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Dior Cruise 2016: Raf Simons zwischen Dior-DNA und Selbstbestimmung

am 12.05.2015 um 14:18 Uhr

Die drei Großen haben gesprochen: Nach Karl Lagerfelds fulminanter Pop-Parade in Seoul und Nicolas Ghesquières schillerndem Boho-Cruise in Palm Springs, richteten sich nun alle Augen auf den dritten, extraordinären Kreativkopf im schwergewichtigen Designer-Bund: Was würde Raf Simons tun? Kann der Belgier das bis dato inszenierte Spektakel von König Karl und Enfant Terrible Ghesquière überhaupt noch toppen? Oder, und diese Frage erscheint uns noch viel wichtiger: Muss er das überhaupt? So viel sei hier an dieser Stelle schon verraten: Raf Simons bewies einmal mehr, dass er seine Stimme zwischen der traditionellen Dior-DNA und seiner eigenen vision créative mehr als gefunden hat. Erfahren Sie hier und in unserer Bildergalerie alles zur Dior Collection Croisiére 2016.

Nun ist es amtlich: Die hauseigene Resort Kollektion ist das neue Prestige-Projekt der großen Modelabels. Irgendwo zwischen der traditionellen Frühjahrs/Sommer- und Herbst/Winter-Achse werden auf einmal aufwendig inszenierte, zusätzliche Linien unter dem Titel ‚Cruise‘ oder ‚Resort‘ präsentiert. Dazu werden Pressevertreter aus allen Ecken der Welt an möglichst exquisiten und exklusiven Orten versammelt, um die folgenden Kollektionen im ganz großen Fashion-Week-Gestus zu zelebrieren. Wieso?

Gedankenspiel: Cruise Collection oder Projekt Prestige?

Wieso dieser unglaubliche Mehr-Aufwand, wieso noch eine Kollektion zwischen den Kollektionen, wieso der Kraftakt für Designer, Hersteller und Zuschauer. Wieso die irritierte Frage provozieren: Schon wieder eine neue Kollektion? War nicht gerade eben… Und überhaupt: Wie verhält sich das Resort zur kommenden Sommerkollektion 2016, die in wenigen Monaten gezeigt wird? Sinnvolle Ergänzung oder schlichtweg Redundanz?

Eines ist doch glasklar: Es scheint einfach nicht mehr genug zu sein, lediglich zwei Mal im Jahr eine Palette an luxuriösen Kleidern über den Laufsteg zu jagen. Die Labels wollen mehr: Sie wollen uns für einen Moment ganz in ihre Welt eintauchen lassen. Für einen Augenblick soll man den Lifestyle à la Dior, Chanel oder Vuitton leben, sich als Journalist oder geladener Gast genau so fühlen, wie sich das Luxus-leistende Klientel jeden Tag fühlt. Es ist ein Fashion-Experiment: Die neuen Cruise Kollektionen verkaufen nicht mehr nur etwa die exklusiven Kleider, sie verkaufen den exklusiven Traum, je unerreichbarer, desto besser.

Nun präsentierte nach Chanel und Louis Vuitton also auch Dior einen Hauch des hauseigen Joie de Vivre: Die Kulisse stand den vorherigen Resort Shows an historischer Bedeutung folglich in nichts nach. Das ‚Le Palais Bulles‘, auch Bubble Palace genannt, war, ähnlich wie Ghesquières auserwählte Location, eine Metapher für die gesamte Kollektion. Das legendäre Gebäude des Architekten Antti Lovag wurde im Jahre 1992 von Pierre Cardin gekauft, der von 1946 bis 1950 an der Seite von Christian Dior gearbeitet hatte und maßgeblich mitverantwortlich für die Entstehung des „New Look“ sowie der ikonischen ‚Bar Jacket‘ gewesen war. Die Erwartungen? Entsprechend hoch.

Côte d’Azur, Vichy und ein organisches Schimmern

Es wehte wie ein tonangebender Hauch durch die gesamte Kollektion: Die Landschaft, Farben, Texturen, sogar das Licht der Côte d’Azur schien in die Entwürfe mit eingeflossen zu sein wie ein roter Faden, der das Konstrukt im Kern zusammenhält. „Ich wollte eine Idee von Freiheit, Verspieltheit und Individualität vermitteln, die die gesamte Kollektion einnimmt, vor allem im Bezug auf die traditionellen Dior-Archive“, erklärte dazu Monsieur Raf Simons seine eigene Kollektion. „Dabei ist das Konzept nicht starr, sondern leicht und jung, frisch. Der Ansatz der Design-Architektur entstammt Herrn Diors ‚manteux‘, seinen Mänteln. Aber der schwere Stoff wurde abgelöst, mit den Größenverhältnissen wurde gespielt sowie Elemente entnommen und zu einer Form- und Stoffkollage geführt.“

Und dieses Wechselverhältnis zwischen Archiv und Inspiration, Umdeutung und Neudeutung ist essentiell für Simons‘ Arbeitsweise: Lässige, utilitaristische Stücke kontrastierten eine traditionelle Eleganz, staffierte Lagen an karierten Baumwollstoffen, ‚Vichy‘ wie es die Franzosen nennen, schmiegten sich um die hohen Taillen der Models zu einer femininen Silhouette. Derweil flossen metallische Regenbogen-Texturen, inspiriert vom organischen Sand-Meer-Spiel, auf tief sitzende A-Linien-Röcke, während der funkelnde Nachthimmel in Form von glitzernden Lurex-Kleidern einen aparten Abend-Glamour verbreitete.

Atelier vs. Promenade

Was daraus entstand, war ein Zusammenfluss der Stile, Muster und Techniken, die die vielschichtige Lebensart des Südens auf den Plan rief: Der lässige Arbeitsoverall mit seinen kastenförmigen Taschen, der steife Künstler-Kittel, auf dem man fast noch die Farbspritzer der Kreativität vermutete, die sandig funkelnden Badekostüme sowie die sinnlichen Bias-Cut-Abendroben waren eine einzige elegante, aber auch mühelose Reminiszenz an schwüle Sommernächte und träge Morgenstunden, an dahinziehende Sonnenstunden und nicht enden wollende Spaziergänge.

Auch nicht zu übersehen, schien, wie von Simons persönlich angedeutet, die Sensibilität eines Jahrhunderte alten ‚Handwerks‘: Hier und da erspähte man die schlichten, traditionellen Techniken des Dior-Ateliers mit ihrer ursprünglichen Annäherung an Smokings, Patchwork und filigrane Häkeleien aber auch Vichy und, nicht zu vergessen, weicher Pelz in Form von Stolen und Accessoires.

Unser Fazit:

Einen großen Knall suchte man bei Dior vergeblich: Weder schockierte Simons mit überkurzen Hot-Pants, die jegliches Geheimnis der Trägerin freilegten, noch verlor er sich in einer grellen Extravaganza. Es war keine Boho-Party und keine Pop-Zelebration und doch schlich sich diese Resort Kollektion subtil aufs oberste Treppchen: Die unaufdringliche Mischung zwischen Lust und Lässigkeit, Dior-DNA und Dior-Zukunft ist wohl Ansage genug.

Entdecken Sie nun die schönsten Looks und alle Highlights der Dior Resort Kollektion hier in unserer Bildergalerie.

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