen in der Welt, Caitlyn. Ich kann es kaum erwarten, dass ihr sie / m i c h, endlich kennenlernt“, tweetete Caitlyn Jenner wenige Stunden nach der Cover-Veröffentlichung von ihrem ebenfalls frischgebackenen Twitter-Account aus. Bereits vier Stunden und einen #CaitlynJenner später, sprengte sie einen neuen Rekord: Über eine Millionen Follower in nur vier Stunden!

Jenner-Power und ein neues Matriarchat

Man mag ja sagen, was man möchte über den ausschweifenden Kardashian/Jenner-Clan: Lassen sie es oftmals an Pietät, Stil und Zurückhaltung missen, an Familienzusammengehörigkeit und Blutsbanden mangelt es ihnen jedoch nie! So auch an diesem für Caitlyn so wichtigen Tag: Während die frischgeborene 65-Jährige ihr neues Matriarchat antrat, hagelte es im Social Network von allen Seiten Zuspruch und Bestätigung. „Wunderschön! Sei glücklich, sei stolz, lebe das Leben wie DU es willst!“twitterte Stieftochter Kim Kardashian, die sich ihrerseits erst knapp 24 Stunden vorher als wieder schwanger geoutet hatte. Auch Kylie, Kourtney, Khloé und Kendall hatten nur Liebe für ihren Vater übrig: „Uns wurde dieses Leben geschenkt, weil du stark genug warst, es zu leben! Ich könnte nicht stolzer sein! Caitlyn, du bist wunderschön!“

Ein neues Leben, eine neue Show

„Call me Caitlyn“ heißt auch die von Buzz Bissinger geschriebene Titelstory, in der Ms. Jenner ganz offen über die vergangenen, schweren Zeiten sprechen soll. „Wenn ich dieses Geheimnis bis zu meinem Sterbebett bewahrt und niemals dafür gekämpft hätte, dann hätte ich mir sagen müssen: Du hast dein ganzes Leben ruiniert.“ Bruce Jenner habe immer gelogen, erklärte sie weiter, Caitlyn kann nun endlich ehrlich sein.

Tatsächlich lebte der 65-jährige Bruce Jenner ein ziemlich bewegtes Leben in der Öffentlichkeit: Als junger Leistungssportler gewann er im Zehnkampf olympisches Gold, war bereits auf dem Cover von Playgirl, ist Autor, Schauspieler und natürlich Teil des Kardashian-Reality-TV-Imperiums. Bereits im April 2015 ließ er öffentlich zur Prime-Time-Sendezeit die Bombe platzen und offenbarte, dass er transsexuell sei und sich schon sehr lange Zeit im falschen Körper gefangen fühlte.

Die „Vanity Fair”-Titelgeschichte ist also nur der nächste logische und konsequente Schritt auf einem wohlbedachten Pfad der öffentlichen Geschlechtsumwandlung. Was kommt danach? Natürlich eine eigene Reality-Sendung auf E!network, die Caitlyn bei ihren ersten Schritten als Lady begleiten wird. Und wieso auch nicht? „Das ist Amerika“, statierte dazu der Story-Autor Bissinger: „Wird sie eine TV-Sendung machen? Sicher. Wird sie es fürs Geld tun? Sicher! Aber ich habe mehr gesehen: Eine transformierte Person, die glücklich ist und frei und ihr Leben so lebt, wie es Bruce niemals konnte!”

Auch Caitlyn Jenner persönlich hat für ihre Kritiker, die ihr vorwerfen, aus diesem persönlichsten aller Themen wie immer eine Cash Cow zu machen, nur eine Antwort: „Ich bin doch nicht blöd! Wenn ich damit Geld machen kann, werde ich das sicherlich tun! Ja, das ist Business. Aber man geht mit Sicherheit nicht in die Öffentlichkeit und wechselt sein Geschlecht fürs Fernsehen! Das ist nur für meine Seele und um anderen Leuten zu helfen!“

Dass es ihr also nicht um den ganz großen Auftritt geht, sagte sie auch im Backstage-Video zum Vanity-Fair-Shooting:

Gesellschaftliche Grenzen einreißen

Und über eines müssen wir uns klar sein: Die Frage lautet eigentlich gar nicht, ob das frisch enthüllte VF-Cover die Spitze einer instrumentierten, lange vorbereiteten PR-Kampagne ist oder nicht – denn mit absoluter Sicherheit ist es das.

Viel wichtiger ist, wie wir als Gesellschaft aus dieser medialen Welle einen Mehrwert ziehen können: Ist die Wiedergeburt von Bruce Jenner als Caitlyn nicht eine längst überfällige, gesellschaftliche Transgression, die Vorurteile, soziale Phobien und Ängste einreißen könnte? Ist dieser mediale Seelen-Striptease nicht ein Akt, der verunsicherten Gleichgesinnten Mut zusprechen und den Konservatismus um ein weiteres Maß beschneiden könnte? Auch wenn Ms. Caitlyn Jenner für viele intellektuelle Hoheiten eventuell nicht die gewünschte Gallionsfigur in einem existentiellen Kampf für mehr soziale Freiheit darstellt, ist sie doch vielleicht genau das, was wir jetzt brauchen.

Stöbern Sie hier durch unsere Bildergalerie und entdecken Sie Impressionen und Twitter-Reaktionen zur neugeborenen Caitlyn Jenner.

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