Krankheiten

Die Panik der Cyberchonder: Warum Erkältung, wenn es auch Tollwut sein kann?

am 25.08.2015 um 15:59 Uhr

Eine leichte Übelkeit macht sich breit, ab und zu kommen Kopfschmerzen auf und man fühlt sich ganz allgemein plötzlich so angeschlagen. Das kann nur eines bedeuten: Tollwut. Oder der tödliche Hantavirus. Oder sogar beides! Sagt zumindest das Internet. Alle Symptome deuten nach langer Recherche schließlich darauf hin. Erkältung? Ganz sicher nicht! Hier geht es um Leben und Tod. Oder vielleicht doch nicht? Wer statt des Hausarztes lieber die Suchmaschine konsultiert, gerät schnell in Panik und könnte an etwas ganz anderem leiden: Einer ausgeprägten Cyberchondrie. Was es mit dem Phänomen auf sich hat, erfahren Sie hier und in der Bildergalerie .

Geben wir es zu: Wenn es mal irgendwo am Körper zwickt, dann ist die erste Anlaufstelle nicht gleich der Onkel Doktor. Warum lange Wartezeiten in Kauf nehmen, wenn der Laptop und das World Wide Web doch schon allerlei Antworten parat halten? Doch wussten Sie, dass Sie sich mit der Suche nach einer Diagnose auf eigene Faust eine ganz andere Krankheit namens Cyberchondrie zuziehen können? Diese hat ihre Wurzeln in einer schon lange bekannten Verhaltensstörung, der Hypchondrie.

Einmal Nahtod und zurück: Die berüchtigte Hypochondrie

Es ist eine ausgeprägte Wehleidigkeit und übertriebene Beschäftigung mit der eigenen Gesundheit, die Hypochondern anhaftet. Charlie Chaplin, Thomas Mann, Winston Churchill und Andy Warhol sind berühmte Vertreter dieser Neurose. Woody Allen glänzt nicht nur in seinen Filmen als Neurotiker, sondern ist es auch privat, wenn es um die eigene Gesundheit geht. Harald Schmidt witzelte regelmäßig in Interviews und seiner Show über seine Paranoia. Und Franz Kafka schrieb in einem Brief, dass es ihm genügt, über seine gute Verdauung nachzudenken, um sie zu verlieren, „und damit war der Weg zu aller Hypochondrie frei“.

Es trifft aber nicht nur Berühmtheiten. Kennen Sie solche Leute nicht auch? Vielleicht sind Sie sogar selbst jemand, der in Sachen Krankheiten gerne aus einer Mücke einen Elefanten macht? Sobald sie sich irgendwie unwohl fühlen, oder sich das zumindest kräftig einreden, statten Hypochonder dem Hausarzt sofort einen Besuch ab. Das kann sich dann schon mal zu mehreren Terminen in der Woche summieren. Die Freizeit wird lieber im Warte- als im heimischen Wohnzimmer verbracht, schließlich muss man auch ganz sicher gehen, dass einem nichts fehlt oder besser gesagt: Dass man nicht, wie fest angenommen, kurz vor dem Tod steht. Eine ganz besondere Art der Neurose, die einem das Leben schwer machen kann. Wie kann es einem schon gut gehen, wenn man hinter jedem Husten und jedem Nieser das Schlimmste befürchtet?

Diagnostik 2.0: Der Cyberchonder von heute

Moderne Zeiten, moderne Formen der Neurose! Dank des Internets und der ständigen Verfügbarkeit eines immensen Sammelsuriums an Fachkenntnissen und gefährlichem Halbwissen sind die heutigen Informationsmöglichkeiten ein wahres Paradies für Menschen mit hypochondrischer Veranlagung. Diese entwickeln sich dadurch weiter, vom Hypochonder zum Cyberchonder. Das Wort setzt sich aus den Begriffen „Cyber“ und „Hypochonder“ zusammen und bezeichnet die zeitgenössische Variante des Hypochonders, der bei den kleinsten Anzeichen einer Krankheit nicht mehr den Hausarzt, sondern das Internet zu Rate zieht.

In vollen Zügen können online die Ängste um den eigenen Gesundheitszustand genährt werden: Vermeintliche Symptome werden einfach in die Suchmaschine eingegeben und schon liefert das Internet die dramatischsten Krankheitsbilder, wie sie sich jeder Neurotiker in seinen schlimmsten Fantasien ausmalt. Stundenlang, Tag und Nacht, bei jedem Wehwehchen wird recherchiert, schließlich ist die nächste tödliche Diagnose jederzeit abrufbar und nur ein paar Klicks entfernt. Noch nie war die selbsterfüllende Prophezeiung so nah! Wenn die Angst in den meisten Fällen nur nicht völlig unbegründet wäre und einen erst recht krank machen würde.

Was tun gegen das Leid am Leiden?

Um der Cyberchondrie und somit auch der zugrundeliegenden Hyperchondrie zu entkommen, ist es zunächst einmal wichtig, die Ursache dafür herauszufinden. Schuld kann zum Beispiel ein traumatischer Todesfall durch Krankheit in der Familie sein, der sich auf die eigene Wahrnehmung der Gesundheit auswirkt. Noch ein Grund könnte sein, dass Ihre Eltern beispielsweise ein besonders ausgeprägtes Gesundheitsbewusstsein hatten und dieses auf Sie übertragen haben. Mit dem Aufdecken des Grundes ist bereits ein erster Schritt in die richtige Richtung getan, da nun erkannt wird, dass die Angst in etwas anderem als einer tatsächlichen, körperlichen Krankheit begründet ist.

Die eigentliche Therapie der Cyberchondrie verläuft wie jene bei einer Phobie. Man wird mit seinen Ängsten Schritt für Schritt konfrontiert, bis die übertriebene Panik überwunden ist. Zusätzlich heißt es natürlich: Abstand halten von Laptop, Smartphone und Co.! Nur noch zu festgelegten Zeiten und auf seriösen, medizinischen Plattformen surfen, wenn die Recherche doch nicht ganz unterlassen werden kann. Besonders wichtig: Laienaussagen von anonymen Nutzern keine Glaubwürdigkeit schenken, sondern bei wirklich akuten, starken Beschwerden dann doch lieber einen Arzt um seine Meinung bitten. Aber Achtung, bei Anzeichen von Krankheitssymptomen natürlich nicht gleich in absolute Panik verfallen, sondern sich bewusst machen, dass körperliche Symptome wie Kopfschmerzen oder Übelkeit eine ganz normale Reaktion auf kurzfristige, negative Umstände sein können und so schnell wieder verschwinden können, wie sie gekommen sind.

In unserer Bildergalerie haben wir nochmal die wichtigsten Fakten zur Cyberchondrie , der neuen Form der Hypochondrie, für Sie zusammengefasst.

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