Interview

Sport in der Schwangerschaft: Wir haben bei Frauenarzt Dr. Jürgen Gödecke nachgefragt

am 30.01.2015 um 12:48 Uhr

Sport tut dem Körper gut, keine Frage. Gerade jetzt, wenn der Wandel hin zum aktiven, gesunden Lebensstil Eintritt in viele Alltage erhalten hat, überwinden viele Frauen öfter einmal ihren Schweinehund und tun im Fitnessstudio etwas für ihre Figur. Wie aber sollten wir Frauen dem Sport in der Schwangerschaft gegenüber stehen? Sollten wir uns besser vor Überanstrengungen schützen und unserem Körper nicht unnötig zusetzen oder ist Sport genau der richtige Weg, um dem ungeborenen Kind und uns selbst etwas Gutes zu tun? Wir haben beim Gynäkologen Dr. Jürgen Gödecke aus Berlin nachgefragt. Erfahren Sie im desired.de-Interview und unserer Fotoshow , worauf Sie bei Sport in der Schwangerschaft achten sollten.

Joggen oder doch auf der Couch bleiben? Während diese Frage im Alltag oft mit Trägheit in Verbindung steht, befassen sich viele werdende Mütter mit dem Gedanken, ob ihr gewohntes Trainingsprogramm während der Schwangerschaft nicht doch ein wenig zu hoch gegriffen ist. Wir haben bei einem erfahrenen Gynäkologen nachfragt.

Hallo Herr Gödecke. Können Sie vorab allen besorgten, werdenden Müttern die Angst vor Bewegung und Überanstrengung nehmen oder ist die Sorge berechtigt?

„Ja, die Angst kann ihnen genommen werden. In Bezug auf die sportliche Tätigkeit gibt es bei mir immer eine ganz klare Beratung. Der Kernpunkt ist, dass eine gesunde Frau, die keine Herz-Kreislauf-Beschwerden oder ähnliches hat, regelmäßig Sport treibt und dann schwanger wird, auch weiterhin Sport treiben kann und sollte. Es gibt keine einzige Studie, die belegt, dass beispielsweise das Jogging bei gesunden Schwangeren beispielsweise die Fehlgeburtsrate erhöht. Das stimmt nämlich absolut nicht.“

Inwiefern gibt es dahingehend Einschränkungen?

„Wenn eine Frau schon Jahre lang gejoggt ist, sollte sie das auch weiterhin tun. Was sie nicht tun sollte, ist, während der Schwangerschaft mit dem Sporttreiben anzufangen, das wäre ungünstig. Ansonsten soll eine Frau bitte auch weiterhin ihre Yoga-Stunden, den Fitnesskurs oder sonst irgendetwas besuchen. Jetzt kommt allerdings die Quintessenz: Alles ohne hohen Leistungsanspruch. Ich empfehle, die Anstrengung ein wenig herunterzufahren.“

Ist es wahr, dass Sport während der Schwangerschaft die Geburt an sich einfacher, weniger schmerzhaft gestalten kann?

„Ja, Sport ist ganz wichtig. Also erst einmal muss man sich überlegen, dass eine Schwangerschaft eine absolute Höchstleistung des Körpers ist, da sich der Umsatz und die Herz-Kreislaufbelastung enorm erhöhen. Eine trainierte Frau verträgt das selbstverständlich viel besser als eine untrainierte. Dazu kommt, dass Sportarten wie Yoga, Pilates oder Bodengymnastik den Beckenboden und die innere Muskulatur trainieren, was bei einer Schwangerschaft von Nutzen sein kann. Dadurch wird nämlich zum einen der Halteapparat stabilisiert und zum anderen das Verletzungsrisiko während der Geburt verringert. Oft haben Frauen nach einer Geburt zudem ein Problem mit der Inkontinenz – auch hier ist ein stabiler Beckenboden nur von Vorteil.“

Gibt es im Gegensatz dazu auch Fälle, eine sehr junge Schwangerschaft oder die Schwangerschaft nach einer vorangegangenen Fehlgeburt beispielsweise, in denen Sie von Sport abraten?

„So pauschal würde ich das nicht sagen, nein. Zum Thema Fehlgeburt: Eine Fehlgeburt ist nichts Ungewöhnliches. Wir gehen davon aus, dass jede gesunde Frau im Laufe ihres Lebens Fehlgeburten durchmacht, die sie meist gar nicht merkt, weil diese sehr früh stattfinden. Selbst eine festgestellte Fehlgeburt würde bei mir nie dazu führen, dass ich von Sport während der Schwangerschaft abrate. Wenn eine Frau allerdings drei Fehlgeburten in Folge und das bei ungeklärter Ursache durchgemacht hat, dann würde man aus Vorsicht zur Reduzierung der sportlichen Aktivität raten. Maßvolle Sportarten wie Yoga, Pilates, seichtes Walken oder Gymnastik sind aber durchaus immer zu empfehlen.“

Eignen sich dann diese Sportarten auch für Sportanfänger?

„Ist eine Frau komplett untrainiert, wird das schwierig. Eine bestehende Schwangerschaft ist immer ein deutlich ungünstiger Zeitpunkt, um mit einer Sportart anzufangen. Möchte eine Frau allerdings unbedingt anfangen Sport zu treiben, weil sie sich zum Beispiel unwohl fühlt, würde ich Schwangerschaftsgymnastik oder Walken vorschlagen. Hauptsache die Frau kommt nicht – und das ist ganz wichtig – an ihre Leistungsgrenze heran. Es geht im Rahmen einer Schwangerschaft nicht um die Leistungssteigerung, sondern lediglich um moderates Training. “

Gibt es in den unterschiedlichen Schwangerschaftsphasen Differenzen, zu dem was eine Frau in sportlicher Hinsicht durchführen kann und was nicht?

„Wir dritteln Schwangerschaften. Im ersten Trimenon sagen wir, dass eine Frau alles machen kann, sie sollte allerdings nicht an ihre Leistungsgrenze geraten. Im zweiten Drittel sollte die Anstrengung ein wenig heruntergefahren werden. Wenn eine Frau also normalerweise viermal wöchentlich für 60 bis 90 Minuten joggt, sollte sie das Ganze nun auf etwa 45 Minuten reduzieren und mit langsamerer Geschwindigkeit laufen. Im dritten Drittel reduziert sich das meistens von selbst, weil die Frauen einfach nicht mehr so belastbar sind. Ich habe aber selbstverständlich nichts dagegen, ich freue mich zugegebenermaßen sogar, wenn ich hochschwangere Frauen beispielsweise im Schwimmbad sehe. Die sollen um Gottes Willen nicht auf Zeit das Kraulen anfangen, aber dreimal die Woche für 30 Minuten Bahnen ziehen, ist gar kein Problem.

Das alles gilt aber nur solange die Schwangerschaft unproblematisch verläuft. Wenn eine Blutung auftritt, der Mutterkuchen schlecht sitzt, eine Frühgeburt im Raum steht oder irgendwelche Erkrankungen im Rahmen einer Schwangerschaft bestehen, dann wäre das Gesagte völlig obsolet. Dann darf kein Sport getrieben werden.“

Viele Frauen ersetzen ihr gewohntes Ausdauertraining während der Schwangerschaft durch leichtes Krafttraining, ist das klug?

„Nein. Die Erhaltung der Muskulatur ist eine sehr wichtige Komponente. Das, was bei einer Schwangerschaft allerdings am meisten belastet wird, ist das Herz-Kreislauf-System. Wer also denkt, er müsse sein gewohntes Ausdauertraining mit Voranschreiten der Schwangerschaft durch Krafttraining ersetzen, reduziert eindeutig seine Leistung, wird womöglich früher kurzatmig oder ähnliches. Schwangere Frauen können also durchaus bei der Sportart bleiben, die sie gewohnt sind und die ihnen gut tun.“

Die Stauchung beim Joggen macht einem Baby also gar nichts aus?

„Nein, die  sind darauf ausgelegt. Die Gebärmutter ist ein hängendes Organ, heißt also, dass das Kind auch im ersten Monat schon ordentlich durchgeschüttelt wird. Dem Ungeborenen ist es egal, ob es wackelt, weil Sie durch den Wald laufen oder weil Sie zum Bus hetzen.“

Was sagen Sie zu Mannschaftssportarten während einer Schwangerschaft?

„Ich würde Individualsportarten definitiv Mannschaftssportarten vorziehen, das liegt allerdings nicht an der Schnelligkeit oder dem Kontakt zu anderen Menschen, sondern lediglich daran, dass das Verletzungsrisiko im Team deutlich höher ist. Das muss man während einer Schwangerschaft nun wirklich nicht provozieren.“

Sie sprachen den Kontakt zu anderen Menschen an. Im Fitnessstudio oder beim Yoga-Kurs ist man ebenso mit anderen Menschen zusammen, erhöht sich dadurch nicht auch das Infektionsrisiko?

„Direkten oder ungeschützten körperlichen Kontakt hat man bei den wenigsten Sportarten, deswegen ist die Infektionsgefahr so gering, dass sie nicht relevant ist. Grundsätzlich sollte man Sport nur mit seinen eigenen Utensilien (Handtuch, Matte und Co.) durchführen. Ebenso gibt es in jedem gut organisierten Fitnessstudio Reinigungsmöglichkeiten, von denen man nicht nur während der Schwangerschaft vor dem Benutzen eines Gerätes Gebrauch machen sollte.“

Woran kann man ausmachen, ob ein Workout nicht doch zu intensiv war?

„Beim Ausdauersport ist das ganz klar der Puls, die Leistungsgrenze darf wie gesagt nicht angestrebt werden. Ich würde je nach Alter einen Puls zwischen 110 und 130 respektieren. Höher sollte er allerdings nicht sein. Kurzatmigkeit oder Erschöpfung sollen während einer Schwangerschaft nicht die Folge eines Trainings sein und sind sie es doch, muss der Leistungsanspruch eben ein wenig gesenkt, aber nicht ganz aufgegeben, werden.“

Wir danken Herrn Dr. Gödecke vielmals für dieses sehr aufschlussreiche Interview und haben in unserer Fotoshow noch einmal die wichtigsten Fakten zum Sport in der Schwangerschaft für Sie zusammengefasst.

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