Interview

Cornelia Bartsch über die Vorurteile der Branche

am 02.12.2014 um 15:20 Uhr

Oberflächlich, überlaufen und ausbeutend – der Ruf der Modebranche ist nicht unbedingt der beste, vor allem aber erwischt es Models und ihre Agenten oft, wenn es um negative Vorurteile geht. Diese wollten wir einmal aufgeklärt und beleuchtet haben und statteten der Berliner Modelagentur IZAIO Management einen Besuch ab. Unser allererster Eindruck von der Chefin, Cornelia Bartsch, und ihrem Team war überschwänglich und das nicht nur, weil unsere Redakteurin Lisa und die Agenturchefin Cornelia Bartsch ihre gleiche Herkunft am Dialekt erkannten, sondern vor allem, weil uns das gesamte Team sehr freundlich begegnete. Ob sich dieser erste Eindruck im Laufe des Gesprächs bestätigte und welche Wahrheiten das Team von Cornelia Bartsch über das umstrittene Business auspackte, das erfahren Sie hier und in unserer Fotoshow.

Das Modelsein ist für den Großteil der jungen Mädchen wohl ein sehnlicher Wunsch, dem sie hinterher eifern, bis er irgendwann verpufft. Wir haben einer der größten, deutschen Modelagenturen auf den Zahn gefühlt, Cornelia Bartsch und ihrem Team Details ihrer Arbeit entlockt und wissen nun, worauf es bei einem Model ankommt.

Die Arbeit eines Modelagenten

Cornelia, wie kamst Du auf die Idee, Deine eigene Modelagentur zu gründen?

„Tja. 1999 war Berlin noch eine Wüste, da gab es hier keine Fashion Week oder Bread & Butter, es gab hauptsächlich Werbungen, die hier gedreht und gecastet wurden, weil Berlin erstens billig und zweitens hip, sexy und arm war. Mir fiel einfach auf, dass die Agenturlandschaft sehr karg besiedelt war. Ich hatte diese gewisse Naivität, den Mut und zum Glück auch die Netzwerke dazu, diesen Schritt zu gehen. Es hat sich einfach alles wunderbar entwickelt, von Anfang an. Heute ist IZAIO groß und etabliert, aber trotzdem möchte ich mein Team sehr familiär, klein und ausgewählt halten. Auf ein gutes Verhältnis im Büro würde ich nie verzichten wollen, nur um mehr Menpower vorweisen zu können.“

Was gefällt Dir am meisten an Deinem Job?

„Das Spannendste ist, wenn man Rohdiamanten entdeckt. Jemanden, der nicht offensichtlich schön ist, sondern etwas Besonderes hat. Jemand, der gar nicht glaubt, als Model arbeiten zu können und aus dem man dann ein Model kreiert – das ist ein doofes Wort, aber so ist es.“

Was macht Dir am wenigsten Spaß?

„Richtig nervig ist es, wenn Buchungen, die bestätigt sind, dann auf einmal aus irgendwelchen Gründen nicht stattfinden können. Zum Beispiel, weil das Model erkrankt ist oder der Kunde kurzfristig absagt. Man freut sich mit jeder Buchung auch für das Model, wenn der Job dann gecancelt wird, ist das nicht nur für uns sehr ärgerlich. Aber ansonsten finde ich eigentlich alles ziemlich cool in meinem Beruf.“

Wie kann man in dieser schnelllebigen Branche ausmachen, ob ein Model überleben kann?

„Das Überleben ist sehr relativ. Das Zeitfenster, in dem ein Model aktiv ist, ist wirklich sehr individuell. Es kommt ganz darauf an, wie gut sich ein Model verkaufen kann. Die reine Schönheit oder Attraktivität transportiert das Model natürlich auch durch seine Ausstrahlung. Wenn ein Mädchen einen tollen, attraktiven Charakter hat, kann sie ganz lange in diesem Business sein. Wenn sie sich dann noch gut verkaufen kann, arbeitet sie praktisch ohne Verfallsdatum. Wer sich allerdings nur über Äußerlichkeiten definiert, wird nur für sehr kurze Zeit mit uns zusammenarbeiten. Nehmen wir Heidi Klum als Beispiel: Die ist weder besonders groß, noch ist sie etwas Extraordinäres. Sie ist ein wunderschöner Mensch, der sich wie kaum ein anderer verkaufen kann. Das ist brillant, davor ziehe ich den Hut, aber als Model ist sie – um es klar zu sagen – weit davon entfernt, dass wir vor Begeisterung umfallen würden.“

Wie stehst Du zu dem schlechten Ruf, der über diesem Business herrscht? Oft sind Models zu dünn und zu jung.

„Es stimmt vollkommen. Die Models sind derzeit sehr dünn. Uns ist es wichtig, dass sie gesund sind, ansonsten können wir sie auch nicht verbuchen. Mädchen, die offensichtlich Probleme mit ihrem Gewicht haben, haben oft schlechte Haut und eine miserable Haarqualität. Seitdem es IZAIO gibt (15 Jahre), hatte ich zwei Models, mit denen ich die Zusammenarbeit beenden musste, weil sie nicht auf unsere Hinweise gehört haben. Das kann einfach nicht funktionieren. Wir haben nicht die Position eines Psychologen oder Arztes, wir können den Mädchen als Agentur nur Hinweise geben, aber ihnen nicht helfen. Wenn man sich gut und gesund ernährt, ist man auch schlank.“

Was braucht ein Model denn, speziell auf IZAIO bezogen?

„Es gibt keinen Look, den wir suchen. Ich fände es schon fast krank zu sagen ‚Das ist der Look, den wir haben wollen‘, wir wollen uns von den verschiedensten Typen inspirieren und begeistern lassen. Manche unserer Models haben beispielsweise große Ohren und ein so besonderes Gesicht, dass es für andere Agenturen schon wieder zu viel wäre. Wir brauchen nicht nur Beauty-Typen, bei denen alles symmetrisch ist. Oversize-Models suchen wir auch, aber es hat sich herausgestellt, dass viele, die sich für ein Oversize-Model halten, dem Anspruch leider nicht gerecht werden. Einfach füllig sein, reicht nicht aus. Man muss die perfekten Formen und ein wunderschönes Gesicht ohne Doppelkinn und Bäckchen haben. Damit hatten wir leider noch nicht so oft Glück. Was traurig ist, weil es durchaus Nachfragen gibt, die wir momentan noch nicht abdecken können. “

Was geht im Gegenteil dazu gar nicht, dürfen die Models Tattoos oder Piercings haben, sprechen Narben gegen eine Model-Karriere?

„Wir haben viele Models mit Tattoos oder Piercings. Das natürlich nicht primär, aber auf jeden Fall sind schöne Menschen mit Tattoos oder Ähnlichem in dieser Branche nicht eingeschränkt. Was gar nicht geht, ist, wenn jemand ungepflegt ist, schlechte Zähne oder Haare hat. Ein Model muss attraktiv sein, es darf nicht der breiten Masse entsprechen, sondern eher darüber liegen – deutlich schöner, deutlich sauberer sein. Wer ein Model sein möchte, muss einfach viel für sich und seine Attraktivität tun, ansonsten bleibt er nur ein netter, hübscher Mensch von nebenan.“

Angenommen es stellt sich ein blondes Mädchen mit blauen Augen vor. Kann es sein, dass Du dieses nach Hause schickst, weil Ihr diesem Typen schon gerecht werdet?

„Ja, das gibt es. Wobei blonde Haare und blaue Augen gerade nicht das sind, was wir wegschicken würden. Blonde Mädchen sind seit vielen Saisons sehr gefragt, weil es eben nicht mehr so oft naturblonde Mädchen mit hellen Augen gibt. Gut, nehmen wir lange, braune Haare und braune Augen als Beispiel: Da kann es schon sein, dass wir sagen ‚Intern hast du einfach zu viel Konkurrenz, wir können dich nicht nehmen. Aber du bist wunderschön, versuch es bei einer anderen Modelagentur‘. Wobei es natürlich auch brünette Mädchen mit braunen Augen gibt, die genau das Besondere haben, super-süß sind, einen super Wiedererkennungswert haben und sich gut verkaufen, dann müssen wir auch genau dieses Mädchen haben, obwohl wir schon 20 brünette Mädchen mit braunen Augen betreuen.“

Wie läuft ein ganz „normales“ Open Call (Casting) bei Euch ab?

„Wir machen jedes Jahr einen Modelcontest und jeden Dienstag ein offenes Casting in unserer Agentur, zu dem kommen kann, wer denkt, zum Modeln geboren zu sein, vorausgesetzt die Talente sind groß genug, haben die entsprechenden Maße und sind jung. Dann ist es ganz wichtig, dass die potentiellen Talente Fotomaterial dabei haben – egal, ob auf dem Handy oder dem USB-Stick. Wir müssen sehen, ob derjenige fotogen ist. Ein wunderhübsches Mädchen kann auf einem Foto ganz anders wirken und gar nicht mehr diese tolle Persönlichkeit verkörpern. Das kann man auch mit einem geschulten Auge nicht vorher wissen.“

Wie alt sind die werdenden Models  durchschnittlich?

„Wir fangen schon im Alter von 13 Jahren an. Es kommt allerdings sehr auf die Persönlichkeit an. Nicht jeder ist mit 13 Jahren soweit, dass er sich überhaupt fürs Modeln interessiert. Dann kann es natürlich sein, dass sich ein junger Mensch in eine ganz andere Richtung entwickelt. Lass ein Mädchen mit 13 Jahren super-dünn sein, die Pubertät kann sich allerdings in manchen Fällen sehr auf die Optik auswirken. Auch die Eltern und die Schule müssen mit dem Modeln einverstanden sein. Meisten ist es so, dass unsere Talente ihren Abschluss machen und danach ein freies Jahr einlegen, in dem sie nur fürs Modeln da sind. Dann schicken wir sie nach London, New York, Tokio und Co. Alles andere kann man einfach nicht verantworten. Ich bin selber Mutter, es wäre beinahe schon fahrlässig, jemanden ohne Abschluss in die Welt zu schicken. Und mal ganz davon abgesehen, sind 18-Jährige doch viel selbstsicherer, haben ein ausgebautes Modelbuch, können richtig laufen und vor allem auch alleine in einer Stadt wie Paris oder New York klar kommen, so ohne Eltern.“

Du bist also selber Mutter. Sind Deine Kinder Models, dürften sie es überhaupt werden?

„Mein Sohn ist zehn Jahre alt. Und er hat tatsächlich schon als Kind in der Commercial-Abteilung meiner Agentur einige Jobs gemacht. Ich habe natürlich ein sehr gesundes Verständnis dafür, alles andere wäre ja unsinnig. Es hat ihm nicht geschadet, er ist nicht größenwahnsinnig geworden und wenn er selbst diesen Wunsch hat und die Kriterien erfüllt, fände ich es als Elternteil befremdlich, ihn nicht dabei zu unterstützen. Ich habe aber auch vollstes Verständnis für Eltern, die das nicht wollen. Der Druck ist schon sehr hoch, nicht jedes Casting wird zu einer Buchung.“

Stichwort „Fashion Week“: Was ist vor der Fashion Week los?

„Wir haben hier richtig zu tun, ein 15-Stunden-Tag kann schon einmal vorkommen. Ab 1. Dezember geht der Vorbereitungsstress für die Fashion Week im Januar los. Wir entwickeln das Design der Showcards, entscheiden, welche Models wir uns nach Berlin holen, buchen die Flüge und Hotels – das ist der langweilige, aber verantwortungsvolle Stuff, den wir mit der Fashion Week verbinden. Richtig stressig wird es dann, wenn alle Models hier sind, alle was wollen, die täglich stattfindenden Castings organisiert werden müssen.“

Wie ist Euer Verhältnis zu den Models?

„Wir haben ein sehr vertrautes Verhältnis zu unseren Models, das macht den Boutique-Charakter hier aus. Ich möchte etwas Persönliches und keine Nummer vermitteln, nur so können wir auch entscheiden, welches Model gut zu welchem Kunden passt. Wenn beispielsweise eines unserer Models starke Allüren hat, warnen wir den Kunden schon vor und das kann man nur, wenn man seine Models auch wirklich gut kennt.“

Das Scouting der Models

Doch nicht nur die Agenturchefin, Cornelia Bartsch, hat uns gegenüber aus dem Nähkästchen geplaudert, sondern uns auch an ihre Booker Dana, Olga, Desi, Linda und Affa verwiesen. Die Aufgabe eines Bookers besteht darin, wie uns Olga erklärte, die Models aufzubauen, sie zu scouten (entdecken) und zu verbuchen. Sie bekommen eine Anfrage vom Kunden und empfehlen diesem, ja nach dem gesuchten Look, eine Auswahl an Models. Woraufhin die favorisierten Models dann vom Kunden ausgesucht werden.

Abgesehen vom Budget, worauf achtet ein Kunde bei der Auswahl eines Models?

„Es kommt ganz auf den Job an. Soll beispielsweise ein Lookbook fotografiert werden, muss das Model schlichtweg die Sachen in Szene setzen, bei einem Beauty-Job steht die Attitude im Vordergrund, soll es sich um ein Streetstyle-Shooting handeln, in dem viel passiert, muss das Model besonders sicher sein. Wir können dem Kunden dann insoweit helfen, dass wir wissen, wie unsere Models ticken, wer zurückhaltend ist und wer besonders schrill.“

Wie einfach ist es für Euch als Scouts, ein Talent auf der Straße zu erkennen?

„Wir müssen klar danach unterscheiden, wer hübsch ist und wer tatsächlich als Model arbeiten könnte. Die Körpergröße ist natürlich ein wichtiger Parameter. Wenn uns sofort jemand ins Auge sticht, gehen wir offen auf diese Person zu, laden sie zu uns ein, um ruhig zu quatschen und ein paar Snapshots (Polaroid-Fotos) zu machen. Danach muss man einfach schauen, wie sich das Ganze entwickelt. Das kann nach zwei Wochen schon boomen oder mal zwei Monate dauern.“

Hält man immer die Augen offen?

„Dieser Job umgibt einen immer, ja. Man kann das einfach nicht abschalten. Es kommt auch vor, dass wir, wenn wir in einem Café sitzen oder am Wochenende ausgehen, auf Menschen zugehen. Natürlich gehen wir auch mal gezielt los, allerdings weiß man nie, wo sich die Wege kreuzen und einem ein toller Mensch begegnet.“

Beneidet Ihr die Models um ihr Leben, wünscht Euch manchmal, fünf Zentimeter größer zu sein?

 „Nein. Unsere Arbeit ist auch hart, aber Models sind nur unterwegs und immer weg von Zuhause, dafür muss man schon dicke Haut haben.“

Ist es auch Eure Aufgabe, den Models bei Absagen und Enttäuschungen zur Seite zu stehen?

„Das gehört auf jeden Fall zu unserem Job. Bei den jungen Mädels liegt es uns total am Herzen, dass sie langsam anfangen und man das Ganze erst einmal testet. Wenn sie eine Absage bekommen, wissen sie auch, dass sie das nicht persönlich nehmen dürfen und der nächste Job auf jeden Fall kommt.“

Warum sind die derzeit erfolgreichen Models so erfolgreich?

„Weil die Branche viel mit der Persönlichkeit zu tun hat. Cara Delevingne gibt sich in Interviews ganz eigen und vermittelt nicht nur diesen besonderen Look, sondern verkauft sich als Gesamtpaket. Mittlerweile trauen sich die Leute auch einfach viel mehr.“

Wir danken der gesamten Agentur von IZAIO Management für dieses nette, interessante Interview und zeigen Ihnen in unserer Fotoshow, wie eine Modelagentur von innen aussieht.

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