Poträt

Im desired.de-Close-up: Karla Otto, die PR-Königin mit dem untrüglichen Bauchgefühl

am 22.01.2015 um 18:04 Uhr

Kennen Sie Jil Sander oder Miuccia Prada? Wie steht es mit Jean Paul Gaultier? Ja, mit großer Wahrscheinlichkeit kennen Sie nicht nur diese Namen, sondern, sollten Sie nur eine leichte Affinität zu Mode besitzen, gleich auch die Signature-Looks der Labels, die sich hinter den Designernamen verbergen. Wie sieht es aus mit Karla Otto? Karla – wer?, fragen Sie jetzt. Schade, denn ohne diese Frau würde der internationale Modebetrieb heute ganz anders aussehen. Trotzdem hält sich die gebürtige Deutsche bereits seit Jahrzehnten im Hintergrund. Schlagzeilen oder Regenbogenpresse? Fehlanzeige. Dabei kann man sie, ohne Übertreibung, als eine der wichtigsten PR-Managerinnen der gesamten Modeindustrie bezeichnen, die die steilen Karrieren von u.a. Jil Sander, Miuccia Prada und auch Céline maßgeblich mitgeformt hat. Ihre Agentur „Karla Otto“ verfügt mittlerweile über sieben globale Standorte, hat 230 Mitarbeiter und den Ruf, dass alles, was Frau Otto berührt, zu Gold wird. Erfahren Sie hier und in unserer Bildergalerie alles über eine der einflussreichsten Frauen des Mode-Business.

Sie ist vielleicht der größte Exportschlager Deutschlands: Die gebürtige Bonnerin hat sich ein wahres Mode-Imperium aufgebaut, gilt als selbstbestimmter Workaholic, ist unabhängig, ehrgeizig und schlug auch bereits schon das eine oder andere verlockende Angebot zum Aufkauf ihrer Agentur entschieden aus. Heute delegiert sie ihr PR-Reich, welches Standorte in London, Paris, New York, Los Angeles, Mailand, Hong Kong und Beijing umfasst, am liebsten vom Modemekka New York aus. Aber wie es immer so ist, mit den großen Erfolgsgeschichten, war auch Karla Ottos Einstieg in die Branche müßig.

Karla Ottos Anfänge: Von Fernweh und Abenteuerlust

Nach ihrem Abitur im Jahre 1973 entschied sich die junge Karla Otto dafür, eine ausgedehnte Weltreise zu machen: Ganz klassisch mit Rucksack und Fernweh im Herzen, pilgerte sie alleine durch Europa nach Asien über Persien, Afghanistan, Indien und Nepal bis nach Japan, wo sie sich auch erst einmal niederließ. Ein Jahr zuvor hatte sie nämlich in München, während der Olympischen Spielen, die japanische Avantgarde-Theatergruppe „Tenjo Sajiki“ kennengelernt und sich in die Kultur und Sprache des Landes verliebt.

Karla war begeistert von Tokio, zog zur Theatergruppe und entschied sich, Japanologie zu studieren. Um sich das Studium zu finanzieren, beschloss sie nebenbei mit dem Modeln anzufangen. Die zierliche, schlanke Brünette fand schnell Zugang zu einer neuen, exotischen Welt. Heute sagt sie, das Modeln sei ihre Eintrittskarte in die Welt der Mode gewesen.

Das war damals noch eine kleine, exklusive & unbekannte Welt, in der es viel zu entdecken gab. Nämlich wirklich zu entdecken! Die Fotografie, die Designer, die Mode und Modezeitschriften, das fand ich alles sehr faszinierend.

So beschrieb Karla Otto ihre Anfänge im Interview mit dem Online-Magazin Der Standard. Schnell wurde aus dem Nebenjob ihr Hauptberuf und ihre Agentur schickte sie zurück nach Europa, nach Mailand, um genau zu sein. Dort fügte sich ihr Schicksal und lenkte ihre berufliche Karriere in eine neue Richtung: In einem Mailänder Restaurant lernte das deutsche Model ganz zufällig Elio Fiorucci kennen. Dieser, gerade einmal 22 Jahre alt und damit im selben Alter wie die junge Karla, hatte gerade das florierende Familienimperium übernommen und war voller Tatendrang.

Fiorucci – auch dieser Name sagt einem heute noch kaum etwas, in den siebziger Jahren aber war Fiorucci eine global erfolgreiche, moderne Topmarke, die sich auf die Jugendkultur spezialisiert hatte und mit zerfransten Jeans und grellen T-Shirts zeitgeistige Street-Fashion produzierte. Das Logo, zwei propere Engel mit einem jeweils blonden und schwarzen Schopf sowie knalligen Sonnenbrillen, dazu der pinke Schriftzug „Fiorucci”, wurde zum Pop-Art-Ausdruck einer ganzen Generation – und war übrigens auch der erste internationale Trend, den Karla Otto mit inszeniert hatte.

Erste Schritte in die Unabhängigkeit

Elio Fiorucci fragte Karla Otto noch während des ersten gemeinsamen Essens, ob sie Lust hätte, die PR der Marke zu übernehmen. Sie sagte ja, obwohl sie damals, wie sie heute zugibt, nicht einmal genau wusste, was PR überhaupt war. Bei Fiorucci lernte sie die Grundzüge des Handwerkes und vor allem, dass es bei Trends innerhalb der Modeindustrie des Öfteren nicht nach Plan verläuft, sondern man eben einfach seiner Intuition vertrauen lernen muss. Nach den ersten, großen Erfolgen bei Fiorucci entschied Karla, dass es nun an der Zeit sei, den Schritt ins Ungewisse zu wagen und ihre eigene PR-Firma zu eröffnen.

1982 bezog sie ihr erstes, eigenes Büro in Mailand: Zu ihren ersten Kunden gehörten Bobo Kaminski und der heute international anerkannte Jean-Paul Gaultier. Diesem war sie kurz zuvor, während der Pariser Modewoche, begegnet und hatte sich auf Anhieb mit dem Designer verstanden. So beauftragte Gaultier die junge Otto, sich um die Pressearbeit für den italienischen Markt zu kümmern: Bis dato mussten die Fashion-Redakteure stets zum Atelier des Künstlers pilgern, um sich die Kollektion ansehen zu können, nun konnte die Mailänder Presse Gaultiers Entwürfe direkt in Ottos Büro bewundern.

Auf dem Weg nach ganz Oben: Jil Sander und Miuccia Prada

Mit Jean Paul Gaultier als Kunden, bewies Karlo Otto, dass sie ein goldenes Händchen und das richtige Feingefühl für die launenhafte PR-Arbeit hatte: Sie bestimmte über die Entwürfe der Kollektion, entschied, welche Mode- und Editorial-Produktionen mit den Pieces shooten duften und hatte so die Kontrolle über die Ästhetik der Marke in ihren Händen.

Dann geschah das Wunder: Jil Sander, das damals schon berühmte Hamburger Modehaus unter der Leitung von Chefdesignerin Jil Sander, rief Karla an und zeigte Interesse an der Arbeit der Bonnerin. Euphorisch flog die junge Karla nach Hamburg und landete den Deal: „Das war schon toll“, sagte sie dazu im Interview mit der Süddeutschen Zeitung, „dass Jil den Mut dazu hatte und mir vertraute. Vor allem, weil wir am Anfang nicht immer einer Meinung waren. In Deutschland war Jil Sander zwar sehr bekannt, aber international kannte man nur die Marke als Marke.

Keiner wusste genau, was Jil Sander ist, weil sie nie eine Show machte. Jil war absolut gegen Shows. Aber auch wenn bis heute alle versuchen, eine Alternative zur Modenschau zu erfinden: Wenn du keine Show machst, bist du einfach nicht präsent. Egal wie gut deine Sachen sind. Niemand interessiert sich für dich!“

Glücklicherweise überzeugte Karla Otto die als eigen geltende Sander davon, eine Modeschau in Mailand zu machen. Dafür suchte die Perfektionistin lange nach einer geeigneten Location, bis sie sich endlich zufrieden gab: Sie entschied sich für den Palazzo delle Stelline. In diesem historischen Ort, einem früheren Kloster, in dem Leonardo da Vinci sogar das ikonische „Letzte Abendmahl“ schuf, hatte zuvor Andy Warhol seine letzte Ausstellung gehalten. Der Ort war perfekt und die sorgsam inszenierte Modeshow wurde ein durchschlagender Erfolg, für beide Seiten. Die Hamburger Marke Jil Sander wurde über Nacht zu einem internationalen Star der Fashionindustrie und Sander und Otto verband fortan eine besondere Verbindung: Alle weltweiten Konzepte für Boutiquen, Anzeigekampagnen und Werbung wurden seitdem gemeinsam entworfen.

Karla Ottos erster internationaler Coup war zugleich eine Art Ritterschlag: 1989 wurde sie die weltweite und langjährige PR-Managerin von Miuccia Prada.

Ich liebte Miuccias Ästhetik, die Qualität der Taschen und das Prestige dieses Labels. Ich fand es auch sehr reizvoll, dass Prada im Ausland noch relativ unbekannt und nur etwas für Insider war. Es war also das beste Label für eine ordentliche PR-Strategie: ein Produkt, das man selbst liebt und zu dessen Ästhetik man eine Affinität hat – so etwas ist ein Traum

,erklärte Karla Otto der Journalistin Jina Khayer ihre Liebe zu Pradas Vision. Otto war es auch, die Signoria Prada überzeugte, den wichtigen Schritt in Richtung Amerika zu wagen und organisierte erstmals zusätzlich eine Fashion-Show in New York. Auch diese wurde ein internationaler Erfolg und sorgte erst dafür, den globalen Erfolg von Prada und Miu Miu vorzubereiten.

Zwischen Otto und den Pradas entstand eine enge Freundschaft, die auf gegenseitigem Respekt basierte, bis Patrizio Bertelli, Miuccia Pradas Mann, Karla ein verlockendes und latent unmoralisches Angebot unterbreitete. Der Geschäftsmann hatte zuvor andere Erfolgslabels wie Jil Sander, Fendi, Church und Helmut Lang aufgekauft und wollte nun, ein Luxuskonglomerat à la Gucci Group vor Augen, die PR-Agentur von Karla Otto ebenfalls aufkaufen. Die deutsche Geschäftsfrau lehnte jedoch ab – zu viel hatte sie bereits in ihren eigenen Traum investiert, ihre Unabhängigkeit war ihr wichtiger als das Geld. Die Pradas waren enttäuscht, die Zusammenarbeit und Freundschaft endete abrupt.

Karla Otto: Die Markenmacherin auf dem Zenit ihrer Karriere

Geschadet hat Karla Otto die Entscheidung, ihre Firma nicht zu verkaufen, nicht. Bereut habe sie die Entscheidung auch niemals, wie sie selbst sagt: „Ich bin sehr froh darüber, wie sich meine Firma entwickelt hat und dass ich mit so großen Talenten zusammenarbeiten kann. Ich habe mich für meine Eigenständigkeit entschieden. Das habe ich nicht bereut.“

Dieses Jahr feierte das PR-Imperium von Karla Otto das Dreißig-jährige-Bestehen, eine beeindruckende Zahl. Beeindruckend ist auch, dass ihr immer noch 100 Prozent der Firma gehören, sie völlig selbstständig und unabhängig agiert und mittlerweile eine unglaubliche Liste an Kunden vorweisen kann: Von Roberto Cavalli, Alberta Ferretti, Pucci, Fendi, Christian Dior Couture, Dior Homme by Hedi Slimane, Emilio Pucci, Hussein Chalayan, Jean-Paul Gaultier, Jil Sander, Lagerfeld Homme bis hin zu Marni, Nike, Sigerson Morrison und Viktor & Rolf platzt die Liste nahezu vor hochkarätigen Namen.

Karla Otto ganz privat?

Über das eigentliche Privatleben der deutschen PR-Königin weiß man erstaunlich wenig, sie hält sich eben gerne im Hintergrund. 1991 war ein ganz besonderes Jahr für sie: Die Geburt ihres Sohnes Charles veränderte ihr Leben. Sesshaft wurde sie deshalb trotzdem nicht. Wie gerne und wie viel sie tatsächlich reist, kann man sehr gut an ihrem Instagram-Account nachvollziehen, den sie persönlich betreut. Im Interview mit der Plattform AnotherMag sage Otto, sie sei sogar ein regelrechter Instagram-Fan: „Ich persönlich liebe es, denn das Medium hat die unmittelbare Kraft der rein visuellen Kommunikation. Social Media hat sogar einen immensen Einfluss auf die Natur unserer Arbeit und ich glaube, es kann ein guter Weg sein, eine neue Marke zu promoten!“ Ihr Arbeitscredo und ihre Lebensmotivation sprechen für sich selbst:

„Was mich antreibt, ist die genuine Faszination gegenüber allem, das unerwartet und überraschend passiert. Mit all diesen kreativen Köpfen Seite an Seite zu arbeiten, sie zu unterstützen, zu beobachten, wie ihre Ideen sich in reale Kollektionen verwandeln, das inspiriert und motiviert mich zutiefst.“

Darum liebt desired.de Karla Otto:

Karla Otto ist im wahrsten Sinne des Wortes das, was man eine Selfmade-Woman nennt: Obwohl die damals junge Frau aus guten Familienverhältnissen sich spielend leicht für einen gesicherten, vorgezeichneten Lebensweg hätte entscheiden können, wählte sie mutig die Fremde. Sie traute sich, ihrer Intuition zu vertrauen und an sich selbst zu glauben. Gerade in einer männerdominierten PR-Welt, ist sie ein Symbol für Emanzipation, Selbstbestimmtheit und Unabhängigkeit.

Trotz jahrzehntelanger Arbeit in der Modeindustrie hat sie außerdem ihre Lust am Spiel mit dem Design nicht verloren und lässt sich weiterhin gerne überraschen. Wir hoffen, dass dank ihrer ausgeklügelten PR-Strategien noch weitere, tolle Marken wie Proenza Schouler, Hussein Chalayan oder Viktor & Rolf entdeckt und gefördert werden.

Impressionen zu Karla Otto und ihrer erfolgreichen PR-Agentur, finden Sie hier in unserer Bildergalerie.

Kommentare


Luxus: Mehr Artikel