Interview

Nachgefragt: Warum weibliche Designer Men’s-Wear entwerfen

am 11.07.2014 um 12:41 Uhr

Eines dürfte Ihnen bestimmt schon aufgefallen sein, wenn Sie schon einmal einen Blick auf die Designer großer Labels geworfen haben: Viele weibliche Designerinnen stehen hinter spannenden Herren-Labels und sagen den Männern, wo es modetechnisch entlang geht. Was daran so spannend und anders ist, als für das eigene Geschlecht zu designen, das und vieles mehr verraten die zwei Designerinnen hinter den beiden Men’s-Wear-Labels Dyn und Brachmann im desired.de-Interview und in der Bildergalerie.

Designen für das andere Geschlecht, das scheint für viele kreative Köpfe in der Modebranche besonders reizvoll zu sein. Auch für Frida Homann, die hinter dem Label Dyn steht und für Jennifer Brachmann, die das Label Brachmann leitet. Beide überzeugen mit ihren unterschiedlichen Kollektionen die Herren-Welt und scheinen damit genau den männlichen Geschmack zu treffen. Wie genau, das haben die beiden Designerinnen im Interview mit desired.de erzählt.

Sie stehen beide als weibliche Designerinnen hinter zwei unterschiedlichen Labels für Herren. Wie kam es dazu, dass Sie für das andere Geschlecht designen. War die Begeisterung gleich von Anfang an da, oder hat sich das erst im Laufe der Zeit entwickelt?

Frida Homann vom Label Dyn: „Die Begeisterung für Men’s-Wear entwickelte sich nach einem Projekt für Herrenmode im Bachelor-Studium. Bis ich mir sicher war, dass dies mein Weg sein sollte, dauerte es dann jedoch eine Weile. Erst habe ich mir beide Sparten angeschaut, im Anschluss ein Praktikum bei einem Label in New York gesucht, welches Damen- und Herrenmode anbietet, um für mich vergleichen zu können. In dieser Zeit entschied ich mich für Herrenmode, da sie für mich einfach sehr viel spannender ist.“

Jennifer Brachmann vom Label Brachmann: „Die Begeisterung für die Klassiker der Männermode entwickelte sich während meines Studiums, bei dem ich zunächst mit Frauenmode angefangen habe. Ich habe dann nach und nach entdeckt, dass es mir Spaß macht, die Men’s-Wear-Klassiker zu modernisieren. Mich reizt hier auf der einen Seite der Widerspruch, dass sich in der flüchtigen Mode bleibende Formen durchsetzen. Auf der anderen Seite bedeutet dies enorme Entwicklungsmöglichkeiten, einen riesigen, von Gestaltung nahezu unberührten Bereich, in dem man sich als Designer verwirklichen kann. Dabei hoffe ich, dass ich auf der Basis bewährter Klassiker selbst zeitlose Designs entwerfen kann. Wo findet man so etwas heute noch? In meiner Diplomarbeit habe ich mich dann genau mit dieser Frage beschäftigt: Wie kann man die traditionelle Formensprache der Men’s-Wear-Klassiker modernisieren? Dabei bin ich sehr analytisch vorgegangen: Ich habe modulare und funktionale Gestaltungsprinzipien aus der Architektur in die Mode übersetzt. Und dieses Analytische liegt mir einerseits sehr, da ich zuvor auch selbst Architektur studiert habe, andererseits wird es auch den Men’s-Wear-Klassikern gerecht. Um es kurz zu sagen: Ich habe mich im Laufe der Zeit mit einem von der Architektur inspirierten Designansatz in der Mode identifiziert, der besonders gut zu den Men’s-Wear-Klassikern passt und der ein großes Potential an Ausdrucksmöglichkeiten hat.“

Welche Männer inspirieren Sie und wie sieht für Sie der typische Mann aus, der Ihr Label trägt?

Frida Homann vom Label Dyn: „Meine Inspirationen sind immer sehr narrativ. Das bedeutet, dass ich zumindest das Fragment einer Geschichte brauche, das auch verfilmt werden könnte, um die Kollektion entwerfen zu können. Jede Saison erschaffe ich liebevoll einen neuen Protagonisten. Oft sind es Antihelden mit einem melancholischen wie auch aufbrausenden Wesen. Jemand, der schwer einzuschätzen ist und damit jede Menge Rätsel aufgibt. Die Grundstimmung hat häufig etwas Verklärtes. Häufig inspirieren mich Filmfiguren, wie aktuell Ben Whishaw als Jean-Baptiste Grenouille in ‚Das Parfüm’.“

Jennifer Brachmann vom Label Brachmann: „Inspiriert bin ich vor allem von Ludwig Mies van der Rohe und Walter Gropius, den beiden Bauhaus-Heroen. Diese haben visionäre Gestaltungsprinzipien sowie einen innovativen Umgang mit Räumen entwickelt, mit denen man noch heute in allen Gestaltungsdisziplinen zeitgemäß entwerfen kann. Und das Label Brachmann entwirft für Männer, die einerseits der Uniformität der Klassiker entkommen wollen, um ihre maskuline Individualität in allen Facetten und zu allen Anlässen zum Ausdruck zu bringen, die aber andererseits zugleich die Werte und die Ästhetik dieser Klassiker respektieren wollen. Wir denken an Männer, die sich mit einem emanzipierten Geschmacksurteil der Kleidermode als Kulturgut bewusst sind, Freude an schönen Dingen und Formen haben und bewusst auch nachhaltig konsumieren wollen.“

Wie können Sie sich in die „männliche Riege“ einfühlen? Wie setzen Sie Trends für Männer?

Frida Homann vom Label Dyn: „Für das andere Geschlecht zu entwerfen, finde ich gerade gut. Somit habe ich mehr Abstand und muss mich nie fragen, ob ich das Kleidungsstück selbst tragen würde. Dadurch ist es sehr viel leichter, sich in den Kunden oder die Inspiration hineinzuversetzen. Ansonsten habe ich natürlich auch tolle Freunde, die mir ihr ehrliches Feedback zu meinen Entwürfen geben.“

Jennifer Brachmann vom Label Brachmann: „Zunächst vertraue ich auf die bewährte, zeitlose Ästhetik der Men’s-Wear-Klassiker selbst, die für mich ja immer Ausgangs- und Bezugspunkt beim Entwerfen ist. Der Appeal dieser Klassiker bleibt hoffentlich in meinen Designs erhalten, auch wenn ich hier neue Design-Elemente einführe. Dann gehen wir beim Label mit offenen Augen durch die Welt und registrieren Stimmungen, wir interessieren uns für Film, Theater, Musik und Kunst, wir sind viel unterwegs, pflegen viele Kontakte und beobachten natürlich auch die Modeszene. Ein sozialer Megatrend, so denken wir, ist, dass sich das Bedürfnis der Männer, sich auch in der Kleidung ganz individuell geben zu können, massiv wächst. Die Männermode ist in Bewegung geraten und beschränkt sich nicht mehr auf Maßanzüge als Inbegriff, die Männer experimentieren quer durch alle Altersgruppen und sozialen Schichten. Daher kann man jetzt auch bei den Männern beobachten, dass sich hier die Trends fast so schnell entwickeln wie bei den Frauen und dass es verschiedene Trends zur selben Zeit gibt. Allerdings wollen wir als Label hier einen Kontrapunkt setzen: Uns geht es um eine gleichsam behutsame Modernisierung der Klassiker, die diese respektiert, zeitlose Designs entwirft und den Trends eigene Akzente abgewinnt. Daneben sind wir beim Label eine gemischte Truppe, so dass ich zu meinen Designvorschlägen auch immer sehr schnell männliches Feedback bekomme. Und schließlich weiß ich als Frau, wie Männer in den Augen einer Frau attraktiv angezogen aussehen. Aber klar ist, dass ich den Männern allenfalls Vorschläge machen kann.“

Gibt es bei Männer-Mode auch etwas Besonderes zu beachten? Gibt es Problemzonen wie Bauch, Beine, Po wie bei den Damen?

Frida Homann vom Label Dyn: „Problemzonen eher weniger, aber die Kleidung muss praktisch sein. Ein Mann möchte nicht erst 20 Knöpfe schließen müssen, bevor er angezogen ist. Eine gute Passform und angenehme Materialien sind wichtig.“

Jennifer Brachmann vom Label Brachmann: „Ein sehr wichtiger Aspekt bei der Männermode ist Passform und Funktionalität überhaupt. Die Männer wollen körperbetonte Kleidung, die ihnen aber zugleich alle Bewegungsfreiheit lässt. Dabei ist auch jeder einzelne konkrete männliche Körper genau so individuell zu sehen wie bei den Frauen. Das heißt, dass auch Problemzonen individuell sind, wie zum Beispiel ein kräftiger Hals, starke Brustmuskeln etc. Die Problemzonen ändern sich dabei in der Selbstwahrnehmung der Männer zusätzlich mit dem Alter, z.B. kann der Bauchansatz unwichtiger werden, dafür müssen die Krägen höher werden etc. Die Körperform der Männer ändert sich aber auch im Durchschnitt gesehen. Die Männer werden größer und kräftiger. Es gibt inzwischen sehr viele sehr sportliche Männer mit breiten Schultern und sehr schmalen Taillen, kräftigen Brust-, Arm- und Beinmuskeln. Das sind jetzt nicht unbedingt zu verbergende Problemzonen, aber Männer mit solche Körperformen erwarten auch, dass die Sachen nicht nur gut aussehen, sondern auch gut sitzen und funktional sind. Also sind das eher Problemzonen für die Designer.“

Entdecken Sie in unserer Bildergalerie die beiden Labels Dyn und Brachmann unserer Interview-Partner und Designerinnen Frida Homann und Jennifer Brachmann .

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