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Buchvorstellung: Unsere Tipps für den Lesesommer

am 22.05.2015 um 15:30 Uhr

Sommerzeit ist Lesezeit: Was gibt es schöneres, als im Urlaub mit einem richtig guten Schmöker zu entspannen? Sich einfach mal eine Auszeit zu gönnen und sich von den interessanten, witzigen oder spannenden Geschichten aus dem Alltag entführen zu lassen? Lesen ist gerade in Zeiten von ständiger Erreichbarkeit und flackernden Touchscreens vielleicht eine der schönsten Strategien zu mehr Relaxtheit und Tiefenentspannung. Also klappen Sie Ihren Laptop zu, legen Sie das Smartphone zur Seite und lassen Sie sich von unseren vier Buchtipps zu Ihrem Lesesommer inspirieren. Mehr dazu hier und in unserer Bildergalerie.

Ein untreuer Ehemann mit Entscheidungsnot, ein sich verlierendes Berliner Ehepaar, eine falsche Braut und ein modernes Märchen: Unsere vier Lieblingsromane für den Sommer sind spannend, morbide und amüsant, für jeden Geschmack ist was dabei:

Kristine Bilkau ‘Die Glücklichen’

Luchterhand, Verlagsgruppe Random House

„In der Dunkelheit wächst ein Monster heran, im Takt ihres Herzklopfens, das Herz wummert, als hätte sie einen schnellen Gang durch den Park hinter sich, dabei bewegt sie unter der Decke nicht mal den kleinen Zeh.“

Isabell und Georg sind ein junges Ehepaar, sie Cellistin eines Theater-Orchesters, er Redakteur im Kulturbereich eines Verlags. Sie haben einen kleinen Sohn namens Matti, leben in einem aufstrebenden, hippen Teil Berlins, lieben ihre Wohnung mit den eleganten, hohen Decken, den hölzernen Dielen und der geschmackvollen Wandfarbe. Sie essen gerne Dinkelkekse und selbstgemachtes Bio-Pesto und sind alles in allem genau dort, wo sie sein wollen.

Sie sind Teil einer Kreativ-Generation von Künstlern mit dem Anspruch auf die absolute Selbstverwirklichung: Familie, Job, Vision, Lebensphilosophie, alles muss stimmen, alles muss gehen. Man verfolgt seine Ideale, man lebt den Traum und alles ist kinderleicht. Wenn da nur nicht Isabells Hände wären, die plötzlich anfangen zu zittern, bevor Sie sich abends, als bestes Beispiel der modernen, berufstüchtigen Jungmutter, in den Orchestergraben setzt. Die Finger zittern in einem solchen Maße, dass ihr die Panik an den Gliedern hochsteigt und sich wie kühles Gift bis hin zur Schulter ausbreitet. Sie ist gelähmt. Und wenn da nur nicht Georgs plötzliche Arbeitslosigkeit wäre und der neue Traum vom Aussteigen, vom Landleben. Will er das denn alles überhaupt? Will er nicht viel lieber Obstbäume pflanzen in der Provinz?

Kristine Bilkau zeichnet mit leisem, wachsenden Nachdruck einen Dialog der Verzweiflung und Zukunftsangst: Was, wenn man als Teil dieser überreizten Generation der Alleskönner plötzlich nicht mehr kann? Was, wenn Verunsicherung und Angst in einem solchen Maße um sich greifen, dass man plötzlich gar nicht mehr weiß, wodurch man sich überhaupt noch definieren soll?

Je schwieriger der Alltag, desto kälter scheint das Bild der Großstadt-Idylle: Was will man denn überhaupt? Was passiert, wenn man sich die schöne Altbauwohnung mit dem nutzlosen Stuckverzierungen nicht mehr leisten kann?

Fazit: Ein drängendes, intelligentes und intensives Zeit-Porträt, das sich erfolgreich von jeglichem Sentimentalismus fernhält.

Amélie Nothomb ‘Blaubart’

Diogenes

‚Barbe bleue‘ / Aus dem Französischen von Brigitte Große

Ein wunderschönes Stadtpalais inmitten des noblen VII. Pariser Arrondissements, ein prunkvolles, luxuriöses Zimmer zur Untermiete – für nur 500 Euro im Monat! Saturnine, die scharfsinnige Heroine dieser Erzählung, ist angesichts dieser Tatsachen schon ein wenig skeptisch, als sie mit vielen weiteren, ebenfalls jungen Frauen auf ihren Besichtigungstermin wartet. Die vorherigen acht Untermieterinnen sollen spurlos verschwunden sein, um den Hausherren ranken sich die wildesten Gerüchte. Eine Mitanwärterin dreht sich schließlich zu Saturnine um und stellt fest: „Sie kriegen das Zimmer, Sie sind die Jüngste und Schönste.“

Die Prophezeiung erfüllt sich, Saturnine zieht kurz darauf in das Stadtpalais ein und sieht sich von nun an täglich mit dem exzentrischen Hausherren konfrontiert: Don Elemirio Nibal y Milcar ist ein spanischer ‚Grande‘, nennt sich „in Vollzeit würdig!“, verlässt seit zwanzig Jahren nicht mehr sein Palais, sondern liest stattdessen lieber in ewiger Wiederholung Gracián, Ramon Llull und das spanische Inquisitionsregister. Beim Einzug erklärt er Saturnine, sie habe zu jedem Raum des Palais freien Zugriff, dürfe schalten und walten wie sie wolle, nur dürfe sie niemals, n i e m a l s die schwarzgestrichene Tür zu seiner Dunkelkammer öffnen. Sollte sie das Zimmer betreten, würde er es merken und dann würde es ihr leid tun.

So beginnt das skurrile Zusammenleben: Der Grande lässt zudem jeden Abend besten Champagner, fangfrischen Hummer und feinste Patisserie kredenzen – und erklärt gleich beim ersten Abendmahl mit höchster Feierlichkeit „Ich liebe Sie, Mademoiselle.“ Saturnine antwortet: „Mag sein. Ich liebe Sie nicht!“ und grübelt über Ihre rätselhafte Situation. Was passierte mit den acht, vorangehenden Untermieterinnen? Was verbirgt sich in der Dunkelkammer?

Fazit: Ein modernes, unglaublich raffiniertes Re-Writing eines klassischen Märchenmotivs, das von den scharfen, pointierten und zum Teil urkomischen Dialogen zwischen Saturnine und Don Elemirio getragen wird.

Diane Brasseur ‘Der Preis der Treue’

Deutscher Taschenbuch Verlag

‚Les fidélités‘ / Aus dem Französischen von Bettina Bach

Ein Mann zwischen zwei Frauen: Er ist 54 Jahre alt, Anwalt aus Paris und erlebt das Dilemma seines Lebens. Auf der einen Seite gibt es da die 23 Jahre jüngere Alix. Sie ist jung und schön, erfüllt sein Leben mit einer spielerischen, exklusiven Erotik und gibt sich ihm ganz hin: „Kein einziges Mal habe ich mich ohne Lustgefühle neben sie gelegt. Wenn wir uns lieben, dreht sich mir der Kopf.“ Mit Alix lebt er wie in einer Blase: Dort in diesem geschützten Raum gibt es nur noch sie und ihn, keine anderen Verpflichtungen, keine Störfaktoren wie Verantwortung, Kinder oder Schuld. Er vermisst sie, sobald er auch nur einen Schritt aus ihrer Wohnung tritt und versucht, von seinem Familienleben so viel Zeit wie möglich für Sie abzuzweigen.

Auf der anderen Seite gibt es da ‚seine Frau‘, die der Leser auch niemals mit ihrem Vornamen kennenlernt. Mit ihr hat er eine jugendliche Tochter, ein Haus in Marseille, ein Familienleben. Er liebt seine Frau, findet sie ‚anmutig und schön‘, begehrt sie immer noch und will sie nicht verlassen. Wenn er bei Alix ist nimmt er seinen Ehering nicht ab.

Der Ehebruch als uraltes, abgedroschenes und doch sehr modernes Thema wird von Diane Brasseur auf höchst interessante Art und Weise beleuchtet: Denn die Autorin schlüpft für ihr Werk ganz in die männliche Perspektive, erzählt aus der Sicht des Mannes, nicht jedoch, ohne eine weibliche Verzerrung hinzuzufügen. Brasseur erzählt so, wie es sich eine Frau imaginiert, dass ein Mann Ehebruch begehen würde. Sie erforscht seine sexuellen Triebe, lässt ihn lamentieren und in inneren Monologen und vorgestellten Szenarien mit sich selbst in einen Dialog treten. „Worauf warte ich? Dass mir die Entscheidung abgenommen wird?“, fragt sich der Hin- und Her-Gerissene. Er ist fest verzettelt in seinem emotionalen Doppelleben – und doch nicht unglücklich. Darf man das?

Fazit: Eine präzise, spannende Bestandsaufnahme des Ehebruchs ohne Scham, aber dafür mit einem höchst interessanten Perspektivenspiel und Ausloten vorherrschender Gender-Erwartungen.

Lisa Zeidner ‘Die falsche Braut’

Suhrkamp nova

‚Love Bomb‘ / Aus dem Amerikanischen von Christel Dormagen

„Die Braut trug nicht Weiß. Aber die Terroristin.“ Ein furioser Einstieg in ein furioses Buch: Lisa Zeidners verwegener, neuer Roman beginnt als höchst kurioses Geiseldrama und löst sich bald in eine verworrene Familiengeschichte mit einer gehörigen Portion an Situationskomik und satirischen Anklängen auf. Die eigentliche Braut heißt Tess Nathanson und will ihren Verlobten Gabriel Billlips heiraten. Die Trauung sollte ganz bescheiden im Garten der Brautmutter stattfinden, muss aufgrund eines fiesen Platzregens jedoch in das Wohnzimmer des Familienhauses gelegt werden. Brautmutter Helen Burns ist, bevor die ungebetene Terroristin die Feier beendet, schon nicht ganz glücklich mit der Situation.

Wieso? Das reiche Konfliktpotential offenbart sich schon beim ersten Blick auf die Gästeliste: Die schwarzafrikanischen Familienangehörigen und Freunde des Bräutigams wirken im penibel gepflegten, spießigen Haddonfield, New Jersey, in ihren traditionellen Roben einfach Fehl am Platz. Ärger verspricht auch der umtriebige Ex-Mann Jake, seine zweite Ex-Frau mit neuem Partner und Gattin Nummer 3 inklusive sämtlicher Kinder aus den wilden Patchwork-Vereinigungen. Als wäre dies nicht schon absurd genug, sind neben Helen Burns selbst und Jake noch diverse Berufskollegen eingeladen – allesamt Psychiater!

Als die Terroristin dann mit Gasmaske, verspiegelter Sonnenbrille und abgesägter Schrotflinte die Hochzeit sprengt, geht die Geschichte erst richtig los: Gnadenlos sammelt sie alle Handys ein, verrammelt die Türen mit Sprengstoff und erklärt, bevor sie kurzzeitig den Raum verlässt, dass sie nun gefälligst eine Entschuldigung verlangt.

Die wirren Debatten, die nun entstehen, brillieren Dank Zeidners humoristischen Tons vor Witz und Ironie. Wieso Entschuldigung? Wer soll sich entschuldigen und wieso? Neben so allerlei genüsslichen Spitzen gegen die ‚Seelenklempner‘, irrwitzigen Abhandlungen zu den familiären Verwirrungen und ironischen Seitenhieben gegen sämtliche Prototypen, die so eine Geschichte eben braucht, kommt es auch zu Action, Abenteuer und Irrwitz in typischer, amerikanischer ‚Sticom‘-Manier.

Fazit: Eine urkomische Satire auf Kosten des amerikanischen Mittelstands, die sich, ganz ohne Blutvergießen, der typischen Krimi-Thriller-Motive bedient und diese in einen interessanten Rahmen zwischen Gender und Rassismus spannt.

Leselust geweckt? Dann entdecken Sie alle vier Titel nochmals zusammengefasst hier in unserer Bildergalerie.

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