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Aufruhr bei Gucci: Chefdesignerin Frida Giannini und CEO Patrizio di Marco verlassen das Luxuslabel

am 16.12.2014 um 15:31 Uhr

Das war wohl die Überraschung der Woche: Das italienische Traditionshaus Gucci sorgt pünktlich zum neuen Jahr für einen ordentlichen Tapetenwechsel und trennte sich vom Traumpaar und langjährigem Aushängeschild Frida Giannini und Patrizio di Marco! Der französische Gucci-Mutterkonzern Kering teilte mit, dass der zurücktretende di Marco, nach mehr als 13 Jahren für Kering, noch dieses Jahr von Marco Bizzarri abgelöst werden wird. Der ‚Neue‘ leitet bereits seit April des Jahres die Kering-Sparte ‚Luxus – Couture und Lederwaren‘. Noch-Kreativdirektorin Frida Giannini wird sich nach der Präsentation der kommenden Damenkollektion Herbst-Winter 2015/16, nach ebenfalls 12 Jahren im Schoße Kerings, verabschieden müssen. Wer ihr nachfolgt, ist noch unklar, obwohl die Gerüchteküche schon ordentlich am Brodeln ist. Erfahren Sie hier und in unserer Bildergalerie alle News und Fakten zu dem wohl nicht ganz so freiwilligen Spitzenwechsel beim hochkarätigen Luxuslabel Gucci.

Was ist da los beim Globalplayer Kering? Innerhalb des einflussreichen, französischen Großkonzerns gab es in jüngster Zeit nämlich auffallend viele Personalwechsel. Erst im Oktober des Jahres war der CEO-Posten bei Bottega Veneta neu besetzt worden: Marco Bizzarri, der Name dürfte Ihnen nun schon bekannt sein, übergab die Stelle zum Januar 2015 an Carlo Beretta. Auch der CEO bei Christopher Kane wurde neu besetzt: Auf Alexandre de Brettes folgte Sarah Crook. Nun im Nachhinein scheint der Wandel bei Veneta wie ein kleines Vorzeichen. Dass Bizzarri aber zu Gucci wechseln würde, hatte wohl niemand für möglich gehalten.

Das berühmte Mode-Paar verabschiedet sich

Sie waren wohl dieBrangelinader Modewelt: Das überstylische Power-Duo, das gemeinsam eines der berühmtesten Labels der Fashion-Industrie leitete und seit nahezu einem Jahrzehnt das Rückgrat des italienischen Traditionsunternehmens Gucci gebildet hatte. Nun ist diese Ära vorbei. In einem spektakulären und unvorhersehbaren Kurswechsel sind nun sowohl Giannini als auch di Marco ihren prestigeträchtigen Job los. Auch, wenn von offizieller Seite lediglich von ‚Rücktritt‘ gesprochen wird, ist doch eines ziemlich klar: Zurückgehende Verkäufe, stagnierende Zahlen und nur lauwarme, wenig euphorische, Rezensionen der letzten Prêt-à-porter-Kollektion hatten wohl für das Ende der Giannini/di-Marco-Liebesherrschaft gesorgt. Dabei hatte alles so filmreif begonnen: 2006 trat Giannini die Stelle als Creative Director von Gucci an, nachdem sie bereits seit 2002 bei Fendi gearbeitet hatte. Bei Gucci fand die heute 42-Jährige ihre große Liebe: Di Marco lernte sie kennen, als dieser im Jahre 2008 Teil der Gucci-Familie wurde. Aus der romantischen Beziehung wurde schnell Ernst, mittlerweile haben die Beiden eine gemeinsame Tochter namens Greta.

Die Branche im Umschwung?

Auffällig ist, dass der überraschende Wechsel bei Gucci eine beginnende Veränderung in der gesamten Modebranche zu reflektieren scheint. Mit dem Umbau an der Gucci-Spitze solle laut einer Kering-Sprecherin „der Marke neuer Schwung gegeben und ihre Weiterentwicklung beschleunigt werden. Für Gucci ist der Moment gekommen, in eine neue Phase der Entwicklung zu treten.“
„Ich habe sehr gerne mit Patrizio zusammengearbeitet”, kommentierte hingegen Kering-CEO François-Henri Pinault di Marcos Weggang, zu Giannini sagte er: „Ich möchte Frida für ihre außergewöhnliche Leidenschaft, ihr Engagement und ihren Beitrag danken. Sie war für knapp ein Jahrzehnt die einzige Kreativchefin von Gucci. Das ist eine bemerkenswerte Leistung, in Anbetracht der großen und breiten Verantwortung, die sie über eine so lange Zeit hatte.“ Wer mit dem Smarttalk und den Floskeln der Branche vertraut ist, weiß diese Zeilen jedoch richtig zu interpretieren: Die so bemerkenswerten Leistungen waren unterm Strich nicht genug, die Verkäufe im Vergleich zu anderen Luxuskonkurrenten zu gering und demnach musste ein optimierender Kurswechsel her.

Denn auch andere, etablierte und renommierte Traditionshäuser im Luxussegment scheinen in der unbeständigen, sich immer schneller drehenden Modewelt Adaptionsschwierigkeiten zu haben, während kleinere, junge, weniger ‚glamouröse‘ und doch ‚exklusiver‘ erscheinende Marken auf dem stetigen Vormarsch sind. Die Tageszeitung The Telegraph sprach im Zusammenhang mit dem Spitzenwechsel sogar davon, dass es durchaus möglich sei, dass Gucci zum Opfer des eigenen Erfolgs wurde: Ist man eine höchst exklusive, kleine Nischen-Marke, reißt sich jedermann um das Produkt, ist man aber der große Player, dann kompromittiert man mit dem Vielverkauft den eigentlichen Gedanken, der hinter dem Begriff ‚Luxus‘ steckt. Exklusivität für die Masse? Ein Paradox an sich.

Ein Ausblick: Wohin geht die Reise?

Böse Zungen behaupteten stets, dass sich Gucci niemals vom Weggang des kreativen Genies und Mastermind Tom Ford im Jahre 2002 erholt habe. Ford hatte damals das sinkende Schiff wieder auf Kurs gebracht, revolutioniert und nach einer langen Durststrecke zu internationalem Glamour und Ruhm geführt. Als Ford dann plötzlich seinen Fortgang verkündete, war die Kering-Chefetage geschockt, besetzte den Posten zunächst notdürftig mit Alessandra Facchinetti und holte dann auch bald schon Giannini aus dem Accessoires-Departments an die Leitungsposition.

Trotz zahlreicher, vor allem finanzieller, Erfolge Frida Gianninis – man denke hier nur an die Renaissance des von Grace Kelly inspirierten „Flora“-Prints – wurde die Italienerin zunehmend kritisiert, ihre Kollektionen seien zu referentiell, rückblickend und wenig innovativ. Die New York Times nannte die letzte Gucci-Kollektion eine „Melange“; die bekannte Moderedakteurin Nicole Phelps statierte, dass, während sich Giannini von einem Retro-Einfluss zum anderen bewege, man völlig vergessen habe, wofür die eigentliche Marke Gucci überhaupt stehe.

Folgt man diesem Gedankenanstoß, wird das Benennen eines Gucci-Signature-Looks tatsächlich schwierig: Von 1920er-Jahre Art-déco-Anleihen in der einen Saison, romantisch-lyrischen Arthur-Rimbaud- und Paul-Marie-Verlaine-Referenzen in der nächsten, einem von Marella Agnelli inspirierten, aristokratischen Purismus bis hin zum kürzlich gesehenen 70er-Jahre-Luxus-Hippietum: Gucci sieht derzeit nach Allem aus – oder folglich nach Nichts.

Auf die Frage, wie es denn nun mit dem Label weitergeht, gibt es noch keine Antwort – vor allem, da die Nachfolge für den Posten des Creative Directors noch aussteht. Die Gerüchteküche des Modezirkus’ brodelt jedoch schon auf Hochtouren: Riccardo Tisci von Givenchy, Christopher Kane oder sogar Phoebe Philo von Céline sind hochkarätige Namen, die bereits des Öfteren gefallen sind. Es bleibt also weiterhin interessant und man darf vor allem gespannt sein, ob Giannini mit ihrer letzen Gucci-Kollektion noch ein persönliches Statement setzen wird.

Impressionen zum überraschenden Fortgang von Frida Giannini und Patrizio di Marco finden Sie hier in unserer Bildergalerie.

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