Porträt

Caryn Franklin: Die Botschafterin für mehr Selbstwertgefühl im desired.de Close-up

am 17.10.2014 um 17:39 Uhr

Sie ist eine Dissidentin, Botschafterin für gesundes Körperbewusstsein und rare Philanthropin im Ellenbogen-Business namens Mode: Die 55-jährige Caryn Franklin kann auf ein bereits recht arbeitswütiges Leben zurückblicken. Ganze 32 Jahre lang ist sie nun schon im Modegeschäft unterwegs, davon wirkte sie sechs Jahre lang als Fashionredakteurin des britischen i-D-Magazins. Sie bewies sich unter anderem als Regisseurin und Produzentin zahlreicher Fernsehsendungen und Dokumentationen, Autorin sowie Dozentin an namenhaften Universitäten, darunter auch das ‚London College of Fashion‘ und ‚The Royal College of Art‘. Von 1986 bis 1998 war Franklin das Gesicht der weltbekannten BBC-Sendung „The Clothes Show“ und flimmerte wöchentlich über Millionen von Bildschirmen britischer Haushalte. Dabei behielt sie ihre Agenda stets vor Augen: Mit Empathie und Cleverness die Fashion-Industrie in ihren Grundfesten langsam von innen heraus zu dekonstruieren. Im Rahmen unseres desired.de Close-ups haben wir mit Frau Franklin im exklusiven Interview über ihren persönlichen Blickwinkel auf die Modewelt und ihre individuelle Triebfeder im Kampf gegen die ästhetische Exklusion gesprochen. Mehr dazu hier und in unserer Bildergalerie.

Die weiße Strähne in ihrem schwarzen, langen Haar ist zu ihrem Markenzeichen geworden: Es ist ein ungewöhnlicher Anblick, vor allem in einem sonst so weichgezeichneten Umfeld. Aber Caryn Franklin stört gerne, optisch und tatkräftig. Bereits vor zwanzig Jahren hat sie ihre grauen Haare herauswachsen lassen, damals als sie die ‚Clothes Show‘ auf BBC präsentierte – auch (und vielleicht auch gerade) gegen den Wunsch ihres Produzenten. Oft erzählt Franklin die Anekdote, wie sie nach der Ausstrahlung einer Sendung angerufen und mit der Aussage konfrontiert wurde, dass sie mit grauem Haar zu alt aussehe und als Konsequenz wohl aus der Sendung ausgeschlossen werden würde. Ihre Antwort soll kurz gewesen sein: „Von wegen!“ Natürlich blieb sie das Gesicht von ‚The Clothes Show‘, der Erfolg sprach sowieso für sich. „Obwohl mein Co-Moderator viel älter war als ich, war dies natürlich kein Thema. Schließlich war er ein Mann!“, resümiert Franklin heute. Die Erkenntnis darüber, wie verengt doch der gesellschaftliche Blick auf weibliche Schönheit ist, führte damals dazu, dass die Mode-Spezialistin in Zusammenarbeit mit Debra Bourne und Erin O’Connor die Foundation „All Walks Beyond the Catwalk“ ins Leben rief. Das Ziel war von vorneherein eine klare Vision: Schönheitsideale aufbrechen, Diversität aufzeigen – und wieder – der Störfaktor im Perfektionismus sein.

Zelebration von Leben und Individualität

Wir freuen uns, dass Mrs. Caryn in ihrem übervollen Terminkalender ein Stündchen Zeit finden konnte, um mit uns persönlich über ihre selbstauferlegte Agenda zwischen Selbstbestimmung und Individualität zu sprechen:

Mrs. Franklin, Sie waren stets eine Verfechterin der Idee eines vom weiblichen Selbstbewusstsein her bestimmten, unabhängigen Körperbildes. Sie haben an zahlreichen Projekten rundum den weiblichen Körper teilgenommen, die Stiftung „All Walks Beyond The Catwalks“ mitbegründet, die Modeindustrie wiederholt herausgefordert. Wie ist dabei Ihre persönliche, individuelle Beziehung zu dem Fashion-Zirkus? Wann haben Sie erstmals das Bedürfnis verspürt, etwas ändern zu wollen?

“Als ich bei i-D gearbeitet habe, war es mir immer möglich, die Modewelt aus meiner eigenen Perspektive zu erkunden. Kleidung war ein Statement und individuelles Styling an sich war wie ein Schlüssel für uns. Niemand trug damals gesponserte Kopf-bis-Fuß-Designer-Looks oder High-Street-Kopien derselben, jeder war auf der Suche nach seinem eigenen, persönlichen Stil.


Trends waren keine Uniformen, so wie sie es heute sind, sondern sehr lebendig – das ist es, was mich geprägt hat. Ich benutzte Mode, um ohne Worte zu kommunizieren.

Als ich dann vom i-D-Magazin zum Fernsehsender BBC wechselte, wo ich eine Fashion-Sendung zur besten Sendezeit moderierte, die dank des BBC World Services bis zu 157 Millionen Menschen weltweit erreichte, bekam ich das erste Mal ‚echtes‘ Feedback: Von Frauen und jungen Mädchen, die zwar Mode liebten, aber sich ausgeschlossen fühlten, weil ihre Körper keinem der propagierten Ideale entsprachen! Mit diesen Frauen zu sprechen, die nicht selten auf offener Straße einfach zu mir marschierten und eine Antwort auf ihre Fragen einforderten, war eine Erfahrung, die mich Bescheidenheit lehrte. Ich begann langsam zu verstehen, wie einflussreich Mode in der Frauenwelt wirklich ist und wie sich die Mehrheit dieser Frauen schlichtweg danach sehnt, Teil des Geschehens zu sein. Die Arbeit an diesem Mainstream-Programm für über zwölf Jahre, erweckte in mir eine Art Verantwortungsbewusstsein. Ich wurde zu einer Vermittlerin zwischen den Modekonsumenten und der Industrie: Für eine lange, lange Zeit habe ich versucht, die Industrie und ihre Praktiken zu dekonstruieren. So gab es auch Fakten, die immer schwieriger zu verstehen und auch zu rechtfertigen wurden: Zum Beispiel, dass die Models immer jünger, weißer und dünner wurden. Schon in den 90er Jahren habe ich dazu eine kritische Dokumentation gedreht, die die Verantwortung des Modebusiness erkannte, Kleidung an gesunden Körpern zu präsentieren. Ich wollte das Business sensibilisieren für Themen wie Anorexie und gestörte Körperbilder. Die Schattenseite der Industrie hat mich als Thema schon immer sehr interessiert.

Mode bedeutet Glamour und Sehnsucht, aber auch Manipulation und Ausbeutung. Dekonstruktion ist daher immer eine gesunde Herangehensweise, nicht wahr?”

Glauben Sie, dass sich der Ansatz der Modeindustrie zum Thema weibliches Körperbild jemals ändern wird? Ich habe das Gefühl, dass dieses einer konstanten Fluktuation unterliegt: Kampagnen für mehr Diversität und für ein gesundes Bewusstsein kommen und gehen, aber der ungesunde Look hält sich hartnäckig. Wie glauben Sie, wird sich das Körperbild über die nächste Dekade hinweg entwickeln?

“Die gesetzte Vorgabe lautet schon sehr lange: jung, weiß und sehr dünn. Immer, wenn eine Neuheit diese vorgesetzte Norm tatsächlich aufmischte, wurde es als Spielerei oder temporärer Trend abgehandelt.

Seitdem die Marke, der Konzern, immer mächtiger wird, wird die Projektion der Individualität stetig zerbrechlicher.

Wenn man einen Blick auf das Selbstbewusstsein sogenannter Fashioninsider wirft, findet man oft Unsicherheit und Geltungsdrang. Modemenschen sind im Grunde sehr darauf bedacht, ins große Ganze hineinzupassen und wollen sich ihrer Mitgliedschaft im großen Modeclub versichern. Aber Mode verändert sich ständig, jede Mitgliedschaft kann also nur so temporär und vergänglich sein, wie die Trends selbst. Wir alle müssen genau dies dekonstruieren und den Einfluss, den diese falschen Mitgliedschaften in unserem Leben haben, ausfindig machen, sodass wir uns der Mode wieder unter unseren eigenen Bedingungen annähern können. Schöne Bekleidung ist ein wunderbares Werkzeug, um sich selbst zu ermutigen: Es ist das Marketing dieser sogenannten, schönen Kleidungsstücke, dem es an Empathie für den Konsumenten fehlt, oder anders formuliert:

Das Marketing, die Anpreisung ist es, die hochgradig manipulativ und destabilisierend wirkt, wenn es hyper-sexualisierte Teenager als das Schönheitsideal darstellt.”

Während Ihrer langen und sehr erfolgreichen Zeit beim i-D-Magazin haben Sie mit einer Varietät an Modedesignern gesprochen, es ist eine beeindruckende Liste. Gibt es jemanden, der einen besonderen Eindruck bei Ihnen hinterlassen hat?

“Ich habe es immer besonders geliebt, Vivienne Westwood zu interviewen. Sie sieht mehr als nur Kleidung, sie ist authentisch und besitzt Integrität, ihre Energie ist intensiv, sie hinterfragt! Vivienne hat einen unglaublichen Wissensdurst, sie ist täglich involviert in Philosophie, Literatur und Politik. Ich muss nicht mit allem, was sie sagt konform sein, um sagen zu können, dass ich es sehr genieße, mit ihr eine Konversation zu führen.

Wer sind Ihre persönlichen Lieblingsdesigner und warum?

Selbstredend habe ich viele Stücke aus Viviennes frühen Designertagen. Diese versprühen die Glaubwürdigkeit eines Außenseiters: Ich trage immer noch zwei Tops aus ihrer Piratenkollektion aus den 80er-Jahren und ich habe sogar noch zwei Paar ihrer Bondage-Hosen und bin nicht abgeneigt, auch diese zu tragen. Außerdem liebe ich Ada Zanditon, Sadie Clayton und besitze zwei klassische Alexander McQueen-Kleider aus seiner finalen Kollektion, die ich tragen werde, bis ich eine sehr sehr alte Frau bin!”

Sie sprechen stets davon, wie wichtig Empathie für das Modebusiness ist – Empathie als Triebfeder einer Welt, die eigentlich definiert wird durch Egoismus und unerreichbare Ideale? Was ist Ihre persönliche Zukunftsvision? Wo geht die Reise hin?

“Die Zukunft der Mode liegt in der Hand der nächsten Generation an kreativen Köpfen. Sie müssen ein Statement zu den wirklich wichtigen Dingen setzen: Kleidung designen, in welcher sich empathisches Design und empathische Praxis verbinden. Wir scheinen in einem Kreislauf gefangen zu sein, in dem die Modeindustrie abhängig ist von überprofitablen Verkäufen und schnellen Absätzen, verankert in einer ständigen Verfügbarkeit – nur um die Maschinerie am Laufen zu halten. Dieses System ist zu einem taste leader und sehr mächtigen Verbreitungsinstrument für Aussagen über Selbstwertgefühl und persönliche Identität geworden. Während die Menschen immer noch nach einem sehr flüchtigen Körperbewusstsein suchen, ist die absichtliche Aussage der Industrie eigentlich diese: Ausschließung und nicht Einbeziehung!

Als eine Mode-Aktivistin muss ich mich fragen, was es brauchen würde, um ein System zu installieren, welches westliche Frauen von der Überzeugung befreit, sie bräuchten billige, schnelle Mode, um ihre tief verankerte Unzufriedenheit bezüglich ihrer Körper, zu betäuben. Diese verunsicherten Frauen muss man zu psychologischer Gesundheit erziehen.

Es ist die Einsicht, dass langsame, faire Mode besser ist für alle. Die Erkenntnis, dass wir – als Konsumenten –  alle zusammen die Macht besitzen, die Veränderungen, die wir uns herbeiwünschen, voranzutreiben, nur alleine dadurch, dass uns die Missstände bewusst werden, ist alleine schon befreiend! Meine Stiftung „At All Walks Beyond the Catwalk“ arbeitet ständig mit verschiedenen, jungen Kreativen zusammen, einfach um die Andersartigkeit zu zelebrieren. Wir zelebrieren das Individuum, weil nur wahre Authentizität kreative Freiheit bedeutet. Unsere Initiative namens „Diversity NOW“ arbeitet mit 30 Colleges zusammen um ein diversitäres Körperbild, unabhängig von Alter, Größe, Hautfarbe, Geschlecht zu propagieren. Wir glauben, dass jeder seinen Platz in der Modewelt hat.  Großartiges Design ist deshalb großartig, weil es die Möglichkeit besitzt, jeden, der es trägt, zu ikonisieren und zu erheben. Und unsere jungen Kreativen sagen stets, sie würden sich befreit fühlen ohne all diese Schranken, die Körper-Standardisierungen aufgebaut haben.”

Nach Jahrzehnten als Fashion-Aktivistin und einem unermüdlichen Kampf gegen die Windmühlen der Industrie, können Sie Mode an sich noch genießen?

“Ich kann Mode noch genießen, aber nur unter meinen eigenen Bedingungen. Ich habe einige Stücke, die einfach nur wunderschön und zu regelrechten ‚Freunden‘ für mich geworden sind. Ich habe außerdem das ganz große Glück, dass ich die Kunst vieler befreundeter Designer genießen darf. Momentan bin ich verliebt in mein ‚Human Hair Dress‘ von Ada Zanditon. Das menschliche Haar des Kleides wurde von diversen Tempeln abgekauft, wo freiwillige ‚Spender‘ für einen guten Zweck ihre Locken versteigert haben – das Kleid bekommt immer sehr viel Aufmerksamkeit, wenn ich es trage.”

Und eine letzte Frage: Mrs. Franklin, können Sie unseren Lesern – die allesamt auch Modeliebhaberinnen sind – einen Ratschlag mit auf den Weg geben?

“Verliebe dich niemals in ein Kleidungsstück, dass du nur am Kleiderbügel hängen siehst…warte, bis du es an dir selbst gesehen hast, wie es deinen wunderschönen Körper umschmeichelt und dir ein gutes Gefühl gibt. Nur dann erst kannst du darüber nachdenken, es mit nach Hause zu nehmen. Beleidige niemals deinen großartigen, gesunden, einzigartigen, cleveren Körper mit unschönen Worten oder Gedanken – dieser Körper vollbringt jeden Tag eine Million komplizierter Aufgaben für dich, ohne in Erwartung eines Dankeschöns. Tröste dich damit, dass die meisten aller Menschen während ihres Lebens ebenfalls große Zweifel durchleben – du bist niemals alleine. Und denke immer daran: Du hast die Wahl. Die Wahl zu leben, lachen und zu lieben… Mode kann nur ein Teil dieser Zelebration sein.”

Darum liebt desired.de Caryn Franklin:

Caryn Franklin ist eine Ikonoklastin der Mode: Sie stört, sabotiert und dekonstruiert den exklusiven Mitgliedschaftsclub namens Fashion – und das von innen heraus. Dabei hebt sie den moralischen Zeigefinger ganz ohne pennälerhaftes Getue oder ziellose Aggression. Sie ist selbstbestimmt, souverän, frei –  und dabei trotzdem Ästhetin mit einer Vorliebe für Exzentrik und Dramatik. Mode ist für Franklin eine Ausdrucksweise, eine Zeichensprache jenseits der Selbstdarstellung. Wir lieben ihren Sinn für Philanthropie genauso wie ihre scharfen Beobachtungen zur Modemaschinerie. Wir danken Mrs. Franklin für dieses Interview.

Bilder der Fashion-Koryphäe und langjährigen Moderedakteurin Caryn Franklin finden Sie hier in unserer Bildergalerie.

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