Film

“Junges Licht”: Ruhrgebietskindheit in den 60er Jahren

am 29.04.2016 um 08:23 Uhr

Essen (dpa) – Filme übers Ruhrgebiet hat Adolf Winkelmann schon genug gemacht, könnte man sagen. Preise hat der 70-Jährige dafür auch schon reichlich bekommen – 1993 allein zwei Bundesfilmpreise in Gold etwa für den dritten Teil seiner Ruhrgebietstrilogie, den Dortmunder Fußballfilm “Nordkurve”.

Genug von seiner Heimatregion als Filmthema hat der Dortmunder allerdings noch nicht, wie sein neuer Film “Junges Licht” zeigt. Über den zugrundeliegenden Ruhrgebietsroman von Ralf Rothmann sagt Winkelmann, dieser habe ihm “vor Augen geführt, dass ich das, worum es mir wirklich geht, noch gar nicht erzählt habe”.

Sein Coming-of-Age-Film, der im Februar auf der Berlinale lief, feiert am 1. Mai deutsche Kinopremiere in der Essener Lichtburg – zum Auftakt der Ruhrfestspiele. Mit viel Liebe rekonstruiert Winkelmann darin das Lebensgefühl einer Ruhrgebietskindheit in den 1960ern – einen Sommer des Arbeiterkinds Julian Collien (Oscar Brose) zwischen 56-Quadratmeter-Wohnung, Werkstor und Zechenwäldchen. Am 12. Mai kommt der Film in die Kinos. Er startet mit 45 Kopien.

Julian lebt als empfindsamer Zwölfjähriger unter einfachen, derben Leuten: Mutter Collien (Lina Beckmann) schlägt ihm den Kochlöffel auf dem Hintern kaputt, bevor sie mit der Tochter allein in die Sommerfrische aufbricht. Der zurückbleibende Vater (Charly Hübner) kann seine Zuneigung nur durch freundschaftliche Knuffe und knappe Ansagen ausdrücken. Und im Kohlenkeller lauert der pädophile Vermieter Gorny (Peter Lohmeyer).

Colliens Balkon hat dabei nicht nur Stahlwerksblick. Er grenzt auch ans Fenster der “fast 16-jährigen” Vermieterstochter Marusha (Greta Sophie Schmidt), die sich im Film diverse Male umzieht und Vater und Sohn gleichermaßen in Versuchung führt. Am Ende wird klar: Es wird der letzte Kindheitssommer für Julian gewesen sein.

Der Film hüllt dieses zerbrechliche Zechen-Idyll in leise, melancholische Szenen, stellenweise in historisierendem Schwarzweiß. Kameramann David Slama (“Unsere Mütter, unsere Väter” (ZDF)) fängt die Wolken von Kohlenstaub und weißem Löschdampf und die Enge der elterlichen Wohnung mit eindringlichen Bildern ein.

Die Ruhrfestspiele fanden das so bemerkenswert, dass sie den 99-Minüter am 30. Mai noch einmal in Recklinghausen zeigen wollen, auf Zeche König Ludwig 1/2. Arte und der WDR steuerten 800 000 Euro zu der 2,5 Millionen Euro teuren Produktion bei, die Filmstiftung NRW 1,1 Millionen Euro.

Tatsächlich ist “Junges Licht” nicht irgendein Ruhrgebietsfilm: Die zarte, elegische Geschichte schlägt deutlich ernsthaftere Töne an als etwa die karikierende Unna-Trilogie von Peter Thorwarth und die Komödien in seinem Gefolge.

Der schwelgerische, undramatische Erzählstil führt allerdings auch zu Längen: Außer in der letzten halben Stunde passiert eigentlich nichts. Und das sozialdokumentarisch gemeinte, phrasenhaltige Ruhrdeutsch wirkt bei manchem Akteur so gekünstelt, dass es die Authentizität einreißt, die der Film auf anderen Ebenen aufbaut.

Als uneingeschränktes Glück erweist sich der 14-jährige Essener Oscar Brose. In seiner ersten Filmrolle überhaupt leiht er dem empfindlichen Julian ein lebhaftes Mienenspiel und einen überzeugend unverstellten Tonfall.

Einige weitere Jungkünstler haben in “Junges Licht” ihr Kinodebüt: Der Soundtrack dieses Kindheitsidylls stammt vom Bochumer Multiinstrumentalisten Tommy Finke. Mit Melodica und Gitarre transportiert sein Thema die ruhrgebietstypische Bescheidenheit der Mittel: Viel hatten wir nicht, aber wir haben etwas daraus gemacht.

Der erste Film war es auch für die Drehbuchschreiber Till und Nils Beckmann. Die schauspielernden Brüder aus Bochum haben Winkelmann erst auf den Roman gebracht. Für sie ein Herzensprojekt – mit ihren Schwestern Lina und Maja führen sie Rothmanns Texte seit Jahren als szenische Lesungen auf.

Die Brüder können sich auch vorstellen, weitere Rothmann-Werke in Drehbücher zu verwandeln, sagten sie der dpa, zum Beispiel seine Jugendgeschichte “Milch und Kohle”. Es gebe Interessierte und Gespräche, allerdings noch nichts Spruchreifes.

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