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Au Revoir Raf Simons: Der gefeierte Kreativdirektor verlässt Dior

am 23.10.2015 um 13:38 Uhr

Ein Raunen geht durch die Modewelt, denn damit hatte niemand gerechnet: Der belgische Designer Raf Simons wird seinen Vertrag beim Traditionshaus Dior nicht verlängern, sondern verkündete ganz plötzlich das Ende einer Zusammenarbeit, die nur dreieinhalb Jahre währte. Simons hatte das Label nach Gallianos Skandalabgang übernommen und modernisiert, hatte mit Rihanna und Jennifer Lawrence als Werbegesichter am klassischen Bild der Dior-Femme gerüttelt und uns jede Saison aufs neue mit seinen pointierten, minimalistisch progressiven und höchst femininen Entwürfen begeistern. Wir verabschieden hier und in unserer Bildergalerie ein außerordentliches Kreativgenie und erinnern uns noch einmal an seine schönsten Dior-Momente.

Er war ein skandalfreier Minimal-Ästhet, ein Purist mit unglaublichem Fingerspitzengefühl für feminine Historie und vor allem ein sehr leiser Reformator: Raf Simons gehört sicherlich zu dieser Generation an Designern, die noch nicht bereit sind, sich bis aufs Maximum für die Anforderungen der heutigen Industrie zu verbiegen. Was ihm während seiner letzten Jahren bei Dior sehr zu Gute kam, führte jetzt höchst wahrscheinlich auch zu seinem Fortgang.

Von Fragen und Freiheit: Warum Raf Simons Dior verlässt

„Ich stelle viel in Frage“, sagte Raf Simons noch im Interview mit dem WWD-Magazin am 2. Oktober 2015, kurz vor seiner letzten Fashion Show – und bezog sich damit sicherlich auf den immer unberechenbar werdenden Kurs der Modeindustrie. „Und ich habe das Gefühl, dass auch immer mehr Leute Fragen aufwerfen. Wir fragen uns: Wo geht das noch hin? Es betrifft ja nicht nur die Kleidung. Es ist die Kleidung, es ist das Internet, es ist alles.“ Gerade nun, in Retrospektive, scheint das Interview schon signifikant auf das Ende der Simons-Ära bei Dior hinzudeuten. Wer Fragen stellt, sucht schließlich auch nach Antworten und Simons scheint seine gefunden zu haben.

Er wolle sich nun auf andere Dinge konzentrieren, seine eigene Marke betreuen, aber auch Leidenschaften ausleben, die nichts mit Mode zu tun haben, lautete die Quintessens seines offiziellen Statements: „Nach langer und sorgfältiger Überlegung habe ich beschlossen, meine Position als Kreativdirektor der Damenlinie von Christian Dior zu verlassen. Die Entscheidung basiert ausschließlich und gleichermaßen auf dem Wunsch, mich auf andere Interessen in meinem Leben, einschließlich meiner eigenen Marke, und die Leidenschaften außerhalb meiner Arbeit zu konzentrieren. Christian Dior ist ein außergewöhnliches Unternehmen, und es war ein ungeheures Privileg, ein paar Seiten dieses großartigen Buches beschreiben zu dürfen. Ich möchte Bernard Arnault für das Vertrauen, das er in mich gesetzt hat, danken, und dass er mir die unglaubliche Möglichkeit gegeben hat, in diesem schönen Haus mit diesem erstaunlichen Team arbeiten zu dürfen. Ich hatte auch die Chance, in den letzten Jahren von der Führung von Sidney Toledano zu profitieren. Seine durchdachte, herzliche und inspirierte Arbeit wird ebenfalls eine der wichtigsten Erfahrungen meines Berufslebens bleiben.”

Ein Wunsch nach mehr Freiheiten, ein Befreiungsschlag? In jedem Fall wird wiederholt und besonders nachdrücklich betont, Simons und LVMH-Vorstandschef Bernard Arnault sowie Dior-Geschäftsführer Sidney Toledano hätten sich sehr freundschaftlich verabschiedet. Weitere Statements folgten jedoch nicht, auch nicht zur Frage, wer den Posten übernehmen könnte. Sicherlich der Startschuss für ein heißes, aufgeregtes Stühle-Rücken in den obersten Chefetagen der Modeindustrie.

Simons & Dior: Eine respektvolle Symbiose

Wir werden ihn vermissen: Seinen Feinsinn für historische Einflüsse, seinen Respekt für die Dior-Codes der 40er- und 50er-Jahre, seine unkomplizierte, intellektuelle Attitüde: Das größte Symbol der gelungenen Simons-Dior-Symbiose ist wohl die legendäre „Bar Jacket“ – eine feminine, klassisch taillierte Jacke, die Simons in respektvoller Hommage, modernisiert und variantenreich gleich in seiner ersten Haute-Couture-Kollektion im Herbst 2012 über den Laufsteg schickte. Der belgische Designer, der vor Dior ganze sieben Jahre bei Jil Sander kreiert hatte, sorgte dafür, dass sich ein unter Gallianos Herrschaft verzetteltes Label nur innerhalb von drei Jahren wiederfand.

Die Reformation der Bar Jacket, die eleganten Midi-Mäntel mit Eggshape, die extravaganten Silhouetten zwischen Sanduhr und Babydoll, die schwingenden Glockenröcke, die rauschenden Blumenmuster, viktorianischen Referenzen und transparenten, hauchzarten Stoffe – all dies führte Simons in wenigen Jahren zu einem klassisch-futuristischen Konzept zusammen. Progressiv, erneuert – und doch 100 Prozent Dior. Gerade nach Gallianos barocken Selbst-Profilierungen wirkte der neu eingeschlagene Kurs frisch und natürlich – wie die Ruhe nach dem Sturm.

Was nun passiert ist unklar: Simons hatte in einer Zeit, in der die Absätze von High Fashion und Couture stetig zurückgehen, dafür gesorgt, dass die Einnahmen des Traditionshauses und Megakonzerns LVMH bei stetigem Wechselkurs um circa 15 Prozent zunahmen. Das US-Magazin Woman’s Wear Daily spekulierte über potentielle Nachfolger: Riccardo Tisci von Givenchy und der junge Jonathan Anderson, aktuell Kreativdirektor bei Loewe, seien wohl die heißesten Kandidaten im neuen Dior-Chefposten-Reigen. Auch Lanvins Alber Elbaz und das dynamische New Yorker Duo von Proenza Schouler sind im Gespräch.

Sicher ist für uns aber nur eines: Mit Simons Weggang geht für Dior einmal wieder eine Ära zu Ende und wer auch immer die Nachfolge antritt, wird es nicht ganz leicht haben.

Adieu Monsieur Simons: Stöbern Sie nun durch unsere Bildergalerie und entdeckten Sie die schönsten Dior-Momente der letzten dreieinhalb Jahre .

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