Interview

“Sie können den Salat ja essen!”: Ein Gespräch mit Udo Pollmer

am 18.06.2014 um 16:09 Uhr

Das große Schlemmen hat noch gar nicht richtig begonnen, aber Sie denken schon jetzt darüber nach, wie Sie spätestens ab Neujahr das Projekt „rank und schlank“ angehen könnten? Oder beschäftigen Sie sich schon länger mit dem Gedanken, sich doch einmal intensiver mit veganer und/ oder biologisch wertvoller Ernährung auseinanderzusetzen? Schließlich fahren Ihre Kolleginnen damit ja ganz gut. Oder sollten Sie vielleicht doch mal diese Ernährungsberaterin aufsuchen, von der Ihnen Ihre Nachbarin immer so vorschwärmt? Warum Ernährungsexperte Udo Pollmer Ihnen raten würde, das tunlichst zu unterlassen, erfahren Sie heute hier im desired.de-Interview.

Mit Publikationen wie „Wer gesund isst, ist selber schuld“, „Esst endlich normal“ oder „Prost Mahlzeit: Krank durch gesunde Ernährung“ sowie regelmäßigen Kolumnen in Zeitung oder Radio macht der studierte Lebensmittelchemiker Udo Pollmer regelmäßig auf sich aufmerksam. Warum? Weil seine Thesen provokant und kritisch sind und herkömmliche Auffassungen von Diät und gesunder Ernährung in ihren Grundmauern erschüttern.

„Sie können den Salat ja auch essen“

Man kennt sie ja, die Vorurteile, aber nein, wir in der desired.de-Redaktion essen nicht nur ein Salatblatt am Tag – ganz im Gegenteil. Doch ab und an, wenn das schlechte Gewissen wieder steigt, greift der eine oder andere doch zum ach so gesunden Salatteller – natürlich ohne Brotbeilage. Doch treffen wir hier wirklich die richtige Entscheidung, Herr Pollmer?

„Sie können den Salat ja auch essen – da ist ja nichts gegen einzuwenden. Es gibt ja alle möglichen Ernährungsweisen auf diesem Globus – in manchen Regionen essen sie Termiten und Maden, woanders essen sie Kutteln und Lungenhaschee, es gab sogar ein Völkchen, das hat Seehundkot als Delikatesse verspeist – jedem das Seine! Der entscheidende Punkt ist, dass Menschen, die einer sinnvollen Arbeit nachgehen, natürlich dafür auch Energie brauchen und der Salat liefert ihnen logischerweise keine Energie. Um diese Arbeit leisten zu können, müssen Sie also zu Ihrem Kopfsalat etwas Anständiges essen, etwas, was ihnen die nötigen Kalorien liefert. Deshalb ist es sinnvoller, dass Sie Ihre Lasagne oder Currywurst mit Pommes oder was auch immer speisen. Ohne Mampf kein Kampf! Wer glaubt, mit einer Flasche Wasser und einem Salat durch den Tag zu kommen, sollte seiner Leistungsfähigkeit zuliebe doch lieber an den Weihnachtsmann glauben. Aus den Erfahrungen, die man aus den Kantinen hat, ist eh bekannt, dass dieser Personenkreis, der demonstrativ mittags einen Salat leckt, gegen zwei Uhr wieder in der Kantine auftaucht, um sich ein süßes Teilchen und einen Kaffee einzupfeifen.“

„Sich vegan und Bio zu ernähren, gilt ja heute als das moralisch Höchste“

Achtung, Ironie. Denn auch hier setzt Pollmers Kritik an. Uns hat nämlich einmal interessiert, was der Ernährungsexperte zum momentan wieder einmal sehr beliebten Vegan-Trend zu sagen hat. Ein Trend, der auch Teile der desired.de-Redaktion erfasst hat.

„Sich vegan und bio zu ernähren, gilt ja heute als das moralisch Höchste, was man erreichen kann, – wenn es für Wesentliches nicht reicht. Das Schöne dabei ist, dass vegan und bio überhaupt nicht zusammenpassen. Deshalb nicht, weil die Biobauern keinen Kunstdünger einsetzen dürfen, sondern „natürlichen“ Wirtschaftsdünger benötigen. Der Wirtschaftsdünger kommt immer aus dem Hintern eines Tieres. Das ist der Grund, warum im biologischen Landbau die Tierhaltung eine so zentrale Bedeutung hat, denn nur damit ist der Bioanbau in der Lage, die Bodenfruchtbarkeit einigermaßen zu erhalten. So lange jemand also ganz bescheiden sein veganes Biozeug verzehrt, mag es ja angehen. Aber viele Bioveganer halten sich ja für was Besseres. Dabei sollten sie bei jeder Mahlzeit all jenen gegenüber mit tiefer Dankbarkeit erfüllt sein, die für sie bereit sind, das ganze Fleisch, den Käse und die Eier zu verzehren, damit genügend Fäkalien übrig bleiben, um auch die veganen Wünsche befriedigen zu können.

Viele Veganer ernähren sie sich vegan, weil sie den Tieren nix tun wollen. Sie verzehren auch keinen Honig, weil die Bienen ja bekanntermaßen in diesen Waben in tierquälerischer Massenhaltung gehalten werden. Die meisten realisieren aber gar nicht, dass sie die Bienen brauchen, um Obst und Gemüse ernten zu können, weil die Bienen natürlich im großen Stil für die Bestäubung jener Pflanzen sorgen, die die Veganer so gerne essen. Ohne Bienen wird der Bestand an Wildbienen, Hummeln etc. niemals reichen, um die Veganer in irgend einer Weise satt zu kriegen.

Natürlich steckt hinter dem Veganismus der Glaube, dass bei dieser Ernährungsform kein Tier, also kein possierliches Säugetier sterben muss. Nehmen wir mal ein veganes Früchtemüsli, und fragen wir, wo die Früchte herkommen? Aus einer Obstplantage. Und damit man dort etwas erntet, müssen die süßen Wühlmäuschen regelmäßig vergiftet werden. Und wo kommen die Flocken für das Müsli her? Aus einem Getreidelager, das üblicherweise Mäuse und Ratten anzieht. Deshalb muss man überall auf der Welt in den Lägern diese Ratten und Mäuse bekämpfen – auch das sind possierliche Nager, die manch ein Tierfreund wie Katzen und Hunde als Haustier hält. Sonst hinterlassen die Nager korinthenartige Dinge im Getreide: Mäuseköttel sehen für Verbraucher aus wie Rosinen. Rattenschiet ist ein bisschen größer, das kann man leicht mit Trockenfrüchten verwechseln, sie schmecken aber anders. Weil diese Tiere klug sind, nimmt man Gifte, die erst nach drei oder vier Tagen zum Tode führen, damit die schön langsam sterben. So können die Nager nicht rausfinden, wo das Gift drin war. Diese netten, possierlichen Säugetiere mit den hübschen Augen werden also auf grausige Weise abgemurkst. Dies geschieht im Namen der Veganer – denn sonst gibt’s keine vegane Kost.
Wären sie aufrichtig, dann würden sie den Metzger einen guten Mann nennen, weil der hat gelernt, wie man Tiere in einer Weise schlachtet, dass man sich dessen nicht schämen muss. Beispielsweise bei der heute üblichen Kohlendioxidbetäubung bekommt das Tier überhaupt nichts mehr davon mit. Das wissen wir aus den Erfahrungen am Menschen. Das Gefährliche an einer Kohlendioxidvergiftung ist ja, dass der Betreffende davon meist gar nichts merkt. Veganismus ist also kein Zeichen von besonderer Tierliebe sondern von unsittlicher Heuchelei.“

„Solange Sie dicker werden, ist alles okay!“

Kommen wir doch einmal zum ständigen Gewichtsdebakel, denn es vergeht kaum ein Tag, an dem es nicht einen neuen Diät-Trend gibt und nicht mindestens einer aus dem Bekanntenkreis gerade unter den Belastungen des Gewichtskampfes leidet. Ein Phänomen, das wir laut Udo Pollmer jedoch getrost ignorieren können – und sollten.

„Ständig sehen, hören und lesen wir, dass man vom Essen dick wird. Man sieht es mit eigenen Augen: alle Menschen essen jeden Tag immer wieder und alle werden sie im Lauf der Zeit dicker. Das hängt damit zusammen, dass alle Säugetiere im Laufe ihres Lebens zunehmen und der Fettgehalt des Körpers steigt. Wenn der nicht steigt, dann ist irgend etwas faul. Solange Sie dicker werden, ist alles okay. Vergleichen Sie doch einfach mal den Körperbau einer Frau im Laufe ihres Lebenszyklus: Als Mädchen ist sie noch knabenhaft schlank, in der Pubertät kommen die Reserve-Fettpolster dran, damit sie in der Lage ist, eine Schwangerschaft auszutragen. Mit der Zahl der Geburten schwindet die Taille. Im Klimakterium, früher hieß das übrigens Matronenalter, steigt der Fettanteil bei den meisten abermals. Im Greisenalter geht’s wieder runter. Das heißt, diese körperlichen Veränderungen, die im Laufe des Lebens erfolgen, gehören ganz normal zum Leben dazu. Viele Menschen bekommen aber Panik, wenn sie feststellen, dass irgendwelche Klamotten, die sie vor zehn Jahren getragen haben, nicht mehr passen. Wenn Sie nicht mehr passen, ist alles in Ordnung – wenn sie passen, dann stimmt womöglich irgendwas nicht.“

„Die Boshaftigkeit der Ernährungsberatung“

Aber was, wenn frau sich trotz aller guten Ratschläge und Hinweise auf das vollkommene Normalsein nicht mit ihren Kilos abfindet? Letzte Instanz Ernährungsberatung? Udo Pollmer, der lange Ernährungsberaterinnen ausgebildet hat, würde Ihnen da ganz klar von abraten.

„Die Ernährungsberatung wendet sich primär an Frauen und sie wird überwiegend von Frauen ausgeübt. Damit ist auch klar, worum es im Beratungsgespräch geht: Es geht um Frage, wie werde ich jünger und schlanker. Die Antwort ist klar: mit Diät und Sport. Doch wenn es Ihnen damit gelingen sollte abzunehmen, dann verschwindet ja nicht unbedingt die Reiterhose, sondern bei den meisten Frauen logischerweise das Reservefett und dann macht halt als aller Erstes ihr Busen schlapp. „Abnehmen“ führt doch nicht zur Bikinifigur! Das kennen übrigens alle Frauen, die sich von Diät zu Diät quälen und den Tag verfluchen, an dem sie mit ihrer ersten Diät angefangen haben. Weil sie, und das ist der häufigste Effekt, von den Diäten immer dicker werden. Vorzugsweise am Bauch – also dort, wo es frau rein gar nicht gebrauchen kann. Mit der Diätberatung lässt sich jede Konkurrentin über kurz oder lang ausschalten. Dazu kommt noch ein Effekt: Wer eine eine Diät macht, wird zu allem Überfluss auch unausgeglichen, depressiv und leicht reizbar. Damit wird auch noch das soziale Umfeld der Frauen unter Druck gesetzt – sowohl am Arbeitsplatz als auch in der Familie. Die Kinder leiden am meisten, wenn Mama wieder auf „Diät“ ist. Freunde gewinnt damit niemand. Jede Ernährungsberaterin, die diese Empfehlungen gibt – Kalorien sparen, weniger Fett, etwas mehr joggen –, kennt diesen Effekt. Sie weiß genau, was sie tut.“

In diesem Sinne, wünschen wir gerade kurz vor Weihnachten, natürlich allen einen gesunden Appetit! Wir danken Udo Pollmer für dieses aufschlussreiche Gespräch und falls Sie noch mehr von und über Udo Pollmer erfahren wollen, können wir Ihnen seine Kolumne „Mahlzeit“ beim Deutschlandradio, die es auch als Podcast gibt, nur wärmstens ans Herz legen. Klicken Sie sich durch unsere Bildergalerie und lernen Sie noch weitere interessante Ansichten von Udo Pollmer kennen.

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