Kolumne

Eine kleine Retrospektive: Drei Ratschläge an mein 16-jähriges Ich

am 07.05.2015 um 17:06 Uhr

Wenn wir heute an unsere Teenager-Zeit zurückdenken, tun wir das nicht selten mit Wehmut: Wie schön es doch war, als uns noch alle Möglichkeiten offen standen und die weite Welt, mit veni, vidi, vici im Herzen, zum Erobern bereit auf uns wartete. Dabei vergessen wir meist, dass die Dame Zeit gerne weichzeichnet, beschönigt und vor allem emotionale Wogen einfach so fort glättet: Damals, in der Situation selbst, erschien uns auch nicht alles kinderleicht, sondern ganz im Gegenteil, kompliziert und dramatisch. Könnte man sich heute auf eine Zeitreise in die Vergangenheit begeben, würde ich meinem 16-jährigen Ich nur allzu gerne ein paar Ratschläge mit auf den Weg geben, die mich vielleicht vor so mancher Fehlentscheidung bewahrt hätten. Was würden Sie Ihrem früheren Ich gerne sagen? Erfahren Sie alles weitere hier und in unserer Bildergalerie .

Nein, noch wurde keine magische Zeitmaschine erfunden, die mich in den direkten Kontakt zu meinem 16-jährigen Ich treten lässt und von psychoanalytischen Rollenspielen halte ich auch nicht viel. Trotzdem kann ich mich des Gefühls nicht erwehren, dass ich meinem frechen, schlagfertigen und innerlich doch irgendwie tief verunsicherten Teenie-Ich noch so einiges zu sagen hätte. So wage ich eine ungewöhnliche Retrospektive: Wenn ich könnte, was würde ich sagen?

Akzeptiere dich so wie du bist!

Warum klingt das so plump und blöd, ist aber tatsächlich der Schlüssel zur individuellen Zufriedenheit? Wieso haben junge Menschen stets die Tendenz, sich selbst und ihren Körper abzulehnen? Wieso werden Vergleiche mit unnahbaren Schein-Idolen, kranken Schönheitsidealen und leeren Konsum-Versprechungen zum Sinnbild für eine gestörte Identität und das angefressene Selbstwertgefühl einer ganzen Generation? Ein Grund liegt sicherlich in der omnipräsenten Vergleichssucht: Soziale Kanäle schwemmen über mit Verheißungen vom perfekten Körper, vom perfekten Gesicht, vom perfekten Leben.

Aber auch vor fünfzehn, vor dreißig Jahren war man doch schon body conscious, könnte man entgegnen, schielte man in der Umkleidekabine zur Freundin mit den schmalen Hüften und schob anschließend Frust. Stieß nicht schon Twiggy vor fünfzig Jahren ein fragwürdiges Schönheitsideal an, das sich seitdem, wenn auch in Fluktuationen, hartnäckig hält?

Vielleicht liegt dieses ‚Sich-Messen-Wollen‘ eben doch verstärkt in der Natur der Adoleszenz: Man sucht seinen Platz, man will seine Stärken finden und seine Schwächen ausloten. Dass sich dieser Fokus nun immer ausschließlicher in Richtung Äußerlichkeit und BMI verschiebt, macht die Suche eines jungen Menschen nach sich selbst bestimmt nicht leichter, ganz im Gegenteil. Der Körper-Fokus verschiebt junge Ambitionen, er lullt ein. Ein neues Generationenproblem? Oder ein altes Lied?

Was ich mir selbst gerne geraten hätte? Vor allem dieses: Ein Vergleich mit anderen ist der Räuber allen Glücks. Willst du an dir wachsen, dich entwickeln, dich finden? Dann schaue nicht auf deine Umwelt und schon gar nicht auf deinen Instagram-Feed. Vergleiche und messe dich nur an dir selbst.

Ob du es glaubst oder nicht: Blut IST dicker als Wasser

Genervt sein als absoluter Dauerzustand: Die eigene Familie schien unerträglich, von unmöglich bis peinlich. Nein, das konnten nicht die gottgegebenen Eltern sein, man müsse bei der Geburt vertauscht worden sein. Auch ich bin durch eine schwere, rebellische Phase gegangen, die vor allem daraus bestand, alles Bekannte abzustoßen und generell die Ansichten meiner Eltern nicht nur abzulehnen, sondern ironisch umzukehren. Traditionen? Doof! Regeln? Doof! Pflichtbewusstsein? Nervig! Welcher Teenager lässt sich schon gerne etwas vorschreiben: Auch hier liegt die Natur des Erwachsenwerdens. Eine Balance zu finden zwischen ‚Wurzeln akzeptieren‘ und ‚sich befreien‘, das ist die Kunst einer glücklichen Adoleszenz.

Was man im Laufe der Zeit aber tatsächlich begreift: Ja, Blut ist dicker als Wasser. Denn Hand aufs Herz, mit wie vielen der übercoolen Teenage-Rowdies und ewigen BFF’s hat man nach zehn, zwanzig Jahren noch Kontakt? Ich kann meine Freunde aus der Jungendzeit an einer Hand abzählen. Meine Familie hingegen hat sich als ein echter Fallschirm in Krisenzeiten herauskristallisiert. Nicht perfekt, nicht immer so, wie man es will, aber immer da.

Mein zweiter Ratschlag ist demzufolge nur ein halber: Reibungen zulassen und daraus lernen! Wilde Familien-Zeiten durchleben, wenn es sein muss, und daran zusammenwachsen.

Nein, 30 ist nicht das Ende des Lebens

Mit 16 Jahren dachte ich wirklich und ernsthaft, dass das Leben ab Mitte Zwanzig vorbei ist. Altersschwäche, Stillstand, Langeweile, aus die Maus. Es ist nicht diese bedrohliche unangenehme Schweißattacke, die mich nun beim Gedanken an die nahende 30 ereilt, sondern äußerte sich damals eher in einem absoluten und grenzenlosen Unverständnis. Die Zahlen jenseits der Zwanzig schienen einfach so absurd und weit entfernt, als würden sie exklusiv in einem anderen Universum existieren und mit meinem individuellen Schicksal per se nichts zu tun haben. Man/Ich dachte wirklich, ich bleibe für immer so, fühlte mich aber paradoxerweise schon viel erwachsener und vor allem reifer als alle Gleichaltrigen um mich herum. Ständig empfand ich den Drang kund zu tun, wie reif ich doch für mein Alter sei, praktisch schon erwachsen, aber eben nicht alt. Alt, das kam für mich nicht in Frage, alt, das war ja meine Mutter.

Lass dir gesagt sein, mein liebes 16-jähriges Ich: Erstens! Das Leben hört nicht jenseits der Zwanzig einfach so auf. Man wird in kein schwarzes Loch gesogen und verpufft, man lebt einfach weiter – und plötzlich ist man da, Mitten in den Zwanzigern. Also genieße deine jungen Jahre, sei unbeschwert und versuche dich vor allem nicht reifer zu machen als du bist. Lass dir die Zeit, die dir ohnehin davonläuft, nur dass du es noch nicht bemerkst.
Und zweitens: Erwachsen werden und alt werden – auch wenn du das nicht hören willst, geht graduell Hand in Hand. Denn das, was du als pubertäre Reife und Erwachsensein empfunden hast, war nichts weiter als jugendlicher Übermut und nur ein Schimmer dessen, was noch auf dich zu kommt. Erwachsen werden dauert lange, sehr lange, und ich bin mir nicht einmal sicher, ob dieser Prozess jemals ganz abgeschlossen sein kann.

In diesem Sinne, du schaffst das schon! Liebe Grüße, dein 27-jähriges Ich.

Impressionen zur guten, alten Teenager-Zeit finden Sie nun hier in unserer Bildergalerie.

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