Erschöpfte Erzieherin in der Kita
Katharina Meyeram 24.05.2017

Eltern haben es sowieso schwer. Egal, ob berufstätig oder nicht, alleinerziehend oder nicht, die Sorge um das Wohl des Kindes haben sie alle gemeinsam. Umso krasser scheint dieser offene Brief einer Erzieherin, die für Helikopter- und gegen Karriereeltern plädiert.

Ilona Böhnke, die 40 Jahre lang als Erzieherin gearbeitet hat, schreibt seit April 2017 einen Blog in der Rubrik „HuffPost-Voices“ der „Huffington Post“. In einem aktuellen Beitrag geht es darum, dass heutzutage vor allem Helikoptereltern kritisiert würden, die ihr Kind mit ihrer ständigen Anwesenheit und übertriebenen Fürsorge ersticken würden.

Von der Kritik, dies würde den Nachwuchs zu unselbstständigen Menschen werden lassen, die Probleme mit Abnabelung haben, will Böhnke, die selbst zweifache Mutter ist, nichts wissen. „Ich finde das toll“, schreibt sie, und führt weiter aus: „Zu viel kümmern gibt es gar nicht. Ein ganz anderer Erziehungstrend ist viel schlimmer, auch wenn moderne Eltern es nicht wahrhaben wollen.“

Berufstätige Eltern sind schlimmer

Erzieherin spielt mit Kindern

Wollen einige Eltern ihre Kinder nur abschieben?

Für sie machen nicht die Eltern etwas falsch, die ihr Kind jeden Tag zur Kita, zur musikalischen Früherziehung, zum Schwimmunterricht und zu Spieldates bringen und wieder abholen, dabei stolz Filme drehen oder Notizen machen und den Erziehern sagen, was sie mit den Kleinen machen sollen (auch wenn sie zugibt, dass das ganz schön nerven kann). Böhnke lässt sich eher über berufstätige Eltern aus, „die die Kinder nur weggeben wollen“.

„Das sind oft – aber nicht nur – die Leute, die einen tollen Job haben und viel Geld verdienen. Die besorgen sich dann ein großes Haus mit Garten und in diesem Nest fehlt dann noch ein Kind. Man muss ja heutzutage alles haben. Zu dem Bild der perfekten Familie gehört eben ein Kind. Problem ist nur, alles haben geht eben nicht. Und dann wird das Kind von Anderen erzogen. […] Ich weiß von Eltern, die sich nicht mal einen Hund holen würden, weil sie wissen, dass sie keine Zeit finden werden. Aber Kinder haben sie trotzdem.“

Krasse Worte! Was dann fehlt, so Böhnke, sei die Bindung zwischen Eltern und Kind. „Die Kinder lernen im Kindergarten richtig sprechen, sich nicht zu hauen, wie man sich beim Essen benimmt. Aber die Kinder wollen eigentlich immer am liebsten bei den Eltern sein. Und wenn die Eltern einen dann immer abschieben, wie soll sich ein Kind da fühlen? Dann hat es keine Wurzeln.“

„Ihr müsst keine Kinder haben!“

Berufstätige Mutter mit Kind

Kind und Karriere? Böhnke sagt: “Ihr verpasst alles!”

Wie in einem Versuch, die Karriereeltern, deren Realität nun einmal häufig so oder so ähnlich aussieht, zu beschwichtigen, schreibt Böhnke weiter, dass sie sich um ihre Kinder, wenn denn bereits welche da seien, keine Sorgen machen müssen: „Wir Erzieher kümmern uns um eure Kinder. Egal wie früh ihr sie abgebt. Wir helfen ihnen beim Start ins Leben. […] Alles wird gut gehen.“

„Aber, liebe Karrieremenschen, wenn ihr noch keine Kinder habt, dann bitte ich euch, lasst euch nichts einreden: Ihr müsst keine Kinder haben. Man kann auch gut ohne. Ihr tut da keinem einen Gefallen. Es ist nicht schlimm, wenn euch etwas anderes erfüllt. Ja, man kann beides machen. Aber dann man muss sich eben bewusst sein, dass eines Tages die Erzieherin sagt: ‘Heute ist er das erste mal gelaufen‘, ‘Heute hat sie ihr erstes Wort gesagt‘ […] Ihr werdet viel verpassen und wenig von den kleinen Menschen wissen, die ihr in die Welt gesetzt habt. Eure Kinder werden ihren Weg gehen, nur werdet ihr nicht die sein, die sie dabei begleiten. Wenn ihr damit klar kommt, ist das OK. Ich finde die Vorstellung todtraurig.“

Den kompletten Beitrag findest du übrigens hier!

Warum ich solche Beiträge problematisch finde

Natürlich. Wer ein Kind in die Welt setzt und sich danach nur noch einen feuchten Dreck um sein Wohlergehen kümmert, hätte sich das mit dem Elternwerden vielleicht besser nochmal überlegen sollen. Aber seien wir doch mal ehrlich. Wir leben in einer Welt, in der wir es uns zwar vielleicht aussuchen können, ob wir Kinder bekommen, aber nicht (oder nur unter gewissen Umständen), ob wir arbeiten gehen. Wenn Eltern auch nach dem Baby wieder in Vollzeit arbeiten, geschieht das ja oft nicht aus ihrem eigenen Wunsch heraus – viele MÜSSEN einfach Vollzeit arbeiten, um die Familie finanziell tragen zu können. Jetzt kann man sich natürlich hinstellen und sagen „Dann hättest du besser einfach kein Kind bekommen“, aber nur weil jemand trotz Kind auch arbeiten kann, muss oder will, ändert das nichts an seinem Wunsch nach einer Familie oder seinen Fähigkeiten, ein Kind großzuziehen.

Ich glaube, wir wissen alle, dass Erzieher es nicht leicht haben und für die wichtige Aufgabe, die sie übernehmen, viel, viel zu wenig Geld bekommen. Aber gerade deshalb sollte man in so einer Situation Verständnis dafür haben, dass manche Eltern es sich nicht aussuchen können – oder einfach anders aussuchen als andere und nicht 24/7 um ihr Kind herumschwirren. Nicht, weil keine Bindung da ist, nicht, weil sie es nicht lieben, nicht, weil sie es einfach nur wollten, weil es so schön zum Haus passt – sondern einfach, weil es unterschiedliche Lebensstile gibt, die für unterschiedliche Leute unterschiedlich gut funktionieren.

Bildquellen: iStock/DGLimages, iStock/diego_cervo, iStock/IuriiSokolov


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Was denkst du?

  • eeT3iof am 30.05.2017 um 09:47 Uhr

    Ich bin so geschockt das mir glatt die Worte fehlen. Die Nachworte nach dem offenen Brief fand ich sehr gut gewählt. Die Erzieherin die den Brief geschrieben hat würde ich gern mal sprechen. Glaubt die ernsthaft man geht nur arbeiten weil man Bock drauf hat?? Ganz bestimmt nicht, ich werde nach einem Jahr wieder arbeiten gehen weil es sein muss und so geht es ganz vielen. Nichtsdestotrotz hatte ich den Wunsch Mutter zu werden und mein Mann den Wunsch Vater zu werden. Aber betrachten wir das ganze doch mal von einer anderen Seite. Was ist denn mit den Berufstätigen Vätern? Die Tag für Tag Überstunden machen - damit die Frau zuhause bleiben kann, bei der Arbeit mit Fotos vom Babyschwimmen angeben ihr Baby aber allerhöchstens schlafend sehen oder wenn ihre nicht arbeitende Frau Ihnen ein Video schickt wie es zum ersten Mal läuft oder spricht. WO IST DER UNTERSCHIED? Ist es bei Vätern ok wenn sie arbeiten und bei Müttern nicht? Ich will und werde mein Kind nicht dauernd ABSCHIEBEN wenn ich arbeiten gehen muss, sondern ich gebe es für ein paar Stunden in gute Hände, doch dank solcher Menschen wie dieser Erzieherin haben die meisten Berufstätigen Frauen immer diese nagende stimme im Kopf die ihr einredet sie sei eine schlechte Mutter die am besten nie ein Kind bekommen hätte. Egal wie liebevoll und intensiv sie die freie Zeit mit ihrem Kind verbringt (wovon eine Erzieherin übrigens nichts weiß) Ich selbst bin das Kind einer arbeitenden Mutter und ich fühlte mich nie abgeschoben. Meine Mutter hat mich erzogen und ich bin so stolz darauf sie als Mutter gehabt zu haben, sie war bis zu ihrem Tod meine engste Vertraute und wichtigste Bezugsperson und das obwohl sie arbeiten war und zwar Vollzeit - mir hat nie etwas gefehlt weil sie die freie Zeit einfach wundervoll gestaltet hat.

    Antworten
    • Katharina Meyer am 30.05.2017 um 11:01 Uhr

      Danke für deinen Kommentar! Ich sehe es genauso wie du und finde es überhaupt nicht gut, dass berufstätigen Müttern/Eltern/Vätern so ein schlechtes Gewissen eingeimpft wird. Lasst euch nicht unterkriegen, ihr macht das alle toll!