Brett Morgen im Interview

Kurt Cobain: Montage of Heck – Regisseur Brett Morgen im exklusiven Interview

am 09.04.2015 um 16:57 Uhr

Vor ziemlich genau 21 Jahren nahm sich Kurt Cobain das Leben. Was danach folgte, war erbitterte Wut, Traurigkeit und eine Reihe von Selbstmorden. Das alles, weil die Grunge-Legende aus Aberdeen ihr Leben mit 27 Jahren beendete. Wir alle kennen Nirvana, wir alle kennen Kurt Cobain, wir haben viel gelesen und gemunkelt. Aber kennen wir Kurt Cobain wirklich? Brett Morgen hat die Geschichte von Kurt Cobain in einem bewegenden Porträt zusammengefasst und die beste Dokumentation, die es je vom Nirvana-Frontmann gab, geschaffen. Ab dem 9. April 2015 wird „Kurt Cobain: Montage of Heck“ für kurze Zeit im Kino zu sehen sein. Wir hatten die Möglichkeit, mit dem Regisseur Brett Morgen zu sprechen und lassen Sie hier und in unserer Fotoshow an der bewegenden Filmgeschichte teilhaben.

Ein niedlicher Blondschopf mit eisblauen Augen und zerbrechlicher Kinderstimme eröffnet die Dokumentation mit den Worten „Hi, I’m Kurt Cobain“. Eine niedliche Stimme, die einige Jahre später zum Sprachrohr einer ganzen Generation werden soll und das Werkzeug eines traurigen Mannes ist, dessen Kindheitswunden nie verheilten. Mit „Kurt Cobain: Montage of Heck“ liefert der gefeierte Filmemacher Brett Morgen einen tiefen Einblick in das empfindsame Seelenleben des Gesamtkunstwerkes Kurt Cobain.

Die ungesehene Wahrheit über Kurt Cobain

Nicht ohne Grund sind Wendy Elizabeth Fradenburg, Kurts Mutter, sein Vater und seine Stiefmutter, seine Schwester und Ex-Freundin sowie sein Band-Kollege Krist Novoselić und seine Witwe Courtney Love Teil des bewegenden Porträts: Es sollte ein Film werden, der die unverblümte, ehrliche Wahrheit über Kurt Cobain zeigt. Herausgekommen ist, unter der Leitung von Regisseur Brett Morgen und Cobain-Tochter Frances Bean als ausführende Produzentin, auch genau das. Um die Geschichte des Künstlers von den frühen Kindheitstagen im gutbürgerlichen Umfeld bis zum kläglichen Untergang der Legende zu erzählen, griff Brett Morgen auf bisher ungesehene Hinterlassenschaften, Fotos, Videos, Sprachaufnahmen und düstere Skizzen Cobains zurück. Wie sich das angefühlt haben muss, haben wir Brett Morgen persönlich im Interview gefragt.

Hallo Herr Morgen, vielen Dank, dass Sie sich Zeit für uns nehmen und uns diese sagenhafte Dokumentation beschert haben. Was haben Sie eigentlich über Kurt Cobain gedacht, bevor Sie bei diesem Film Regie geführt haben?

„Ich war ein ganz zwangloser Fan der Musik. Ich sah Nirvana zweimal live, allerdings noch bevor sie mit ihrer Bleach-Tour durchstarteten. Ich kannte sie als eine abgefahrene Band und wusste auch, dass Kurt nicht viel vom Leben in der Öffentlichkeit, von Interviews und Co. hielt. Aber das war alles. Ich habe sein Verhalten damals nicht hinterfragt, warum auch? Es war offensichtlich, dass er mit dem Erfolg nicht zurecht kam. Meine Sichtweise war eben die eines ganz normalen Fans, bis mich Courtney 2007 mit der Idee eines Films über Kurt, sein Leben und all seine Kunstformen vertraut machte.”

Was waren Ihre ersten Gedanken, als Ihnen die Filmidee von Courtney Love (Kurt Cobains Witwe) unterbreitet wurde?

„Ich fand die Idee unheimlich interessant, weil ich immer nach Themen suche, die Raum bieten. Kurts Geschichte schien dafür wie gemacht. Kurt drückte sich bei seiner Arbeit nicht nur auf eine Art und Weise aus, wie es die meisten Künstler tun, er arbeitete visuell und akustisch und war dabei ausdrucksstärker als jeder andere Künstler, den ich jemals kannte. Für diesen Film hatte ich quasi eine bereits von Kurt verfasste, schriftliche und mündliche Autobiografie und musste nun die Geschichte einer unsicheren Reise durch das Leben erzählen.“

Was denken Sie nun über Kurt Cobain, nachdem Sie diese Dokumentation gemacht haben?

„Ich denke, dass Kurt ein unglaublicher Künstler war, der leider nicht lange genug lebte, um sich selbst alle Lebensfragen zu erklären. Natürlich konnte ich ihn nicht persönlich kennenlernen, auch ich kann nur aus seiner Kunst sprechen.”

Es gab so viele Dokumentationen über Nirvana, Kurt Cobain und seinen Tod. Was wollten Sie im Vergleich zu diesen Filmen anders machen?

„Ich wollte einen Film schaffen, der Kurt als einen Künstler feiert und dabei auf eben seine Werke zurückgreift. Einen Film, der sich nicht auf all die Probleme stützt, von denen andere Literaturen und Verfilmungen erzählen.“

Sie haben für diesen Film Zutritt zu bisher unveröffentlichten Nachlässen Cobains, Privatvideos, Familienfotos und Audioaufnahmen erhalten. Wie erging es Ihnen dabei, sich mit alle diesen Sachen vertraut zu machen?

„Ich fühlte, dass es endlich einmal nur um Kurt ging. Wenn man all die Videosequenzen, die von 1991 bis 1994 in der Öffentlichkeit kursierten, mit denen vergleicht, zu denen ich Zutritt bekam, realisiert man erst einmal, dass man es grundsätzlich mit zwei verschiedenen Menschen zu tun hat. Wenn Kurt also in der Öffentlichkeit stand, nicht auf der Bühne und keine Musik machte, fühlte er sich ständig unwohl. Wenn er allerdings alleine oder von geliebten Menschen umgeben war, erhält man ein ganz anderes Bild dieses Mannes. Ich wusste, dass ich Material brauchte, welches die Menschheit noch nie gesehen hat, um Kurt so unverfälscht darzustellen, wie wir es planten.“

Gab es irgendwelche Hinterlassenschaften, die Sie nicht für den Film nutzen durften?

„Nein. Also natürlich gab es Aufnahmen, die ich leider nicht mit einfließen lassen konnte. Das jedoch einzig aus dem Grund, dass ein solcher Film eben keine unbegrenzte Zeitspanne hat.“

Welche Fundstücke aus dieser privaten Sammlung waren für Sie besonders schockierend oder emotional?

„Die Geschichte, die Kurt über seine Kindheit erzählt. Diese Hintergründe kannte auch ich nicht und es war sehr bewegend, sie zu entschlüsseln. Dann saß ich da mit meinen Kopfhörern und den Tonbandaufnahmen.“

Gibt es eine bestimmte Szene im Film, die für Sie ganz besonders ist?

„Ich bin ein großer Fan von all den Szenen, die Kurt und Courtney zusammen zeigen, noch bevor es Frances gab. Beispielsweise diese ganz intime Szene im Badezimmer. Dort gab es kein großes Kamerateam, keine einstudierten Dialoge. Ich meine, die beiden sind nackt und dabei superwitzig – beinahe wie Lucy und Ricky aus der Sitcom ‚I love Lucy‘. Ich bin so dankbar, dass diese glückliche und hoffnungsvolle Aufnahme existiert. Sie verdeutlicht die private Beziehung der beiden, wenn sie nicht in der Öffentlichkeit standen. So etwas kannte man bisher nicht.“

Wieso haben Sie bei Ihrer Dokumentation komplett auf Schauspieler verzichtet und stattdessen Skizzen von Kurt animieren lassen?

„Oh mein Gott! Hier hätte wirklich kein Weg zu Schauspielern geführt, das wäre eine absolut lächerliche Vorstellung geworden. Die Animation repräsentiert den Film und dessen Ernsthaftigkeit. Wir wollen hier einzig und allein von Kurt erzählen.“

Wieso haben Sie sich ausgerechnet für Kurts Eltern, seine Schwester, Ex-Freundin, Witwe und seinen ehemaligen Band-Kollegen Krist Novoselić als Interviewpartner für den Film entschieden?

„Diese fünf Personen standen Kurt und und seinem Leben immer am nächsten.“

Wieso haben sich diese fünf Personen einverstanden erklärt, Teil dieser Dokumentation zu werden? Schließlich hat man seine Familie noch nie in der Öffentlichkeit über Kurt reden gehört.

„Es gibt eine Antwort auf diese Frage: Frances. Frances Bean Cobain (Kurt und Courtneys einzige Tochter) war unsere ausführende Produzentin und deswegen hat sich auch die Familie entschieden, diesen Film zu produzieren.“

Trotzdem war Frances nicht als Interview-Partnerin im Film zu sehen. Ich achte diese Entscheidung als sehr ehrlich. Wieso haben Sie diese Entscheidung allerdings so getroffen?

„Weil sie sich überhaupt nicht an ihn erinnern und deswegen nichts über ihren Vater sagen kann.“

Was war der größte Unterschied dieses Films zu anderen Dokumentationen, die Sie gemacht haben, beispielsweise die Rolling-Stones-Doku?

„Der Stones-Film war grundsätzlich etwas Anderes, man kann diese beiden Projekte eigentlich nicht vergleichen. Nehmen wir beispielsweise den Zeitfaktor: Im Vergleich zu Kurts Porträt, musste der Stones-Film in Eile gefertigt werden. Die Kurt-Sache ist hingegen sehr persönlich. Wir hatten genug Zeit, uns immer wieder zu treffen und uns Gedanken zu machen. Der Grund, warum wir heute über ‘Montage of Heck’ reden, ist, weil ich entschied, dass der Film bereit dazu ist, gesehen zu werden.“

Was waren die Reaktionen von Wendy, Courtney, Krist, Tracy und Frances, als sie den Film zum ersten Mal sahen?

„Ich glaube, Frances war ihrem Vater dadurch so nahe, wie sie es nie mehr sein kann. Courtneys Reaktion war ähnlich. Auch für sie war es in den 21 Jahren, die Kurt tot ist, der Moment, an dem sie ihrem Mann am nächsten war. Für Kurts Mom und Krist war es schwer, vor allem die Szenen, in denen Kurt komplett von Heroin beherrscht ist. Wahrscheinlich wäre es ihnen lieber gewesen, dass die Menschen Kurt nie von dieser Seite sehen, aber für mich – und ich denke auch für Frances – war das einfach notwendig.

Jeder weiß, dass Kurt von Heroin abhängig war, dieser Fakt ist einfach allseits bekannt. Aber viel zu selten wird die hässliche Seite dieser Droge unmissverständlich klar gemacht. Um also für Kurt und seine Fans ein wirklich unverblümtes, ehrliches Porträt über einen Künstler auf Heroin zu machen, musste das sein.“

Wie stehen Sie selbst zu diesem Thema?

„Sie sind Deutsche, nicht wahr? Es gibt diesen Film ‘Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo’. Ich habe diesen Film 1981/1982 gesehen, als ich noch sehr jung und ein Fan von David Bowie war. Die abartige Wirkung von Heroin wurde mir erst durch diesen Film bewusst. Als ich älter wurde, habe ich viele Drogen ausprobiert, wahrscheinlich habe ich keine Droge dieses Planeten ausgelassen, aber Heroin würde ich niemals anfassen. Und das eben wegen ‘Christiane F.’.

Ich erinnere mich noch, als ich Kurts Mom und seiner Schwester den Film zeigte und wir uns über dieses Thema unterhielten, abwägten, ob die Heroin-Szenen gezeigt werden sollten. Mir wurde dabei bewusst, dass Kurts Drogenabhängigkeit bisher immer romantisiert wurde und das wollte ich auf keinen Fall tun. Nehmen wir mal an, dass heute, 21 Jahre nach Kurts Tod, jemand diesen Film sieht und sich genauso wie ich damals wegen ‘Christiane F.’ denkt ‘Okay, kiffen kann ich, aber ich werde nie Heroin ausprobieren’, dann hätten wir ein Leben gerettet. Wäre Kurt heute hier und hätte entweder die Chance, ein Leben zu retten oder Millionen Platten zu verkaufen, würde er das Leben retten wollen.“

War es also auch Ihr Wille aufzuklären?

„Nein, ganz und gar nicht. Das ist lediglich ein Nebeneffekt des Films. Meine Intension war es nicht, einen süßen, romantischen Film zu drehen, auch keine massive Bombe zu zeigen, das ist nicht meine Art. Ich wollte keinen Engel und keinen Teufel schaffen, ich wollte ehrlich sein und Kurt in die Augen schauen.“

War das vielleicht sogar Ihr bisher schwierigster Film?

„Rein theoretisch war der Film weit davon weg, schwierig zu sein. Wir hatten Material und gingen chronologisch vor, von der Kindheit über die Jugend bis zum Ende. Was mich allerdings verrückt gemacht hat, waren meine Emotionen. Ich musste die Planung deswegen komplett ändern. Eigentlich war nämlich ein Film aus Kurts Sicht geplant – keine Familien-Interviews, gar nichts, nur Kurt. Allerdings merkte ich, als ich all seine Nachlässe hörte und ansah, dass ich zu viel von Kurt forderte. Er hasste die Öffentlichkeit, es wäre einfach nicht richtig gewesen, den Film so zu gestalten. Deswegen entschied ich mich für Interviews mit seiner Familie.“

Wir danken Brett Morgen für dieses aufrichtige Interview und hoffen, auch Sie werden überwältigt aus dem Kinosaal heraustreten. Vergessen Sie nicht, „Kurt Cobain: Montage of Heck“ wird nur für kurze Zeit in den Kinos zu sehen sein. In unserer Fotoshow zeigen wir Ihnen bereits erste Szenen aus dem ergreifenden Porträt über den Künstler Kurt Cobain.

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