Dating

Verlernen wir das Flirten? Wie soziale Netzwerke unseren Blick verengen

am 16.09.2014 um 10:59 Uhr

Eigentlich ist es die natürlichste Sache der Welt: Er mag sie und sie mag ihn. Ein nervöses Lächeln, vielleicht einen kurzen Blickkontakt später, steht zumindest die Möglichkeit eines Kennenlernens im Raum. Meistens bleibt es jedoch dabei – der Möglichkeit. Weshalb trauen wir uns immer seltener, uns auf das Ungewisse einzulassen? Wieso schauen wir verunsichert in die andere Richtung, hören nicht auf unser Bauchgefühl, sind verschämt? Schließlich ist das Flirten keine Einbahnstraße. Entziehen wir uns den potentiellen Annäherungsversuchen, wenn auch unbewusst, dann dürfen wir uns auch nicht über den fehlenden Mut unseres Gegenübers wundern. Dennoch ist es eine Tatsache: Ohne Online-Dating, Tinder und Co., wird das Kennenlernen gefühlt immer schwieriger. Eine kleine Suche nach den Ursachen.

Schon 1982 stellte der Soziologe und Gesellschaftstheoretiker Niklas Luhmann fest, dass das Phänomen Liebe und das Flirten als Teil dessen, nur auf der Basis einer erfolgreichen Kommunikation stattfinden kann. Luhmann bezeichnete die Liebe erstmals als ein symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium und meinte damit nichts weiter, als dass Lieben ein übertragbares, auf Kommunikation basierendes Verhaltensmodell ist. Dieses Modell benötigt einen Empfänger, einen Sender und am allerwichtigsten – eine erfolgreiche Interpretation der ausgetauschten Zeichen. Schon Luhmann stellte heraus: Wer eine Kommunikation startet, wagt etwas. Er bietet der Konsequenz, die eine nicht erfolgreiche Kommunikation einfordern würde, die Stirn: Er riskiert Ablehnung. Schon Luhmann war sich also darüber im Klaren: No risk, no fun, wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Und hier wären wir dann auch wieder direkt an unserer Ausgangsfrage angelangt. Wenn das Flirten ein Code ist, sozusagen eine Zeichensprache mit jahrhundertelang eingeschriebenen Regeln – was passiert, wenn man diese Sprache verlernt? Luhmanns Antwort wäre eindeutig: Das System würde ausgehebelt, die Kommunikation schlüge fehl – Stille.

Die kollektive Sehnsucht nach dem Mehr

Irgendwie klingt das ganz bitter nach Game Over – aber ist es wirklich schon so weit? Denn das Bedürfnis des Menschen nach sozialen Bindungen, nach Verstandenwerden und sich Anlehnenkönnen hat nicht abgenommen, ganz im Gegenteil. Eine Sehnsucht ist klar auszumachen. Aber es ist eine richtungslose Sehnsucht, ein diffuses Verlangen nach einer klaren Position, einem gemeinsamen Raum gegen die alles durchdringende Individualisierung. Denn, Hand aufs Herz, wir selbst rücken uns doch ins Zentrum des Geschehens. Wir sind also gar nicht verstummt, die Spielregeln haben sich nur verändert, sind sozusagen verschoben worden in einen anderen Bereich. Zumindest in puncto Flirten und Daten bieten die Untiefen des Internets dort, wo das zwischenmenschliche Agieren immer seltener wird, eine substituierende Alternative. Die Spielwiese Internet scheint auf den ersten Blick alle oben genannten Probleme aufzulösen. Etwas wagen, sich bloßstellen, sich selbst aus dem Zentrum rücken? Muss man doch gar nicht. Hier ist es nur ein Klick, zwanglos, ganz casual. Wagen muss man im Online-Chat nicht mehr viel, die Frage bleibt nur, ob man auch gewinnen kann. So lange all dies nur ein Mittel zum Zweck bleibt, ist doch alles in Ordnung, könnte man argumentieren. Und bei diesen Arbeitstagen, 24/7 im Büro, Work-Life-Balance bis zum Anschlag ausgereizt, wie soll man da überhaupt noch die Motivation aufbringen, jemanden kennenzulernen?

Tinder oder: Der Sieg der Oberflächlichkeit

Die Dating-App Tinder entspricht vielmehr noch, als die ausgeklügelten Profile der Online-Dating-Portale, der Alltagssituation Flirt. Ein kurzer Eindruck entscheidet über das Hot or Not, über das Herz oder den Wisch zur linken Seite. Das ist sozusagen Flirten am Fließband und als Kraftakt, Flirten in seiner größten Konsequenzlosigkeit. Alles egal, alles easy. Was aber unterscheidet Tinder so maßgeblich vom ersten Eindruck, den man in der U-Bahn, im Café oder in der Lieblingsbäckerei erhascht? Schließlich würden wir unser Gegenüber auch im Café nach dem Äußeren beurteilen, so auf den allerersten Blick. Vorlieben, Denkweisen und Charakterzüge stehen dem Menschen schließlich nicht auf der Stirn geschrieben. Dennoch liegt der Hund ganz woanders begraben: Im wahren Leben erfährt man den Menschen in Momentaufnahme, er ist eine dreidimensionale Figur, stets in Aktion mit seiner Umwelt. Während Tinder reduziert, arbeitet der Moment für einen mit. Während Tinder das Verlieben in die Suche selbst fördert und den Fokus verengt, eröffnet der Moment Möglichkeiten und Chancen. Charme kann mehr als ein gutgewähltes Selfie, und manchmal ist es auch nur dieser eine Moment, der alles entscheidet. Wie sie sich mit einer unbewussten Geste durchs Haar fährt, wie er irritiert die Braue hebt.

Verfahren, vernetzt, verunsichert.

Die heute 20- bis 30-Jährigen sind eine Generation, die oft Kritik einstecken muss: Sie haben bekanntlich keine Ideale mehr, leben nur in den Tag hinein, geben sich primär der Bedürfnisbefriedigung hin. Work hard, play hard, alles ist möglich – just do it.Eat, sleep, train, repeat. All deine Ziele sind erreichbar, du stehst dir nur selbst im Weg. Es gibt keine Utopien, keine wahre Not. Die Selbstverwirklichung steht auf der Tagesordnung ganz weit oben. Sie ist eine Art neue Ersatzreligion. Live your dream! Und überhaupt, wäre in diesem System denn Platz für Kompromisse und eine andere Person, die einfordert? Wohl kaum. Der Autor Tino Hanekamp nennt es eine voranschreitende Selfisierung, einen Hyperindividualismus, bei dem jeder zum Einzelkämpfer mutiert. Dabei ist doch alles so widersprüchlich: Wir differenzieren uns immer weiter aus, gleichzeitig aber sehnen wir uns nach mehr. Nach mehr Empathie, mehr Haltung, mehr Emotionen, mehr Wagnis, mehr Solidarität, mehr Kommunikation, mehr vom Mehr – und das ist auch gut so. Es sollen hier nämlich nicht nur negative Allgemeinplätze bemüht werden: Natürlich sind dies Zeiten unendlicher Möglichkeiten, Möglichkeiten von denen andere Generationen nur träumen durften. Vielleicht kann man ja wirklich alles schaffen, vielleicht waren Glück und Verwirklichung individueller Träume niemals so greifbar wie heute. Und Zynismus ist ohnehin eine gefährliche Stimmung, die einer emotionalen Verhärtung nur den Weg ebnet. Das Fazit, die Konsequenz, die wir ziehen? Die Sehnsucht nach Solidarität und Gemeinsamkeit, nach dem Mehr muss nur groß genug werden, Kreise ziehen, die weit genug sind. Dann ist es nur noch eine Frage der Zeit.

Erfahren Sie in unserer Bildergalerie noch weitere Fakten rund ums Flirten und Co.

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