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Trend-Check: Craft Beer

Anna-Maria von Kentzinskyam 07.08.2015 um 10:15 Uhr

Eine Kneipentour. Ein Sommerabend im Biergarten. Eine Grillparty im Park. Das Feierabendbierchen. Es gibt viele gute Gründe, mit einem erfrischenden Bier gemeinsam anzustoßen. Was dem einen oder anderen jedoch immer wieder aufstößt, ist das Massenprodukt-Einerlei im Getränkemarktregal. Doch seit einiger Zeit erfasst ein neuer Trend die Biernation Deutschland: Craft Beer. Handgemachtes Bier mit individuellem Charakter erobert die Liebhaber des gehopften Schluckes. Wir verraten Dir, was hinter dem Begriff Craft Beer steckt.

2012. Die Frankfurter Rundschau berichtet, dass der Bierabsatz in Deutschland auf einem Tiefpunkt ist. Die Deutschen, so scheint es, haben keine Lust mehr auf ihr Volksgetränk. Dabei versuchen die Brauereien angestrengt, den Markt mit Biermischgetränken wieder zu beleben. Doch diese Mixturen machen gerade einmal 4,5 Prozent des gesamten Bierabsatzes aus und wirkliche Liebhaber lassen sich mit Cola, Limonade oder Fruchtsäften im geliebten Bier nur bedingt locken.

Craft Beer haucht der deutschen Bierbraukultur mit kreativen Bieren und traditioneller Brauart neues Leben ein

Craft Beer haucht der deutschen Bierbraukultur mit kreativen Bieren und traditioneller Brauart neues Leben ein

Woran mag es liegen, dass die Luft raus ist aus der Lust am Hopfen? Ist es vielleicht die Eintönigkeit im Bierregal, die wenigen großen Industriebiere, die man früher oder später kennt wie aus dem Effeff? Gerade, wenn man eine Biersorte bevorzugt, hat man sich durch das Angebot schnell durchprobiert, vor allem jenseits von Bayern und Nordrhein-Westfahlen. In diesen zwei Bundesländern ist der Bierkonsum deutschlandweit am höchsten, was auch mit den vielen kleinen Brauereien zusammenhängt, die das Angebot in der Kneipe deutlich vielfältiger machen. Im Rest des Landes lassen selbst solche kleinen Lichtblicke auf sich warten. Bis jetzt. Diese Lücke füllt das Craft Beer, das sich langsam aber sicher im ganzen Land verbreitet und immer mehr Genusstrinker für sich begeistert.

Was steckt hinter Craft Beer?

Craft Beer ist ein englischer Begriff, wobei „craft“ für Handwerk oder Handarbeit steht und „Beer“ für – Trommelwirbel – Bier. Es geht also um handgemachte Biere, die sich deutlich von der Industrieflasche abheben, weitab vom Pilseinerlei. Craft Beer, das sind Biere mit besonderen Zutaten, mit experimentellen Braustilen und Geschmacksvielfalt. Ob Ale, Pils, Lager, IPA oder Porter, es gibt eigentlich keine Biersorte, die nicht als Craft Beer neu interpretiert werden kann. Hinter der Idee von Craft Beer steht nicht das Bestreben, das neue Mainstream-Bier zu kreieren, es weltweit zu exportieren und damit möglichst reich zu werden. Im Gegenteil. Meistens beliefern kleine Craft Beer Brauereien nur einige wenige Kneipen. Oder aber die Kneipen produzieren ihr eigenes Bier. Schließlich will man sich mit dem hausgemachten Produkt von der Masse absetzen, Unikate schaffen, herausstechen. Mit Herzblut und Leidenschaft bei der Sache sein. Der finanzielle Gewinn ist dem deutlich untergeordnet. Unabhängigkeit ist ebenfalls ein wichtiger Faktor, wenn es um Craft Beer geht: Die Mikrobrauereien sind in der Regel nicht an Konzerne oder große Brauereien gebunden, denn das übergeordnete Unternehmen würde schnell versuchen, den Gewinn zu „optimieren“ – oft auf Kosten des Endprodukts. Auch wenn es keine feststehende Definition für Craft Beer gibt, ist sich die Szene darüber einig, dass große Firmen maximal einen Anteil von 25 Prozent an der Handwerksbrauerei haben dürfen, damit der Name Craft Beer auch wirklich gerechtfertig ist. Allerdings wäre es falsch zu behaupten, dass nur die ganz kleinen Brauereien Craft Beer produzieren oder jene, deren Produktionsmenge unter einem bestimmten Wert liegt. Oft werden Craft Beer und Mikrobrauereien in einem Atemzug genannt und tatsächlich sind es in der Regel eher die ganz Kleinen, die sich mit einer Auswahl an sorgsam und in Handarbeit hergestellten Bieren auf dem Markt behaupten wollen. Doch auch Hersteller, die diese Höchstmenge überschreiten, können Craft Beer herstellen. Und sie tun es auch, denn es gibt sie durchaus, die erfolgreichen Brauereien, die als Mikrobrauerei angefangen haben und ihr Craft Beer inzwischen sogar exportieren. Dabei haben sie ihr Credo aber niemals verloren und brauen immer noch mit Leidenschaft Bier aus besten Zutaten und auf unkonventionelle Art und Weise.

Craft Beer – der Rebell im Hopfenfeld

Die Craft Beer Brauereien machen den Industrieriesen Konkurrenz. Nicht in der Masse, sondern in Qualität und Geschmack. Und in der Nicht-Einhaltung der „Norm“, im Ausbrechen aus der gehopften Langeweile. Sie schwimmen gegen den Strom, den die ganz großen über das Land ergießen. Doch das allein macht sie noch nicht zu Rebellen. Um Craft Beer auf traditionelle Art brauen zu können, wird das Reinheitsgebot manchmal eben nur als Leitfaden betrachtet. Denn es, so wird häufig beklagt, schränkt die Kreativität der Brauereien massiv ein. Es schreibt vor, dass ein Bier (vor allem ein untergäriges Bier) ausschließlich Hopfen, Malz, Hefe und Wasser enthalten darf. Craft Beer hingegen zeichnet sich unter anderem auch dadurch aus, dass heutzutage ungewöhnliche Zutaten wie Kräuter, Orangenschalen oder andere natürliche Aromageber dem Brauprozess zugesetzt werden; ein Verfahren, dass vor der bundesweiten Einführung des Reinheitsgebots in den 1960er nicht unüblich war und auch in der traditionellen Bierbraukunst Anwendung fand. Vertreter von Craft Beer, wie der Kreativbrauer und Biersommelier Olaf Wesseloh, fordern deshalb ein Umschwenken vom Reinheitsgebot auf ein Natürlichkeitsgebot. Denn es würde nicht nur eine größere Vielfalt anerkennen, sondern auch chemische Aromen aus Biermischgetränken verbannen. Doch damit hört das Rebellieren nicht auf. Craft Beer hat ein Flair fürs Dramatische, es provoziert, erfrischt und macht auf sich aufmerksam – und das nicht nur mit einer neuen alten Bierkultur, sondern auch mit aufsehenerregenden Flaschen, mit bunt designten Etiketten und ausgefallenen Namen. Oder wer würde hinter Zombie Dust, Dead Pony Club, Punk oder Torpedo Biere vermuten?

Die Geschichte von Craft Beer

Angefangen hat alles in den 1970er Jahren in Großbritannien. Damals entstand eine neue Generation an kleinen Brauereien, die unabhängig von den Markt dominierenden Brauereien und weitab von Pub-Ketten traditionelles Bier brauten. Die erste erfolgreiche Craft Beer Brauerei war die „Litchborough Brewery“, die 1974 von Bill Urquhart gegründet wurde und sich auf fassgereiftes Ale spezialisiert hat. Kurz darauf schwappte der Trend dann in die USA über, wo er erst richtig Fahrt aufnahm. Daher wird von der Craft Beer Bewegung auch oft als eine amerikanische „Erfindung“ gesprochen. Seit Jahren ist dort ein deutlicher Zuwachs von kleinen Brauereien zu verzeichnen: Waren es Mitte der 70er Jahre gerade einmal 122 dieser Craft Breweries, sind es heute über 2.800. Doch woran liegt es, dass Craft Beer knapp 40 Jahre später wieder so an Popularität gewinnt, obwohl es sich dabei nicht um ein neues Phänomen handelt? Die Antwort liegt wahrscheinlich in der aktuellen Besinnung auf einen gesünderen Lebensstil, der sich in Superfoods, Home Growing, Slow Food, Do It Yourself oder auch in der veganen Lebensart ausdrückt. Es wird wieder selbst gekocht und gebacken, auf dem Balkon wachsen Tomaten und Rosmarin statt Stiefmütterlein und Rosen. Es wird darauf geachtet, wo die Lebensmittel herkommen, wie sie angebaut wurden und ob die Bauern fair bezahlt werden. Man nimmt sich Zeit und es gibt offensichtlich einen Wunsch nach einer größeren Verbundenheit zu unserer Umwelt und zu bewusstem Genuss. Die Craft Beer Bewegung passt hier hervorragend hinein und erlebt daher ein echtes Revival.

…und wo bekommt man nun Craft Beer?

Wie es nun einmal so ist mit neuen Dingen und Trends, fassen sie in Großstädten am schnellsten Fuß. In Düsseldorf, Köln, Stuttgart, Berlin, Hamburg und München gibt es in hippen Szenekneipen und Kiosken Craft Beer zu kaufen und auch der ein oder andere Getränkemarkt mag einige Exemplare führen. Doch selbst in beschaulicheren Städtchen halten Craft Biere langsam aber sicher Einzug. Es lohnt sich also, einfach mal Ausschau zu halten, nach ausgefallenen Flaschen und exotischen Namen. Dann ist die Wahrscheinlichkeit recht hoch, ein Craft Beer in der Hand zu halten. Deutsche Brauereien, die Kreativbiere herstellen, sind beispielsweise Crew Republic, Hanscraft & Co., Hopfenstopfer, die Störtebecker Braumanufaktur oder die Kehrwieder Kreativbrauerei. Doch auch der internationale Markt hat viel zu bieten, die wahrscheinlich bekanntesten Brauereien kommen aus den USA, und haben die Craft Beer Bewegung so richtig ins Rollen gebracht. Hierzu zählen die Brooklyn Brewery, Firestone Walker und Sierra Nevada. Auch Belgien, Großbritannien, Kanada, Dänemark und Österreich können so einiges, wenn es um Craft Beer geht. Wer sich in eine bestimmte Sorte verliebt hat oder sich einfach mal durchprobieren möchte, kann auch in Onlineshops an das Glück in der Flasche kommen und sich Craft Beer nach Hause liefern lassen.

Wem das Pils zu langweilig geworden ist oder wer beim Gedanken an Weizen einfach zu gähnen anfängt, der wird in Craft Beer ein aromatisches Paradies finden, das die Geschmacksknospen wieder aufblühen lässt. Craft Beer bringt neue Vielfalt ins Glas, eröffnet neue Welten und lässt die Bierbraukultur wieder aufleben. Craft Biere wollen nicht immer gleich sein. Und: Craft Beer wird hergestellt von Menschen, die ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht haben, denen guter Geschmack wichtiger ist als eine möglichst große Gewinnmarge, und die mit Leib und Seele bei der Sache sind. Das schmeckt man auch, denn bei diesen Exemplaren beginnt man mit jeder Flasche eine neue Aromareise.

Bildquelle: iStock/ivan_baranov

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