Kolumne

Skinny Shaming: Die Debatte um Body Shaming geht in die nächste Runde

am 25.11.2015 um 17:13 Uhr

Zu dick? Nein, zu dünn! Während den meisten das ‚Fat Shaming‘ mittlerweile ein Begriff ist, scheint das neue Buzz-Wort in die entgegengesetzte Richtung zu schlagen. ‚Skinny Shaming‘ bezeichnet das Diskriminieren von zu schlanken Körpern mit verletzenden Begriffen. Während sich kürzlich einige aufgebrachte Supermodels zu Wort meldeten und sich lautstark gegen jegliche Magersuchtsvorwürfe aussprachen, muss man sich dennoch die Frage stellen, ob man die beiden Körper-Kritiken tatsächlich auf eine Ebene stellen kann. Erfahren Sie hier und in unserer Bildergalerie alles zu unserem kleinen Plädoyer für mehr Differenzierung.

Dass das Diskriminieren von individuellen Körperformen grundsätzlich ein absolutes No-Go ist, ist mehr als klar: Niemand sollte sich so fühlen, als sei der eigene Körper nicht ‚gut‘ genug, niemand sollte sich in seiner Haut unwohl fühlen müssen. Aber kann man das Skinny und Fat Shaming wirklich als Gegensätze bezeichnen?

Skinny Shaming: Die Mager-Kritik

„Sie sind jung, sie sind dünn, aber das heißt nicht, dass sie krank sind!“ Dieser Satz von Designerin und bekennender Size-Zero-Größe Victoria Beckham heizte die aktuelle Diskussion um das ‚Skinny Shaming‘ erst so richtig an. Nach der letzten New York Fashion Week hatte es nämlich Kritik für die Show der Britin gehagelt: Die Models seien nicht nur dünn, sondern gefährlich abgemagert. Hatte Beckham sich nicht vor einigen Jahren eindeutig gegen Magermodels ausgesprochen und die Size-Zero zumindest von ihrem Laufsteg verbannt? Vor allem das 17-jährige Model Peyton Knight musste so einiges einstecken: Von hunderten Instagram-Nutzern wurde sie als „Skelett“, „hässlich“ und „krankhaft magersüchtig“ bezeichnet. Beckham fand für den ganzen Mager-Shitstorm in einem Interview mit dem UK-Magazin „The Telegraph“ deutliche Worte: Es sei eine Schande, dass Menschen zu anderen Menschen so gemein sein könnten.

Auch das „Victoria’s Secret“-Model Bridget Malcolm wurde jüngst zum Gegenstand der Skinny-Shaming-Debatte: Nachdem sie ein Bikini-Selfie von sich gepostet hatte, auf dem sie sichtlich sehr schlank und sehr durchtrainiert posierte, hagelte es nicht wie erwartet Anerkennung, sondern vor allem Häme und Kritik für ihre Figur. In einer sehr emotionalen Antwort machte Malcolm dann ihrem Ärger Luft: „Können wir bitte mit dem ‚Skinny Shaming‘ AUFHÖREN? Ich bin extrem fit und gesund, und in keinster Weise magersüchtig. Ich habe sehr hart gearbeitet, um so auszusehen, wie ich aussehe, und ich bin stolz auf meinen Körper. Ich mag nicht die Kurvigste sein, aber ich bin eine Frau, die das Recht hat, so auszusehen, wie sie aussieht. Vielleicht solltet ihr heute in euch gehen und euch fragen, warum ihr den starken Drang verspürt, Fremde im Internet anonym hinsichtlich ihrer Körper zu diskriminieren. Frieden und Liebe an alle – lasst uns doch bitte das Thema wechseln!”

Fakt ist: Ob dick, dünn, kurvig, normal, klein oder groß – niemand sollte für seinen Körper in einer verletzenden Art und Weise angegriffen werden. Ob eine gute Bekannte, eine Fremde im Café oder ein „Victoria’s Secret“-Model – was gibt uns das Recht über andere zu urteilen? Das Wichtigste ist, dass man sich in seiner eignen Haut wohl fühlt und gesund ist. Gesundheit ist natürlich ein sehr wichtiger Schlüsselpunkt, der eine Art Rahmen spannt und die Grenze bei einem als ‚ungesund‘ geltenden Körpergewicht zieht. Bei sowohl Adipositas als auch Anorexie hört das Shaming auf und fängt eine neue Art der Debatte an, die in eine gänzlich andere Ecke gehört.

Wenn wir wirklich endlich body-positive agieren und alle Körperformen zelebrieren wollen, dann gibt es in dieser Gesellschaft weder Platz für ‚Fat‘ noch für ‚Skinny Shaming‘. Beides sind inakzeptable Auswirkungen eines patriarchischen Kapitalismus, der uns von der Mode- und Diät-Industrie auferlegt wird und bis tief in unsere eignen Unsicherheiten reicht.

Same same but different: Der kleine, aber wichtige Shaming-Unterschied

Während also sowohl ‚Skinny‘ als auch ‚Fat Shaming‘ soziale Werkzeuge für Unterdrückung und Verunsicherung sind, und man sie beide als asozial verurteilen muss, kann man sie trotzdem nicht als ‚gleich‘ oder ‚gegensätzlich‘ bezeichnen. Wieso? Während beide Systeme sexistisch sind, weil sie den weiblichen Körper alleine aufgrund seines Aussehens diskriminieren, ist das ‚Fat Shaming‘ jedoch nicht nur an den Sexismus gebunden, sondern reicht auch an eine andere Schnittstelle der Unterdrückung, die gesellschaftlich verankert ist.

Wir bewegen uns in einer Welt, die den dünnen und fitten Körper zu ihrem Schönheitsideal gemacht hat, während der dicke Körper dämonisiert, als faul, unattraktiv, ungesund und unglücklich empfunden wird. Die Weiterführung des ‚Fat Shamings‘ ist folglich eine Art ‚Fatphobia‘: Die grundsätzliche Verachtung des Dickseins. Dieser verlängerte, gesellschaftliche Arm fehlt beim ‚Skinny Shaming‘ jedoch vollkommen und es ist sehr wichtig, dass man das begreift: Hier agiert kein ganzes kollektives Empfinden, sondern einzelne, individuelle Stimmen. Währenddessen reicht die Anerkennung und der Respekt für das Dünnsein bis in die Tiefen der Gesellschaft und ist regelrecht in die soziale Struktur für Schönheit, Privileg und Erfolg mit eingewebt.

Unser Fazit: Nein, das ‚Skinny Shaming‘ ist nicht gleichzusetzen mit dem ‚Fat Shaming‘, welches ein ganzes System von Unterdrückung und gesellschaftlicher Ächtung mit sich zieht. Ist es trotzdem ein sexistisches und verletzendes Verhalten? Absolut. Wenn wir endlich ganz erfolgreich gegen alle Arten des Body Shaming vorgehen wollen, müssen wir uns endlich mit der Idee anfreunden, dass sich niemand wegen seines Körpers schlecht fühlen sollte. Und wenn wir alle lernen würden, uns ein bisschen mehr so zu akzeptieren wie wir sind, dann wären wir auch nicht so schnell dabei, andere aus unserem eignen Minderwertigkeitsgefühl heraus zu verurteilen. Peace.

Impressionen zum Thema „Skinny Shaming versus Fat Shaming “ finden Sie in unserer Bildergalerie.

Kommentare


Luxus: Mehr Artikel