Freeletics

Mit dem Handy zum Athleten: Eine Freeletics-App im desired.de-Selbsttest

am 29.04.2015 um 16:25 Uhr

Jeder, der auch nur ein bisschen mit sozialen Netzwerken und Internetplattformen vertraut ist, dürfte schon über einige sogenannte Transformationsbilder gestoßen sein: Menschen fotografieren sich mit normaler Figur, einige Wochen später stehen sie dann plötzlich mit einem Sixpack vor dem Spiegel. Das alles dank ominöser Workouts. Bestes Beispiel für ein solches Selbstoptimierungs-Phänomen ist Freeletics. Freeletics beschreibt ein freies Workout ohne große Hilfsmittel, welches beinahe utopische Ergebnisse verspricht und von jedem, wir betonen JEDEM, ausgeführt werden kann. Doch was ist dran am Hype? Wir haben die Freeletics-App getestet und verraten Ihnen hier und in unserer Fotoshow unsere überraschenden Ergebnisse.

Unsere Redakteurin hat die kostenlose Freeletics-App für einige Wochen getestet, die vorgeschlagenen Workouts durchgezogen und an ihren körperlichen Grenzen gekrazt. Erfahren Sie, wie sinnvoll der mobile Fitnesstrainer wirklich ist und lesen Sie von unseren tatsächlichen Erfahrungen.

Was ist Freeletics?

Freeletics ist eine Sportart, die jeder zu jeder Zeit und an jedem Ort durchführen kann. Sie beruht auf beinahe altmodischen Eigengewichts-Übungen wie Liegestütze, Klimmzüge und Sit-ups (erinnern Sie sich, dafür gab es im Schulsport sogar Tests) und kombiniert diese zu einem intensiven Workout. Ziel ist es, möglichst viele Wiederholungen in kürzester Zeit zu schaffen. Diese Methode vereint die drei wichtigsten Fitness-Komponenten in sich: Funktionales Training, Nachbrenneffekt und HIIT. Für alle Neusportler einmal erklärt:

Funktionales Training beschreibt alltagsrelevante, komplexe Übungen, die nicht nur auf das Training einzelner Muskeln abzielen. Sie trainieren also Ihre Kraft und Ausdauer in natürlichen, ganzkörperlichen Bewegungsabläufen.

Als Nachbrenneffekt wird der erhöhte Grundumsatz selbst einige Stunden nach dem Training beschrieben. Um dem Körper nach einem intensiven Training wieder Energie zu liefern und den Hormonhaushalt auszugleichen, wird mehr Sauerstoff gebraucht. Dadurch verbrennt man auch in der Erholungsphase bis zu zwei Stunden nach dem Training noch ordentlich Kalorien.

HIIT (High Intensity Interval Training) ist ein besonders intensives Intervalltraining, welches den Belastungsreiz auf den Körper erhöht und somit maßgeblich hilft, Kraft und Ausdauer zu trainieren. Dadurch wird dem Körper beigebracht, hohe Leistungen in unterschiedlichen Belastungen abzuliefern.

Selbsttest: Die Erkundung

Ich möchte mich zu den ambitionierten Sportlerinnen zählen. Regelmäßig schlüpfte ich in mein Sportdress und verausgabe mich bei verschiedensten Workouts – mal draußen, mal zuhause oder im Freien. „Die Freeletics-App dürfte also eigentlich kein Problem sein, zumal ich auch mit funktionalem Training vertraut bin“, dachte ich mir. Pustekuchen.

Bei meinem Selbsttest entschied ich mich für die kostenlose Freeletics-Variante anstatt des zu bezahlenden, individualisierten Coaches inklusive Ernährungsplan. Kurzerhand wurde also die App auf dem Smartphone installiert und sich kostenfrei registriert – ready and go.

Da waren sie dann: Workouts namens Aphrodite, Ares, Dione, Metis, Zeus und auch meine ganzen Mitstreiter in der Freeletics-Community, die sich mit Mucki-Bildern profilieren, ihre Bestzeit posten und zeigen, an welchem wundervollen See sie gerade vorbei gejoggt sind. Ehrlich gesagt gehöre ich zu den Menschen, die sich von solch Ego-puschenden Beiträgen tatsächlich und frei nach dem Motto „Was die können, kann ich schon lange“ motivieren lassen.

Schlimm genug, aber wenigstens fruchten schon die ersten Features der App. Meine Sportkollegen kann ich mit einem Klatschen motivieren oder ihnen einen Kommentar zu ihrem außerordentlich erfolgreichen Workout hinterlassen. Nun aber wirklich zum Training und zurück zu den griechischen Göttern. Warum genau die Workouts Namen griechischer Götter tragen, erklärt sich mir nicht, ist aber auch nicht so wichtig.

Selbsttest: Die Durchführung

Die Trainings bestehen im Allgemeinen aus drei bis sechs Übungen, die hintereinander durchgeführt werden und das Ganze dann drei- bis fünfmal wiederholt wird. Eine Trainingseinheit dauert so etwa 15 bis 45 Minuten und entspricht einem Trainingstag, wobei natürlich so viel trainiert werden kann wie man möchte.

Ich beginne mit Aphrodite, vielleicht wird das ja mein Workout zum Verlieben. Hat man sich für ein Workout entschieden, kann man noch einmal zwischen verschiedenen Trainingsarten wählen, entweder als Standard, auf Ausdauer oder Kraft ausgelegt. Standard zum Anfang, ganz klar.

Aphrodite fordert von mir 50 Burpees, 50 Squats und 50 Sit-ups bei der ersten Wiederholung. Und schon war ich dem Aufgeben nahe. 50 Burpees, das heißt 50 Mal aus der Liegestützposition in den Hochstrecksprung – wie es mir eine hübsche, natürlich durchtrainierte Frau in einem kurzen Clip noch einmal vormacht. Schon allein beim Sehen der Zahl war mir klar, dass ich das nicht schaffen werde. Egal, ich fing an zu zählen und siehe da: Eins, Zwei, Drei … Fünfzig. Aus irgendeinem Grund habe ich diese für mich eigentlich so unmögliche Anzahl gemeistert. Fehlen nur noch die Squats und Sit-ups und dann noch vier weitere Wiederholungen. Am Ende habe ich es also tatsächlich geschafft, alle drei Übungen satte 150 Mal zu wiederholen.

Und warum? Weil mir die ganzen Traumkörper-Selfies und Bestzeiten der Community im Gedächtnis geblieben waren und meine Trainingszeit in der App vor sich hin tickt. Aphrodite bescherte mir 500 Punkte. Und schon bin ich drin, im Wettkampf um die meisten Punkte, das höchste Level, die beste Zeit.

Ich war richtig ausgepowert und das vom allerersten Freeletics-Workout mit dem süßen Namen Aphrodite. Unglaublich, wie effektiv eine Handy-App sein kann. Ich war begeistert und fühlte mich fabelhaft. In den nächsten Tagen standen dann Zeus und Co. auf dem Plan und da waren sie: Die wirklichen Hürden, vor die mich die App stellte.

Natürlich habe ich beim Registrieren für die App angegeben, dass ich weiblich bin. Sollte ich tatsächlich in der Lage sein, für meinen Freund Zeus ganze 20 Klimmzüge oder 10 Liegestütze in Handstandposition (!) durchzuführen? Ich improvisierte. Die Klimmzüge werden mit aufgesetzten Füßen nur halb so schwer, die Liegestütze einhändig oder auf Fäusten durchgeführt – auch das ist anstrengend – und ich wiederholte die Trainingsabfolge samt normaler Liegestütze, Sit-ups und Squats viermal, denn „Aufgeben ist keine Option“. Die Muskeln brennen, die Lunge pumpt und das Öffnen der Wasserflasche scheint unmöglich.

Alternativen zu Freeletics

Die Idee, das funktionale Training aufs Mobiltelefon zu bringen, ist nichts Neues auf dem Software-Markt. Apps wie Sworkit von Nexercise, NTC Nike+ Training Club oder Bodyweight von Virtual Trainer trainieren Sie auf eine ähnliche Art und Weise, stellen Ihnen kostenfrei Übungen und komplette Workouts zusammen, messen Ihre Zeit und erteilen Ihnen Punkte für jede Trainings-Session. Und das ganz ohne auf ein Fitnessstudio angewiesen zu sein. Anders als bei der Freeletics-App, verfügen die Workouts hier allerdings über Namen, die man schon beim Lesen deuten kann.

Fazit

Die App ist eine nette Inspiration, um intensive Workouts zu finden. Allerdings sind einige der wirklich sehr harten Übungen, die eben nicht auf den individuellen Trainingsstand, die Kraft und die körperliche Verfassung ausgelegt sind, beinahe unmöglich und könnten vor allem Untrainierte daher sehr schnell abschrecken. Hier ist eindeutig Kreativität gefragt, um sich die Übungen zwar ähnlich schwierig aber wenigstens machbar zu gestalten. Anders sieht es aus, wenn man sich den Freeletics-Coach gönnt, der einem jeden Tag und das 15 Wochen lang einen persönlichen Trainings- und Ernährungsplan bereitstellt.

Ebenso nicht sonderlich praktisch ist, dass man während des Workouts auf dem Telefon zur nächsten Übungen schalten muss, um das Workout beenden und die Zeit stoppen zu können. Das ist nicht nur umständlich, sondern gestaltet sich mit schwitzigen Fingern auf einem Touchscreen auch sehr schwierig.

Was mich bei meinem Selbsttest allerdings wirklich verwunderte, war, dass ich beinahe schon eine Sucht entwickelte, ich mich täglich verpflichtet fühlte, Punkte zu sammeln, das Workout bis zum Schluss durchzuziehen. Mir fiel es fast schwer, die für meinen Körper nötigen Ruhephasen einzuhalten, keine Hampelmänner zu hüpfen und nicht unendlich Squats durchzuführen. Irgendwann irritieren einen auch die anfänglich als besonders hoch empfundenen Wiederholungszahlen nicht mehr. Man will es einfach durchhalten und auf dem nächsten Transformationsbild erneut eine positive Veränderung wahrnehmen, das Sixpack wachsen sehen. Freeletics wurde – so abgedroschen es auch klingt – vom Sport zur Lebenseinstellung. Die App erfüllt also zweifelsohne ihren Zweck und ist, hat man sich erst einmal an sie gewöhnt, ein Erfolgsgarant für Hartgesottene.

Sehen Sie sich den Freeletics-Selbsttest unserer Redakteurin sowie einige wichtige Übungen der Trainingsmethode in unserer Fotoshow an.

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