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Mitten in der elektronischen Falle: Wie wäre es mit einem digitalen Detox?

am 27.01.2016 um 17:01 Uhr

Können Sie sich daran erinnern, wann Sie das letzte Mal 24 Stunden ohne Handy, Internet, Tablet oder Computer verbracht haben? Lautet Ihre Antwort „Ich kann mich nicht erinnern!“, oder sogar „Noch niemals“, dann wird es wirklich allerhöchste Zeit für eine mentale Entgiftungskur. Detoxen ist sowieso DAS Stichwort des vergangenen Jahres: Entschlacken oder Entgiften kann man mit so allerlei Mittelchen, darunter Detox-Tee, Suppen und Smoothies. Tonerde und Kohle sollen sogar die neuen Detox-Wundermittel für einen gesunden Körper und fitten Geist sein. Dabei sitzt die Wurzel allen Übels eigentlich dort, wo Stress entsteht und unser Körper das Hormon Cortisol ausschüttet. Da hilft dann auch kein Brennnessel-Tee, denn eine intensive und ausschließliche Nutzung digitaler Medien fördert unseren Stresspegel erheblich. Anstatt sich also ausschließlich auf eine gesunde Ernährung zu fokussieren und alles andere getrost auszublenden, sollten wir in Zukunft vielleicht einfach mal unser Handy weglegen. Erfahren Sie hier und in unserer Bildergalerie alles, was Sie über das mentale Entgiften wissen müssen.

iDisorder – haben Sie dieses ironische Wortspiel schon einmal gehört? So bezeichnet Dr. Larry Rosen, ein US-amerikanischer Psychologie-Professor und international anerkannter Experte auf dem Gebiet der ‚Psychology of Technology‘, all die kleinen, zahlreichen psychischen Störungen, die eine zu intensive, digitale Nutzung in uns auslösen kann.

Die Gefahr der elektronischen Falle

Laut einer US-Studie greifen mehr als 50% aller unter 40 Jährigen im Durchschnitt alle 15 Minuten zu ihren Smartphones, um ihre Nachrichten, Facebook, Twitter, Instagram oder E-Mails zu checken. Oftmals auch in einer automatischen Geste, selbst, wenn das Handy schweigt. Die Zahlen für Deutschland alleine sind ebenfalls erschreckend: Rund 2,5 Millionen aller Deutschen zwischen 14 und 64 Jahren stuft die PINTA-Studie („Prävalenz der Internetabhängigkeit“) der Drogenbeauftragten des Bundes im Ministerium für Gesundheit bereits als ‚problematische Internetnutzer‘ ein. 560.000 Menschen gelten bereits als Handy-abhängig.

Überprüft man das eigene Smartphone-Verhalten, muss man oftmals eingestehen, dass man selbst nicht viel besser agiert: Ertönt der verheißungsvolle Klingelton des Handys, greift man automatisch und umgehend zum Telefon. Dr. Rosen erklärt den biochemischen Prozess, der sich dabei in unserem Gehirn abspielt folgendermaßen: Hören wir den signifikanten Sound, der eine neue Nachricht ankündet, werden in unserem Gehirn in Vorfreude und Erwartung die Glückshormone Seretonin und Dopamin ausgeschüttet, ganz so, wie bei jedem Belohnungsvorgang, der in Zusammenhang mit einer Sucht steht – seien es nun Drogen, Alkohol, Sex oder Spielsucht. Auch die Angst etwas zu Verpassen spielt mit unserem Wohlbefinden: Die Anzahl von Neurotransmittern wie das Stresshormon Cortisol werden dramatisch erhöht. Um diesem, für uns unangenehmen Gefühl, Einhalt zu gebieten, checken wir ständig unser Mobiltelefon – ein deutliches Suchtverhalten.

Tatsächlich ist unser iPhone, Android oder Tablet immer in Reichweite. Tagsüber mit unserer Hand verwachsen, nachts liegt, vibriert und leuchtet es direkt neben unseren Köpfen. Der erste Griff am Morgen geschieht dann schon automatisch: E-Mails müssen abgerufen, Nachrichten gelesen und das Wetter gecheckt werden. Dieses Junkie-Verhalten hat laut Prof. Dr. Rosen unangenehme Folgen: „Dieses konstante Checken schadet unserer Konzentrationsfähigkeit, unterbricht den Schlafrhythmus und unterdrückt die Ausschüttung des Hormons Melatonin, das essentiell für einen gesunden Schlaf ist“, warnt der Experte, „das führt zu Lernschwierigkeiten, Gedächtnisschwund und anderen negativen psychologischen und physiologischen Folgeschäden. Was wiederum unseren zwischenmenschlichen Beziehungen schadet und eigentlich allem, was wir täglich so machen.“

Das Fazit Rosens ist nahezu vernichtend: Der permanente, digitale Konsum führt zu erheblichen Störungen unserer Kreativität, Konzentration, Beeinträchtigung des Sexualtriebes, der natürlichen Produktivität und sogar unseres Stoffwechsels.

Tipps für einen digitalen Detox

Unsere Welt wird sich nicht wieder zurückentwickeln, trotz verschiedener Trend-Strömungen, die einer ständigen Erreichbarkeit und voranschreitenden Digitalisierung den Kampf angesagt haben, ganz im Gegenteil: Die Technologisierung der Gesellschaft wird stetig voranschreiten und uns immer weniger Reaktionsraum gegen die digitalen Übergriffe offen lassen. Um in der voranschreitenden Technik-Welt noch so menschlich wie möglich zu bleiben, hat Prof. Dr. Rosen in seinem Buch „Die digitale Falle – Treibt uns die Technologie in den Wahnsinn?“ so einige nützliche Tipps auf Lager, die sich problemlos in den Alltag integrieren lassen.

Auf Handy, Laptop und Co. verzichten, das geht doch nicht, meinen Sie? Schließlich brauchen Sie die Medien für Ihren Job, Ihre Fernbeziehung, Ihre Terminplanung, um mit der Freundin in Amerika zu skypen und den Lebensmitteleinkauf für die nächste Woche zu managen! Aber keine Angst, niemand, auch Prof. Dr. Rosen nicht, predigt den totalen Detox von Hundert auf Null. Vielmehr geht es um allgemeine Vorsätze, die man zwar konsequent durchziehen muss, die sich aber nichtsdestotrotz einfach umsetzen lassen.

Learning by doing: Ein Versuchstag

Ein erfolgreicher, gradueller Digital-Detox im Sinne Dr. Prof. Rosens würde wohl so aussehen:

Am Morgen lassen Sie sich nicht von Ihrem Smartphone wecken, sondern entstauben vorher Ihren alten, analogen Wecker – dieser tut nämlich auch seinen Zweck. Wieso sind wir eigentlich dazu übergegangen, uns nur noch von unseren Telefonen wecken zu lassen? Nutzen Sie die Chance, morgens direkt nach dem Aufstehen ein wenig Abstand von Ihren digitalen Geräten zu erlangen. Erst nach der erfrischenden Dusche und der ersten Tasse Kaffee, können Sie in Ruhe Ihre E-Mails checken.

Während des Tages richten Sie sich ganz bewusst Oasen der Ruhe ein und widerstehen dem Drang, konstant Ihre E-Mails zu checken, vor allem dann, wenn Sie eigentlich beschäftigt sind. Während des Mittagessens, des Kinobesuchs und Plausches mit der besten Freundin, lassen Sie die Finger vom Smartphone! Denn, sind Sie einmal ehrlich, dann finden Sie es auch unhöflich, wenn Ihr Gegenüber konstant am Handy hängt, anstatt sich auf Sie zu konzentrieren. Versuchen Sie auch, nicht zu lange Zeit am Stück mit digitalen Medien zu verbringen: Nach einer intensiven Session am PC sollten Sie sich und Ihrem Gehirn eine kleine Auszeit gönnen: Gehen Sie spazieren, zum Sport, hören Sie Musik oder quatschen Sie einfach mal mit dem Nachbarn.

Nehmen Sie sich am frühen Abend täglich mindestens 20 Minuten Zeit, um diese in der freien Natur zu verbringen: Laufen Sie nach Hause, anstatt den Bus zu nehmen, drehen Sie eine Runde im Park, schnuppern Sie eine Brise frischer Luft und versuchen Sie, Ihre Gedanken zu entspannen. „Default Mode Network“, nennt Dr. Rosen diesen Zustand, in dem wir unsere Gedanken schweifen lassen und einen optimalen Zugang zu unserer Kreativität finden können.

Und nun das wichtigste zum Schluss: Beenden Sie den Tag so, wie Sie ihn begonnen haben: Ohne digitale Medien! Erklären Sie vor allem Ihr Bett zu einer Internet- und Smartphonefreien Zone. Schalten Sie Ihr Telefon ca. eine Stunde vorm Zubettgehen aus und lassen Sie es im besten Fall auch im Flur liegen – Ihre Schlafqualität wird sich rasant verbessern und Ihr Bücherregal wird sich freuen. Denn endlich haben Sie die magische letzte halbe Stunde vor dem Schlafengehen wieder Zeit, um in Ihrem neusten Schmöker zu lesen.

Unser desired.de-Fazit:

Ein einmaliger Digital-Detox, bei dem man sich für einen bestimmten Zeitraum von allen Technologien trennt, ist nicht wirklich hilfreich, und auch nicht der Schlüssel, um das eigene Stresslevel längerfristig zu senken. Schließlich ist es naheliegend, dass man nach dem digitalen Entschlacken wieder ganz schnell in alte Muster verfällt. Viel wichtiger ist es, sich die Regeln von Dr. Rosen zu Herzen zu nehmen und sie in die tägliche Routine mit einzubeziehen. So ist ein entspannterer Umgang mit allerlei Technologien auf lange Sicht durchaus möglich.

Impressionen und weitere Fakten zum Thema Digital Detox entdecken Sie hier in unserer Bildergalerie.

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