Nichts für Feiglinge

Wotan Wilke Möhring im Interview

Seit dem 18. April läuft der neue Film von Wotan Wilke Möhring im Kino, am 28. April ist endlich der mit Spannung erwartete neue Tatort mit dem Ausnahmeschauspieler im deutschen Fernsehen zu sehen. Der Schauspieler, Musiker und Vater dreier Kinder kann inzwischen auf eine Karriere mit über 90 Film- und Fernsehproduktionen zurückblicken – dabei ist ihm das Kunststück gelungen, sich als Mensch und Künstler immer treu zu bleiben. Erdbeerlounge traf Wotan Wilke Möhring zum Gespräch.

Wotan Wilke Möhring

Wotan hat einen neuen Film

In Deinem neuen Film „Das Leben ist nichts für Feiglinge“ geht es viel um Leben und Tod – vor allem um den Tod. Wenn Du wüsstest, dass Du nur noch wenige Monate zu leben hättest, was würdest Du dann tun?

Ich würde mich denen zuwenden, die mir am liebsten sind: meiner Familie. Und vielleicht noch eine letzte große Reise machen.

Du hast drei Kinder, die alle noch ziemlich klein sind. Welche Rolle spielt bei Euch zuhause der Tod: Thematisierst Du das jetzt schon oder kannst Du Dir vorstellen, wie Du mit ihnen darüber reden würdest?

Natürlich spielt der Tod eine gewisse Rolle: Mein Vater lebt beispielsweise nicht mehr, die Uroma ist gestorben. Bei meiner ältesten Tochter, die ist jetzt vier, ist das dann schon so, dass man erklären muss, wo die denn jetzt hin sind. Man muss eine Erklärung finden, die kindgerecht ist, beziehungsweise lernt man andersherum ja auch von den Kindern: dass zum Beispiel die Großeltern jetzt eben da oben sitzen und zugucken. Man bekommt also auch etwas zurück und es ist nicht so, dass man nur als Erwachsener den Kindern die Welt erklärt, sondern auch anders herum. Man versucht ein Bild zu finden, das die Kinder verstehen können. Andererseits ist der Tod für ein Kind, soweit es eben versteht, dass jetzt etwas für immer weg ist, teilweise klarer als für uns. Die Unfassbarkeit, die damit verbunden ist, ist dem Kind fremd.

Dein Film regt ja auch zum Nachdenken an…

…Das hoffe ich doch sehr!

Was ist denn die zentrale Botschaft?

Ich habe selten einen lebensbejahenderen Film mit soviel warmherzigem Humor gemacht als diesen – auch wenn der Tod der Ausgangspunkt ist. Was man mitnehmen kann ist, dass der Tod eben auch unser Begleiter ist: Er ist nicht nur das Ende des Lebens, sondern er ist immer da. Vielleicht kann man dem Tod so begegnen oder auch mit Humor, irgendwie versuchen ihn zu integrieren, so schwer das auch ist. Es geht auch darum, dass der Tod eben verschiedene Ausgangsformen hat: Da ist zum einen der plötzliche Unfalltod der Frau und Mutter, aber auch der vorbereitete Abgang der Großmutter, die sagt „Ich hab aufgeräumt, ich kann gehen“ und zeigt, dass der Tod eben unser ständiger Begleiter ist. Auch dass man spätestens im Verlust begreift, was die Lebenden um einen herum einem bedeuten, spielt eine Rolle, das ist für die Vater-Tochter-Beziehung, um die es in dem Film geht, ganz wichtig.

Geht es in dem Film eigentlich eher darum, den Tod stärker ins Leben zu integrieren oder ist „Das Leben ist nichts für Feiglinge“ mehr ein Plädoyer dafür, das Leben zu leben, so lange es noch da ist?

Ich würde gerne sagen das Zweite, aber das stimmt nicht ganz: Ich glaube, dass der Tod uns zeigt, was wir am Leben haben – aber das eine kann es nicht ohne das andere geben. Ich glaube schon, dass es mehr um das Leben geht. Es ist natürlich auch ein Film, der zeigt, wie Menschen in einer Verlustsituation an Grenzen geraten – wie jemand sich in einer Notsituation verhält, spiegelt auch viel Persönliches wieder. Darum ringen die beiden, also Vater und Tochter: Um die Liebe zueinander, um das Weiterleben.

Gibt es Parallelen zwischen Deiner Filmrolle, Markus Färber, und Dir selbst?

Ich denke, ich wäre in einer vergleichbaren Situation weniger apathisch. Trauer kann ja viele Gesichter haben: Hoffnungslosigkeit, Wut, Nichtstun, Anklage – all das spielt in der Geschichte auch eine Rolle. Ich würde aber mit meiner Trauer deutlich aktiver umgehen, als das Markus Färber macht.

Kim, im Film Deine Tochter, ist eine sehr entschiedene Außenseiterin. Kannst Du Dir vorstellen, wie es sein wird, wenn Deine Kinder in diesem Alter gegen ihre Eltern rebellieren, manchmal auch nur um des Rebellierens willen? Wie wirst Du damit umgehen?

Ein Abnabelungsprozess, so extrem er auch sein mag, wie zum Beispiel bei Kim und ihrer Gruftiwelt, ist in meinen Augen total wichtig. Ich fände es eher seltsam, wenn es den nicht gäbe. Ich finde es sogar gefährlich, wenn eine Generation einfach das schluckt, was ihr die Generation vor ihr schon vorgekaut hat. Es ist eben wichtig, dass eine Verbindung zwischen Eltern und Kind bestehen bleibt, die dem Kind auch die Gewissheit gibt, immer wieder zurückkehren zu können.

Bist Du ein strenger Vater?

Streng nicht, aber ein bestimmtes Regelwerk braucht man einfach zum Zusammenleben. Wichtig ist aber, dass man diese Regeln auch selbst einhält. Wenn Du Regeln aufstellst, an die Du selbst Dich nicht hältst, glauben Dir die Kinder einfach nicht. Verkopfte Erziehungstherapie prallt an so einem Kind einfach ab: Wenn Du das Messer ableckst, lecken die Kinder das Messer auch ab, ganz einfach. Ich finde aber andererseits auch, dass Regeln dazu da sind, um sie manchmal zu brechen. Die Welt wird schon früh genug von Regeln regiert, deshalb finde ich, dass man das seinen Kindern solange wie möglich ersparen sollte.

Punker, Soldat, Model, Türsteher – Du hattest schon viele Rollen, als Schauspieler und als Mensch. Wie schwer ist es für ein Kind, bei einem so schillernden Vater eine eigene Rolle zu finden?

Ich persönlich finde es wichtig, dass man etwas sein will, weil man sich wirklich so fühlt, es ernst meint. Wenn der einzige Grund für eine Lebensentscheidung oder einen bestimmten Stil einfach nur der ist, anders zu sein, finde ich das fade, aufgesetzt. Eine Abnabelung muss nicht immer ein Riesenschritt sein, manchmal ist es einfach eine Geisteshaltung, eine Meinung zu einem bestimmten Thema.

Til Schweigers Kinder haben inzwischen alle schon selbst vor der Kamera gestanden. Kannst Du Dir das für Deine Kinder auch vorstellen?

Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Meine Kinder verstehen aber auch noch gar nicht, wie ich mein Geld verdiene: Meine älteste Tochter ist vier, für sie ist das noch völlig abstrakt. Wenn sie eines Tages aus sich heraus entscheiden, dass sie das wollen, werde ich dem auch nicht im Wege stehen. Aber das ist eine Entscheidung, die eben von den Kindern kommen muss.

Wotan Wilke Möhring mit unserer Redakteurin

Wotan im Gespräch mit Erdbeerlounge

Nach Til Schweiger bist Du nun der zweite prominente Tatort-Komissar, der dieses Jahr seinen Einstand gibt, ihr tretet beide im nördlichen Raum zum Dienst an, Dein erster Tatort spielt ebenfalls in Hamburg. Wie groß ist die Konkurrenz tatsächlich?

Durch meinen kurzen Gastauftritt in Tils Tatort haben wir ja bereits versucht, dem Ganzen mit einem Augenzwinkern die Spitze zu nehmen, zu zeigen dass es eben keinen Wettstreit gibt. Wir sind ja auch befreundet. Vielleicht war es etwas ungeschickt, beide Folgen in Hamburg spielen zu lassen – allerdings ist das bei mir ja nur der erste Fall, der nächste findet beispielsweise auf Langeoog statt. Tatsächlich gibt es bei uns keine Konkurrenz: Til hat ja etwas ganz besonderes gemacht, seine eigene Art des Tatorts – und meine Art wird eben eine ganz andere sein.

Du hast den Tatort einmal als „das Lagerfeuer der Deutschen“ bezeichnet. Rechtfertigt das den starken Fokus auf Einschaltquoten, der zuletzt immer deutlicher wurde?

Ich glaube, es gibt da Quantität und Qualität, auch bei den Zuschauern. Ziel des Tatortes ist ja gute Unterhaltung und nicht, möglichst viele Leute um jeden Preis vor dem Fernseher zu versammeln. Das war und ist auch nie mein Anspruch gewesen, meine Art an Projekte heranzugehen. Wir machen eben einen Film, und wenn der Film zufällig „Tatort“ heißt, dann ist man froh und stolz und möchte natürlich auch, dass möglichst viele zuschauen. Man wird es aber nie allen recht machen können, das ist völlig klar, obwohl es natürlich für so eine Reihe schön ist, wenn die gut läuft. Quotenabhängig mache ich mich aber nicht.

Es geht ja trotzdem um brennende Autos – mit wie viel Pyrotechnik muss man bei Deinem Tatort rechnen?

Ach, gar nicht – die entzünden sich ja in dem Film von selber. Wir wollten ein politisch relevantes Thema wählen, ein Großstadtthema außerdem, passend für Hamburg, und das ist eben so ein Thema. Mit dem Auto trifft man ja interessanterweise die Seele des Besitzers, was grotesk ist, das ist schließlich einfach Metall und Gummi, was da verbrennt. Aber das ist eben etwas sehr Deutsches, deshalb fanden wir, dass es ein gutes Einstiegsthema ist.

Gibt es eigentlich eine Traumrolle, die Du gerne einmal spielen möchtest?

Ich habe ja schon immer viel abgesagt, Rollen sehr selektiert. Ich nehme meinen Beruf sehr ernst, deshalb sind mir Absagen genauso wichtig wie Zusagen.
Natürlich ist es immer spannend, menschliche Abgründe zu spielen, Charaktere in die Tiefe zu begleiten – aber die Welt retten wäre auch mal ganz schön.

Bei all den vielen Rollen, die Du bereits gespielt hast, zeigt sich tatsächlich eine gewisse Faszination für Abgründe, die Auseinandersetzung mit menschlichen Extremsituationen. Woher rührt das?

Grenzen auszuloten interessiert mich zum einen auch einfach persönlich: In Extremsituationen sieht man, wie Menschen ticken. Außerdem gibt Dir ein menschlicher Abgrund, eine Zerrissenheit, die Möglichkeit, als Schauspieler Dein Repertoire auszuleben: Du kannst richtig spielen, etwas entwickeln. Wie sieht es in der Person aus, wie kannst Du das zeigen? Das ist einfach spannend. Dabei geht es eigentlich weniger um die Extremsituation an sich, sondern vielmehr um die Tiefe, die damit einhergeht.

Inzwischen bist Du ja ganz klar ein Familienmensch. Wie passt das mit dem roten Teppich zusammen?

Der rote Teppich gehört eben zum Job, macht mir aber auch Spaß. Schließlich geht es darum, auf den Film hinzuweisen, den man gemacht hat und man möchte ja auch, dass die Welt den sieht und mitbekommt, weil man hinter dem Projekt steht, daran glaubt. Gleichzeitig ist der rote Teppich auch immer das Ende einer Arbeit. Ab da entlässt man das „Baby“ quasi in die freie Welt, dann kann man nicht mehr viel machen. Der rote Teppich ist natürlich auch eine Art Zäsur: Es ist eben die Premiere, das ist natürlich schon spannend.

Wie war die gemeinsame Arbeit mit Helen Woigk?

Super. Natürlich hatten wir eine etwas ausgiebigere Probenphase – es ist ja auch ein gewisses Wagnis für einen Regisseur, jemanden zu besetzen, der bis dahin eben noch nicht soviel gezeigt hat, im Casting lässt sich das auch nur sehr schwer einschätzen. Aber es hat viel Spaß gemacht, Helen hat einen super Humor. Oft färbt ja die Rolle auch etwas auf das Verhalten jenseits des Sets ab, aber es war nicht so, dass ich dann immer der Papa sein musste: Wir haben viel rumgeflachst und uns gut verstanden.

Du bist ja großer Fußballfan – wie extrem bist Du in dieser Eigenschaft?

Schon extrem. Also jedenfalls so extrem, dass ich zum Spiel nach Málaga fliege. Fußball ist einfach eine Sache, in der man total aufgehen, alles andere abschalten kann. Dieses Mitfeiern und Mitfreuen in einer Gemeinschaft ist einfach etwas Besonderes.

Vielen Dank und viel Spaß in Málaga!

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Kommentare (2)

  • Ja total! Ich freu mich schon auf den Tatort :)

  • ich bin ein fan von Wotan Wilke Möhring!


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