Roman Vardijan: Der Schatzsucher der Nightboutique

am 22.01.2013 um 15:23 Uhr

Unsere Redakteurin und Blogger-Expertin Jenny Halonen aus Schweden berichtet nicht nur von den internationalen Fashion Shows, sondern begibt sich auch immer wieder zu den interessantesten Plätzen und stöbert für Sie die Trends von morgen auf. Lesen Sie hier ihr interessantes Interview mit dem Vintage-Schatzsuscher Roman Vardijan.

Ich traf mich mit dem Gründer der NIGHBOUTIQUE Roman Vardijan in seiner vorübergehenden Galerie. Es war ein regnerischer und sehr grauer Januar-Nachmittag. Er war gerade dabei, sein Vintag-Sale-Event vorzubereiten: Chanel-Handtaschen mussten sortiert und ausgepriesen werden. Mir wurde schon vom Anblick ganz schwindelig: ein Schrank, wie in meinen Träumen, in den ich einfach so hineinlaufen konnte. Für eine Sekunde dachte ich wirklich, ich träume. Eigentlich träumte ich wirklich – nämlich davon, dass das mein Schrank ist. Wenn Sie sich für Fashion interessieren, ist Roman definitiv die richtige Adresse.

Wie alles begann…

Vor sieben Jahren kam der gebürtige Stuttgarter nach Berlin, um Bekleidungstechnik zu studieren, denn zu Fashion fühlte er sich schon immer hingezogen und dazu hat er auch noch einen ziemlich guten Geschmack, gestand er mit einem Lachen. So begann er, seine Wochenenden auf den Berliner Flohmärkten zu verbringen, und wurde schnell richtig gut darin, die richtig guten Stücke zu finden.

Er hatte es einfach im Gefühl. Schon bald erkannten dies auch Stylisten und Vintage-Boutique-Besitzer. Sie kamen auf ihn zu und er wurde von Tag zu Tag bekannter. Seine erste große Veranstaltung fand vor sechs Jahren im legendären Nachtclub Rio in Berlin statt. Ein guter Freund überredete ihn dazu, ein Event in Verbindung mit Vintage zu veranstalten. Das war ein riesiger Erfolg. Das Event stand unter dem Motto „Feuer und Eis“ und im Club befand sich ein riesiger Berg, geformt aus Pappmaché, und jeder Besucher war in neonfarbene Skianzüge gehüllt.

„Jeder war da! Es war verrückt! Ich erinnere mich – die Leute dachten wirklich, wir sind verrückt!“

Die NIGHTBOUTIQUE: Ein Vintage-Himmel

Für die jetzige NIGHBOUTIQUE hat Roman vier Jahre nach den besten Stücken gesucht. Beim letzten Event, mit dem Titel „Gallery Issue“, gab es lediglich zwei Regale mit seltener High-Vintage-Ware. Heute, vier Jahre später, besteht die Sammlung aus über 1.000 Stücken von den bekanntesten Designern: Celine, Hermes, Issey Miyake, YSL und viele mehr, aber nur das Beste vom Besten und hauptsächlich Damen-Kollektionen.

„Frauenkleidung ist viel unterhaltsamer“, erzählt mir Roman. „Die Auswahl ist viel größer, viel bunter und verspielter. Es gibt so viele unterschiedliche Formen und Schnitte und diese Stücke sind auch viel leichter zu finden. Ich habe zwar auch ein paar Männer-Stücke, aber die finde ich eher langweilig. Hosen, Westen, Jackets und T-Shirts. Einfach nicht so verspielt und auch viel schwieriger zu finden.“

„Wenn ich was finde, kaufe ich es! Mir gefällt vor allem der Gedanke daran, wem diese Stücke einmal gehörten, wer sie kauft und für welchen Anlass. Wer sind die Menschen und was tun sie – es ist ein Hobby, mir vorzustellen, wer sich ein bestimmtes Teil kaufen wird.“

„Die große Depression“ war das Motto für die neueste Ausgabe des nächtlichen Shoppens. Roman hat sich darauf konzentriert, Stücke verschiedener High-End-Designer der 1920er Jahre zu finden.

Aber lauschen Sie doch einfach dem Gespräch zwischen mir und Roman:

Wie kamst Du auf das Motto?

Für mich bedeutet Depression immer auch Winter, dunkel und grau. Also was zieh ich an? Ein asymmetrisch gestrickter Rick-Owens-Cardigan ist perfekt für diese Stimmung. Aber nicht nur der Winter und die Dunkelheit, auch der wirtschaftliche Crash aus dem Jahr 2001 schwebte mir da vor. Jeder hat Geld verloren und viele Damen haben ihre Chanel-Handtaschen und Sammlerstücke in Vintage-Shops getragen, weil sie alle das Geld brauchten. In den 90er Jahren war es zum Beispiel viel schwieriger, Vintage-Handtaschen von Chanel zu finden. Und auf einmal, von 2001 bis 2002 ungefähr, hatte jeder Shop Chanel-Handtaschen. Alle Damen brauchten eben das Geld nötiger, also ergriff ich die Chance und kaufte sie.

Natürlich interessiert es mich auch, woher Du die seltensten Stücke bekommst? Wohin gehst Du, wenn Du diese japanischen Avantgarde-Designer-Stücke oder Sammlerstücke von YSL oder Alexander McQueen finden willst? Verrätst Du uns deine Geheimtipps? Wie findest Du deine Schätze?

Ich gehe zu Flohmärkten, hauptsächlich in Berlin, aber ich fahre auch in andere deutsche Städte. Ich habe Angst davor, nach Paris zu gehen, weil ich davon überzeugt bin, dass ich hunderte wunderbare Stücke finden würde – Sammlerstücke und Schmuck, aber das wäre alles sehr teuer. Berlin ist wirklich gut. Viel günstiger und viel kreativer. Jedes Wochenende gehe ich um fünf oder sechs Uhr los. Ich arbeite im Nachtleben – beende also meine Nachtschicht und gehe sofort über in die Tagschicht.

Wow, das ist sehr früh…

Für die Qualität muss ich eben auf die Jagd gehen. Inzwischen habe ich zu den besten Vintage-Shops der Stadt sehr gute Beziehungen und besuche sie sehr oft, manchmal sogar mehrmals die Woche und ich versuche sie dazu zu überreden, die besten Stücke für mich zurückzulegen. Heute rufen mich die Besitzer an, wenn sie etwas sehr Seltenes gefunden haben. Diese Beziehungen aufzubauen, war harte Arbeit und dafür habe ich die letzten sieben Jahre gebraucht. Ich besuche auch immer wieder ältere Damen in West-Berlin.

Auf den Flohmärkten habe ich über die Jahre viele wunderbare Damen kennengelernt und eine Beziehung zu ihnen aufgebaut. Manchmal rufen sie mich an und ich besuche sie und dann zeigen sie mir ihre Kleiderschränke, wir trinken Kaffee und sie erzählen mir von ihren Besuchen in der Pariser Oper, bei denen sie YSL- oder Chanel-Kleider trugen. Es ist sehr persönlich und sehr nett. Jedes einzelne Stück hat eine Geschichte. Diese Momente schätze ich sehr; das ist das, was ich an meinem Job liebe. Es entstehen wunderbare Verbindungen und ich treffe fantastische Menschen.

Und was machst Du zwischen den Events?

Ich stelle ein Archiv zusammen, wo Stylisten Stücke für Photo-Shoots leihen können. In Berlin Mitte habe ich einen Showroom, wo ich nicht alle, aber viele meiner seltensten Stücke ausstelle. Viele meiner Freunde sind Stylisten und sie fragten mich immer wieder,  ob sie sich etwas leihen könnten und so entstand die Idee für das Archiv.

Kann man Stücke aus dem Archiv auch kaufen?

Nein, die verkaufe ich nicht. Das ist für mich emotional zu hart. Alle Stücke in meinem Archiv sind meine Babys. Ich hoffe, bei jedem Event, dass ich nichts verkaufe. Dann muss ich weinen und bräuchte dringend einen Drink.

Welcher Verkauf wäre der härteste? Was würde Dich wirklich zum Weinen bringen?

Schwierig! Es gibt so viele Stücke. All die Chanel-Stücke möchte ich behalten – die Taschen, die Kleider, Schmuck, alles. All meine Stücke haben eine Geschichte. Ich habe sie natürlich nicht selbst getragen, aber trotzdem haben sie eine Geschichte. Stellen Sie sich einmal vor: Es war ein regnerischer Tag, als ich um ein bestimmtes Paar Schuhe auf dem Flohmarkt kämpfte. Endlich bekam ich sie, aber ich fror unheimlich und ich war nass bis auf die Knochen – alles Erinnerungen. Oder als ich erst vor Kurzem mit einer russischen Frau auf einem der Märkte kämpfte. Wir hatten dasselbe Kleid in der Hand und keiner von uns wollte loslassen. Am Ende habe ich gewonnen. Sie war wirklich nicht gerade modisch. Lediglich auf der Suche nach Marken. Es war ein harter Kampf, aber ich habe gewonnen.

Wie entscheidest Du, wohin Du gehst?

Das ist alles Erfahrung und man lernt das mit der Zeit. Als ich damit begonnen habe über die Berliner Flohmärkte zu ziehen, war ich immer erst um zehn Uhr da und habe natürlich nichts gefunden. Also wurde mir klar, dass ich sehr viel früher anfangen muss. Bei Sonnenaufgang musst Du bereit sein, weil es sich sehr schnell füllt und um die besten Stücke musst du dann hart kämpfen. Inzwischen bin ich viel entspannter und streite mich nicht mehr. Wenn man regelmäßig unterwegs ist, weiß man, wo man hingehen kann und wonach du überhaupt suchen möchtest. Du lernst das Beste auszusortieren. Es ist alles eine Frage der Erfahrung.

Es sieht fast so aus, als wäre Chanel Dein Favorit oder bist Du einfach nur gut darin, diese aufzuspüren und kannst es dann einfach nicht lassen?

Ja, nach Chanel schaue ich schon, die verkaufen sich gut und eigentlich geht es auch vielmehr um die Jagd. Ein Chanel-Stück für einen unglaublich guten Preis und in gutem Zustand zu finden, gibt mir wirklich einen Kick. Es ist ein Sport.

Welche Marken magst Du noch? Wonach suchst Du?

Ich mag Issey Miyake, Yohij Yamamato, Comme des Garcon. Diese Marken sind schwer zu finden und natürlich teuer. Ich mag einfach die Geschichte dieser Marken, wie sie angefangen haben und ich finde, sie sind sehr innovativ. Sie haben wirklich ihren eigenen Stil entwickelt. Und für mich, der ich einen Hintergrund in der Textilbranche hab, ist es natürlich sehr aufregend.

Was waren deine größten Fundstücke?

Vor vier Jahren habe ich drei Kleider von Alexander McQueen in einem Vintage-Shop erstanden. Sehr schöne Seidenkleider. Der Besitzer mochte die Kleider nicht wirklich und wollte sie loswerden. Das war noch zu der Zeit, als Alexander McQueen noch lebte. Der Preis war ein wenig zu hoch für mich, aber ich konnte nicht widerstehen. Heute, vier Jahre später, will jeder diese Kleider haben. Nach McQueens Tod waren diese Stücke sehr begehrt, sind sehr wertvoll und sind inzwischen Sammlerstücke.

Ich kann inzwischen Deine Liebe zu Vintage und Frauenkleidung verstehen, aber wie sieht es mit deinem eigenen Stil aus?

Mein Stil ist sehr casual. Ich mag den amerikanischen Vintage-Stil, wie Ralph Lauren, Shirts, Jeans. Ich war seit fünf Jahren nicht mehr in einem richtigen Laden – nur Vintage-Läden und Flohmärkte.

Das letzte Mal hat es vier Jahre gedauert, bis Du das nächste Event gemacht hast. Wird es jetzt auch wieder vier Jahre dauern?

Diese Events vorzubereiten dauert sehr lange und es ist viel Arbeit. Für das letzte Event war ich drei Tage im Store, um alles zu organisieren – vom frühen Morgen bis in die Nacht hinein. Das Event hat dann nur sechs Stunden gedauert. Es ist einfach verrückt. Ich sag niemals nie, aber mal sehen.

Ich danke dir Roman, für dieses Gespräch und zu guter Letzt: Was machst du, wenn du nicht auf den Flohmärkten unterwegs bist? Wie verbringst du deine Zeit in Berlin?

Ich arbeite im Nachtleben, in einer Bar namens Kingsize. Das gehört zu meinem Leben und den Rest der Zeit suche ich nach guten Stücken, laufe über die Flohmärkte und durch die Vintage-Läden. Meine Arbeit ist mein Leben. Wenn ich ein gutes Steak essen will, gehe ich zu Grill Royal, wenn ich Lust auf Koreanisch habe, gehe ich zu Yam Yam. Ansonsten dreht sich bei mir alles um Vintage.

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