Studie

Regretting Motherhood: Wenn Eltern das Kind bereuen

Katharina Lübkeam 11.08.2016 um 15:26 Uhr

Das eigene Kind ist für viele das größte, reinste und bereicherndste Glück der Welt. Das zu bezweifeln, empfinden manche als unverschämt, gar das Gegenteil zu behaupten, ist ein Tabu. Eine Studie des Markt- und Meinungsforschungsinstituts YouGov aber rüttelt nun an der Idylle vom reinen Elternglück und untersucht das Phänomen des „Regretting Motherhood“ – der Reue über die Elternschaft. Jedes fünfte Elternpaar in Deutschland würde sich nicht noch einmal für Kinder entscheiden. 

YouGov wollte dem Phänomen der elterlichen Reue auf dem Grund gehen, nachdem 2015 die Studie „Regretting Motherhood“ der israelischen Soziologin Orna Donath ein ähnliches Ergebnis, allerdings lediglich unter Müttern, zutage gefördert hatte. Darin sagten die befragten Frauen aus, sie fühlten sich in ihrer Rolle als Mutter gefangen. Zwar liebten sie ihre Kinder, aber gleichzeitig hassten sie es, Mutter zu sein. Manche bereuten sie ihre Mutterschaft schon in der Schwangerschaft. Auf Amazon gibt es die Studie jetzt auch als Buch.

Regretting Motherhood

Die Studie Regretting Motherhood rüttelt an der Idylle vom reinen Elternglück

Jeder Zweite kann Reue verstehen

Die YouGov-Forscher befragten für ihre repräsentative Studie rund 1228 Eltern. 20 Prozent der Befragten stimmten der Aussage zu: „Wenn ich mich heute noch einmal entscheiden könnte, würde ich keine Kinder mehr bekommen“. Sieben Prozent waren sich unsicher und immerhin 73 Prozent verneinten. Mehr als jedes zweite Elternpaar konnte das Gefühl der Reue verstehen.

Bei nur jedem fünften der Mütter und Väter, die ihre Elternschaft bereuen, war die Schwangerschaft unerwünscht. Das heißt, dass bei 80 Prozent Kind und Elternschaft explizit gewünscht waren, sich nach der Geburt aber Reue entwickelte.

Kind stört persönliche Entfaltung

Regretting Motherhood

Jede zweite Frau glaubt, dass ihre Karriere unter der Elternschaft gelitten hat.

Dass die betroffenen Eltern nach der Geburt dann doch Reue empfanden, liegt laut Umfrage daran, dass sie sich in ihrer persönlichen Entfaltung gehindert fühlen. Mehr als jeder zweite gab dies an. Fast genauso viele meinen, sich für ihre Kinder und ihre Familie aufgeopfert zu haben. Dabei fühlen die Bereuenden ihre Einschränkung und ihre eigene Aufopferung stärker.

Den entscheidenden Einfluss scheint dabei die berufliche Situation der Eltern zu haben: Eltern, die in Vollzeit arbeiten, fühlen sich demnach weniger eingeschränkt und aufopfernd. In der Realität sieht es aber so aus, dass viele Eltern mit der Elternschaft zu Teilzeit wechseln oder ihre Stelle komplett aufgeben.

Jeder zweite Vater und jede zweite Mutter war der Meinung, die Gesellschaft erwarte von Müttern, für ihre Kinder auf beruflichen Aufstieg zu verzichten. Laut aktueller OECD-Statistik arbeiten hierzulande entsprechend mehr als 50 Prozent der Mütter in Teilzeit. Das aber ist einer der Hauptgründe, weshalb Frauen nur selten in Top-Positionen aufsteigen. Jede zweite Frau glaubt, dass ihre Karriere unter der Elternschaft gelitten hat.

Video: Die Mutterglück-Lüge

„Regretting Motherhood“ bei Geringverdienern

Auch das Gehalt beeinflusst ein mögliches „Regretting Motherhood“: Mütter und Väter mit einem Haushaltsnettoeinkommen von weniger als 1500 Euro gaben häufiger an, sie würden sich nicht noch einmal für Kinder entscheiden.

Einen weiteren Grund für die eigene Reue sehen viele Eltern in den fehlenden Betreuungsmöglichkeiten: Von den bereuenden Eltern schätzen 84 Prozent das Angebot in der Kinderbetreuung als unzureichend ein. Zwei Drittel aller befragten Eltern finden, es gebe zu wenige Betreuungsplätze. Besonders solche Eltern, die die Betreuung bemängeln, denken, dass Kinder den beruflichen Aufstieg behindern und dass es Mütter schwerer haben als Väter.

Fazit der Studie: Meist sind die Eltern vom „Regretting Motherhod“ betroffen, die ihre Stelle auf Teilzeit gekürzt oder ganz aufgegeben haben und entsprechend wenig verdienen. Sie sind häufig alleinerziehend, haben wenig Hilfe von Freunden und Familie und bemängeln die unzureichenden Betreuungsplätze.

Regretting Motherhood

95 Prozent der Eltern lieben ihre Kinder.

Trotz der Reue vieler Eltern aber mangelt es offenbar nicht an Aufopferungsbereitschaft. Von den befragten Eltern gaben 95 Prozent an, dass sie ihre Kinder liebten. Jeder Zweite gab an, dass es möglich sei, die Entscheidung für Kinder im Allgemeinen zu bereuen, seine Kinder aber gleichzeitig zu lieben.

Bildquelle: iStock/Ridofranz, iStock/shironosov, iStock/Halfpoint

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