Lena Dunham – Die Sache mit dem Anti-It-Girl-Dasein

am 10.02.2013 um 12:10 Uhr

Ihre Attitüde war von Anfang an klar anderes, ihr Auftreten unbemüht. Während sich andere abstrampeln, um den Vorstellungen der Hollywood-Maschinerie zu entsprechen, antwortet Lena Dunham mit Desinteresse an gängigen Beauty-Normen und fast komödiantischer Selbstreflexion. Mit der Serie GIRLS, in der sie nicht nur die Hauptfigur Hannah verkörpert, sondern auch Regie führt und Drehbuch schreibt, gelang der 25-jährigen New Yorkerin der internationale Durchbruch. Mittlerweile ist sie auf dem besten Weg eine der interessantesten Frauen Hollywoods zu werden und den Beginn einer neuen Ideologie auszurufen – die des Anti-It-Girls.

Die Stimme einer ganzen Generation

Hannahs und auch damit Dunhams Identifikationspotential richtet sich an eine besondere Gruppe: Mittelständige Frauen in ihren Mittzwanzigern auf dem Weg in die erste Unabhängigkeit. Wer die Serie GIRLS verfolgt, weiß auch, wieso das mit dem Identifizieren so hervorragend funktioniert: Es sind all diese Situationen, in denen man sich ertappt vorkommt oder endlich verstanden. Es sind diese Momente, in denen man Hannah hadern sieht: Das Praktikum im Kunstbetrieb ist – natürlich – unbezahlt, die Eltern drehen – wie erwartet – den Geldhahn zu, man schläft mit diesem Typen – in den man total verliebt ist – aber irgendwie liebt er nicht so richtig zurück und hat außerdem einen leichten, möglicherweise psychotischen Knall. Und dann kommt man auch noch nicht so richtig vorwärts mit der Selbstverwirklichung in der postrezessiven Großstadt. Und gerade die wird ja erwartet, von der neuen Generation Frau. Sie will kreativ sein, hadert aber mit den Zwängen der Kreativgesellschaft, jobbt nebenher und beruhigt sich, das ist doch nur temporär.

Die irrsinnige Ambivalenz

Und dann schaut sie in den Spiegel und sieht: Durchschnittlichkeit. Eigentlich weiß sie, man ist so viel mehr als dieser Widerschein. Und trotzdem hadert sie, die moderne, reflektierte, junge Frau. Obwohl sie es besser wissen müsste, sitzt dort diese fiese Ambivalenz in ihrer Brust und sät Frust. Sie weiß ja um den Schein, man setzt sich doch auch auseinander mit dieser Welt und trotzdem ist man genervt, verunsichert, unzufrieden.  Frustriert von den oberflächlichen Kleinigkeiten, wie den fünf Kilo zu viel, den zu kleinen Brüsten, den zu großen Oberschenkeln.

Hannahs Charakter in GIRLS ist eine perfekte Abziehfolie dieser irrsinnigen Ambivalenz. Aussehen ist nicht alles, das hat sie schon ganz früh gelernt und außerdem liebt sie Pizza – aber wenn niemand hinsieht, hampelt sie zu Youtube-Aerobic-Videos in ihrem Schlafzimmer herum. Und wer kennt das nicht? Vor anderen vehement zu behaupten, man kümmere sich nicht um irgendwelche Ideale ist eine Sache, es sich selbst auch klar zu machen eine ganz andere. Trotzdem schafft es Lena Dunham mit ihrer Figur herrlich selbstzweifelsfrei zu agieren. Nacktheit scheint, weder der Serienfigur Hannah, noch Dunham selbst, etwas auszumachen – und damit kreieren die beiden Frauen eine ganz neue Realität. Eine Realität des Durchschnittskörpers, die sich der tatsächlichen annähert.

Die Klamotte als Verstärkungsinstrument

Auch Mode spielt in GIRLS eine größere Rolle, als man denkt. Nicht selten greift Hannah nach dem Shirt, der Farbe, dem Schnitt, der ihr am allerwenigsten steht und sich den Zuschauer fragen lässt: What? Sie beantwortet es für sich selbst: So what! Neongelbes Mesh-Shirt ohne BH, orangener Nylon-Hoodie, der gefährlich nach Schlafsack aussieht, Hotpants, Plissee-Röcke, unvorteilhaftes Power Clasing – die Liste lässt sich noch weiter fortsetzen.

Natürlich darf man hierbei nicht vergessen, dass man es mit einer konstruierten Realität zu tun hat, in der Mode stets mit viel Kalkül eingesetzt wird. Das Outfit unterstützt den prototypischen Charakter der Figur, spiegelt Reifeprozesse, Veränderungen wieder – und ist mit Sicherheit niemals zufällig gewählt. Während die frischverheiratete Bohemien-Künstlerin Jessa goldene Wedges von Yves Saint Laurent, fließende Kimonos und LKW-Ladungen an Schmuck trägt, sich die neurotisch-sympathische Shoshanna gerade von absoluten Lollipop-Farben und Ballerinas an ernstere Kompositionen und Heels heranwagt, fischt Hannah weiterhin sorglos in der Kleider-Kiste mit der Aufschrift Unvorteilhaft.

Das Prinzip Hannah wird ad absurdum geführt

Und warum? Um das Prinzip Hannah auf die Spitze zu treiben, um der irrsinnigen Ambivalenz etwas entgegenzusetzen. Selten hat man ehrlichere Momente im sonst so makelfreien Serien-Fernsehen gesehen, als die, wenn Hannah vor dem Sex mit ihrem Freund versucht, schnell aus ihrem Kleid zu schlüpfen, es sich in ihren Haaren verheddert und sie, in einer extrem unvorteilhaften Pose, die Hände in die Luft gereckt, der blanke Bauch in Röllchen gelegt, gefangen ist. Und man denkt sich natürlich, wie oft mir das schon passiert ist? Wie unangenehm. Dabei sollte man denken: Warum schämen wir uns immer noch? Warum sagen wir das nächste Mal nicht einfach: So what?

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