Eine Nacht bei den Grammys

Eine Nacht bei den Grammys

am 13.02.2008 um 00:00 Uhr

Sonntag, 10. Februar 2008. Ich freue mich schon den ganzen Tag wie Bolle auf die kommende, durchzumachende Nacht. Der Grund für’s Wachbleiben: die Grammy-Verleihung. Das ist das Schöne an den Wintermonaten – sie sind gefüllt mit spektakulären Preisverleihungen. Golden Globes, Oscars, Grammys – und ich will sie alle sehen. Da der Auftakt in diesem Jahr durch die doch sehr minimalistische – oder besser gesagt, nicht vorhandene – Verleihung der Golden Globes ziemlich ernüchternd war, ist mein Verlangen nach einer vernünftigen Award-Show ins Unermessliche gestiegen.

Um kurz vor zwei mach ich’s mir auf meiner Couch gemütlich und starre wie gebannt auf den Fernseher. Musik, Kamerafahrt zur Bühne und los geht’s. Nach den Performances von – wer zu Hölle ist das eigentlich – Carrie Underwood und der, dank ihres Besingens eines Regenschirms, wohl nervtötendsten Sängerin des letzten Jahres, Rihanna, bin ich guter Hoffnung, den Tiefpunkt der Veranstaltung schon zu deren Beginn gemeistert zu haben. Bei dem Kameraschwenk ins Publikum, auf Ringo Starr und Yoko Ono vermute ich, dass es Zeit ist für die alljährliche Ehrung der Beatles. Bitte nicht falsch verstehen, ich bin der Meinung die Beatles sollten alle Preise der Welt für ihr Lebenswerk bekommen, nur bitte nicht unbedingt immer On-Air. Ich kann die Lobeshymnen mittlerweile schon mitsprechen. (Vielleicht sollte ich mich einfach mal bewerben, um den Beatles ihren Grammy, American Music Award, MTV-Award oder was auch immer zu verleihen. Die passende Rede hätte ich schon parat!) Doch dann eine Überraschung! Ein Beatles Song wird angespielt und ich warte gespannt darauf zu erkennen, welche Band ihn wohl performt, doch dann der Schock: Niemand spielt, sondern der Cirque du Soleil tanzt dazu. Ich traue meinen Augen kaum. Das ist wirklich eine der furchtbarsten Sachen, die ich je in meinem Leben gesehen hab’! Als dann auch noch eine Soul-Version von „Yesterday“ zum Besten gegeben wird, bin ich kurz davor mir mein Abendessen nochmal durch den Kopf gehen zu lassen. Was haben sich Ringo und Paul nur dabei gedacht? Gut, Ringo ist vermutlich froh, dass es für ihn überhaupt noch Gründe gibt bei irgendwelchen Shows aufzutreten und Paul…ach ja, Paul. Der Arme braucht jetzt vermutlich jeden Penny, den er auftreiben kann – immerhin soll er Heather Mills ja 74 Millionen als Abfindung gezahlt haben.
Die Ausdruckstanzperformance zu Beatles-Musik ist nicht der einzige Moment während der Award-Show, in dem man sich fragt, ob die Musiker und die Grammy-Academy noch ganz bei Trost sind. Nein, es gibt noch eine Botox-Show, mit Cher, Tina Turner und Little Richard, deren Gesichter allesamt beim Singen und Sprechen zu platzen drohen, in den Hauptrollen. Und auch das Best-Of der erfolgreichsten Hits aus den letzten fünfzig Jahren, gesungen von Will I Am, löst tief in mir drin den Willen aus, vor Schmerzen laut loszuschreien.

Nicht, dass hier der Eindruck entsteht, die Grammy-Verleihung sei die reinste Qual für den Zuschauer. Ganz im Gegenteil – der größte Teil der Veranstaltung ist mal wieder eine Freude für Augen und Ohren. Der erste wirkliche Freudentaumel bricht in meinem Wohnzimmer aus, als Kanye West in einer blinkenden David Hasselhoff-Gedächtnisjacke auf der Bühne erscheint. Noch beeindruckender als die Jacke ist seine Brille, die ebenfalls blinkt und leuchtet. Eigentlich leuchtet alles – sogar die Elektroband Daft Punk, die schließlich noch als Überraschung aus einer Pyramide gezaubert werden.
Auch die Auftritte der Foo Fighters und die Performances von Alicia Keys zusammen mit dem Songwriter John Mayer oder der immer noch fantastischen Aretha Franklin kann man getrost als großes Tennis bezeichnen. Eine der Überraschungen der Show liefert Amy Winehouse, die nebenbei auch noch fünf Grammys abräumt, via Satellit aus London. Wider aller erwarteten Horrorszenarien versteht man tatsächlich jedes Wort der unfassbar nüchtern aussehenden Britin.

Zum Ende der Show, noch ein Knaller: Es gibt einen Gewinner, den vorher wohl niemand auf dem Schirm hatte, nämlich Barack Obama. Jawohl, der demokratische Präsidentschaftskandidat! Noch grotesker ist die Situation dadurch, dass einer seiner Mit-Nominierten tatsächlich Bill Clinton war. Da fragt man sich, ob der Ausgang der Grammys in der Kategorie „Best Album – Spoken Word“ ein Zeichen für den Ausgang des Wahlkampfs ist? Ganz nach dem Motto: Es kann nur einen geben!

Es war eine bombige Nacht! Sämtliche Stufen auf dem Stimmungsbarometer, vom Jubelausbruch über lautes Schimpfen bis hin zu tiefster Fremdscham, alles durchlebt ohne dabei von der Couch aufzustehen. Besser kann es nicht laufen und deshalb plädiere ich dafür, dass die Grammys ab jetzt im Abstand von 6 Monaten durchgeführt werden – ein Jahr Warten ist mir echt zu lang.


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